Theater

Mutter und Sohn singen gemeinsam an der Deutschen Oper

Angelika Nolte und ihr Sohn Aaron singen im Opernchor - einer der erfolgreichsten Chöre Deutschlands. Manchmal treten sie gemeinsam auf.

Foto: Christian Kielmann

Manchmal winken sie sich auf der Bühne heimlich zu. Das darf keiner bemerken, denn beide haben ihre Rollen zu spielen. Mutter Angelika Nolte gehört zum Chor der Deutschen Oper Berlin, Sohn Aaron zum Kinderchor. „Es ist schon witzig, gemeinsam auf der Bühne zu stehen“, sagt die Choristin. Und der zehnjährige Aaron spricht sofort über Verdis „Otello“, wo seine Mutter auch seine Bühnenmutter ist. Da seien sie gerade aus dem Krieg gekommen, erklärt Aaron den Hintergrund der Handlung. Und seine Mutter fügt hinzu, sie habe gleich sieben Chorkinder in der Szene. Das waren noch kinderreiche Zeiten. Im „Falstaff“ dagegen treffen sich Mutter und Sohn nicht auf der Bühne, dann wird aus der Ferne gewinkt. Der Opernbetrieb ist schon ein prägendes Stück ihres Familienlebens. Und sie nehmen das alles sehr ernst.

Opernchor des Jahres

Der Chor ist ein wichtiges Ensemble im Opernbetrieb, auch wenn kaum einer die Namen der einzelnen Sänger kennt. In den Premierenkritiken tauchen sie oft nur in kurz lobenden Sätzen auf. Dabei ist gerade der Chor der Deutschen Oper Berlin einer der erfolgreichsten im Lande. Er wurde von Kritikern zum „Opernchor des Jahres“ 2008, 2009 und gleich noch 2010 gewählt und mit dem Europäischen Chor-Preis der Stiftung Pro Europa geehrt.

Über den Choralltag sagen die Preise zunächst wenig aus. Angelika Nolte beschreibt es irgendwie als ihr Leben. Was durchaus auch organisatorisch zu verstehen ist. Die Proben finden in den Kernzeiten vormittags zwischen 10 und 14 Uhr und abends zwischen 18 und 22 Uhr statt. Es sei denn, der Chor muss abends auftreten. Die Vorstellungen finden im Opernbetrieb vorrangig um das Wochenende herum statt. Dann hat das Publikum mehr Zeit und Muße, um ins Theater zu gehen. Allein der Montag ist spielfrei. Aaron meint, dass er seine Mutter lieber abends zu Hause hätte. Aber er stehe ja manchmal mit ihr auf der Bühne. Wobei seine Bühnenpräsenz vom Gesetzgeber streng begrenzt ist: Laut Jugendarbeitsschutzgesetz darf er nicht mehr als 30 Aufführungen pro Jahr absolvieren.

Pause beim „Parsifal“

Bei Wagners „Parsifal“, der gerade von Regisseur Philipp Stölzl als Jubiläumsproduktion vorbereitet wird und am 21. Oktober Premiere hat, ist Aaron deshalb nicht mit dabei. Er ist bereits in „La Boheme“, „Carmen“, „Tosca“, „Jeanne d’arc – Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna“, „Falstaff“ und „Otello“ verpflichtet. Wobei natürlich nicht jede Oper in jeder Saison auf dem Spielplan steht. Aaron mag vor allem Inszenierungen, in denen er „viel rennen und Spaß haben“ kann.

Insgesamt 32 seiner Kinderchor-Kollegen werden gerade auf den „Parsifal“ vorbereitet, um die Zwanzig sind dann in der Vorstellung aktiv. Insgesamt gehören 110 Kinder zwischen sechs und fünfzehn Jahren zum Ensemble. Der Kinderchor ist noch ziemlich jung, gerade mal 2008 gegründet worden und mit der „Carmen“-Premiere im Jahr darauf offiziell in den Opernbetrieb eingetreten. Aaron gehört mit zur Gründergeneration. Eigentlich wollte er damals nicht so recht. Er macht lieber Sport und geht viermal die Woche zum Fußball. Das machen andere Jungs wohl auch lieber, der von Christian Lindhorst geleitete Kinderchor besteht zu Dreivierteln aus Mädchen. Und weil die Jungen heutzutage schon früher in den Stimmbruch kommen, mit 12 oder 13 Jahren, bleiben sie auch nicht mehr so lange im Chor.

Aaron wurde von seiner Mutter mit der Bezahlung geködert, erzählt Angelika Nolte lächelnd. Immerhin erhalten Chorkinder für jeden Opernauftritt zwischen 20 und 30 Euro, für ein Solo gibt es fünf Euro drauf. Das Geld, was er verdient, hat Aaron fest angelegt. Für seine spätere Ausbildung, wie er sagt. Das klingt schon ziemlich erwachsen. Was genau er studieren möchte, kann der Zehnjährige noch nicht sagen. Aber er ist ein rundum fleißiger Schüler, die dritte Klasse hat er übersprungen, jetzt ist er bereits in der sechsten. Nebenbei lernt er noch Klavier und Saxophon.

Profis nehmen Gesangsunterricht

Angelika Nolte gehört seit 1996 fest zum Chor der Deutschen Oper. Sie singt im Zweiten Sopran. Die Medizinertochter aus Hannover war 1994, da hatte sie gerade zwei Studienjahre als Gesangsstudentin hinter sich, für ein Praktikum an die Deutsche Oper gekommen. Ein Jahr später sprang sie als Schwangerenvertretung ein. Nach einem Vorsingen wurde sie eingestellt. Das Studium hat sie nebenbei, an freien Tagen, zu Ende gebracht. Neben der Operntätigkeit ist sie in Sachen Kirchenmusik aktiv, darüber hinaus gibt sie Lieder- und Arienabende. Es ist selbstverständlich, dass Profis regelmäßig selber Gesangsunterricht nehmen. Sich kontrollieren lassen. Das passiert durchschnittlich einmal die Woche.

An der Deutschen Oper ist Angelika Nolte eine von 80 Chorsängerinnen und Chorsängern. Das Haus hat etwas weniger ausfinanzierte Planstellen als die konkurrierende Staatsoper. In finanziell besser gestellten Zeiten, den Sechzigerjahren, gab es fast 120 Choristen. Was der Größe der Bühne entsprach, aber solche Argumente zählen heute nicht mehr. Für den bevorstehenden „Parsifal“ müssen zu den 80 festen Choristen weitere 18 Extrasänger auf der Bühne und zehn hinter der Bühne verpflichtet werden. Plus Kinderchor sind dann rund 130 Chorstimmen involviert. Wagner braucht viele gute Stimmen. Angelika Nolte mag neben Wagner vor allem Puccinis Musik. „Er hat die Gefühle so schön hineinkomponiert“, sagt sie. Sohn Aaron dagegen mag – aufgemerkt - das Zeitgenössische: Braunfels’ „Heilige Johanna“ aus den Dreißigerjahren findet er wegen der „leichten Höhe“ besonders schön zu singen.

Singendes Volk auf der Bühne

Feste Opernchöre an den Häusern ist eine Tradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die Opernkomponisten immer mehr „singendes Volk“ auf die Bühne holten. Die Profisänger gehören auch zur Tradition der hundertjährigen Oper in Charlottenburg. Mit der Wiederöffnung der Deutschen Oper 1961 wurde der Chor von Walter Hagen-Groll wieder belebt. Zu seinen Nachfolgern als Leiter gehörten Marcus Creed und Karl Kamper. Seit 2007 ist der US-Amerikaner William Spaulding Chordirektor. Zu seinem Klangverständnis gehört es, dass die höchsten und tiefsten Stimmen, die ersten Soprane und Tenöre sowie die zweiten Alte und Bässe, etwas zahlreicher besetzt sind. Ansonsten setzt er auf Offenheit gegenüber allen Projekten, Stilen, Regiehandschriften. Spaulding ist mit seinem Chor auch auf Konzertpodien außerhalb der Bismarckstraße gefragt.

Angelika Nolte und Sohn Aaron bleiben dennoch eine Ausnahme an der Deutschen Oper. Nur drei Kinder von Eltern aus dem Profichor gehören dem Kinderchor an, darüber hinaus zwei Orchesterkinder.

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