Morgenpost Online: Vor ein paar Wochen waren mit Ihnen und Daniel Barenboim gleich zwei gegenwärtig in Berlin beheimatete Dirigenten bei der olympischen Eröffnungsfeier in London dabei. Sie an der Spitze des London Symphony Orchestra und Barenboim als einer der Träger der olympischen Flagge. Haben Sie sich da eigentlich getroffen?

Simon Rattle: Leider nein. Da waren 15.000 Mitwirkende und viel zu viel Security dazwischen. Da ist dann auch die Klassik ganz klein. Aber es war wunderbar, mit dem von mir sehr verehrten Mr. Bean aufzutreten, das hätte ich mir nie träumen lassen. Und der hat verdientermaßen als One-aNote-Keyboarder den meisten Applaus bekommen. Dafür musste sich dann Daniel am nächsten Tag bei einer Probe mit dem West-Eastern Divan Orchestra viel Spott über seinen weißen Anzug gefallen lassen.

Morgenpost Online: Daniel? Sind Sie inzwischen Freunde? Bei den Philharmonikern haben Sie um den Chefposten konkurriert.

Simon Rattle: Na ja, da wurden wir unfreiwillig in eine Konkurrenzsituation gebracht. Heute überlässt er generös mir und Magdalena immer wieder sein Opernhaus.

Morgenpost Online: Hätten Sie bei Ihrem Antritt 2002 jemals gedacht, sich so in Berlin zu integrieren? Karajan wohnte im Hotel.

Simon Rattle: Wohl nicht, aber es hat sich eben wirklich viel geändert. Und ich genieße jetzt die Situation total.

Morgenpost Online: Auch das Berliner Essen?

Simon Rattle: Gibt es das noch? Eine Berliner Spezialität fällt mir ein – Wildschwein. Das kenne ich sehr gut lebend, denn ich stand ihm bei uns zu Hause schon öfter gegenüber. Und anders als mit einem wütenden Orchestermitglied habe ich mich da auf keine Diskussionen eingelassen, sondern bin schnell weg. Die sind einfach stärker und aggressiver. Doch das liebe ich an Berlin: Ich kann an einem Ort wohnen, wo es Wildschweine und Rehe gibt, und zwanzig Minuten später bin ich am Potsdamer Platz. Ich finde es so relaxed hier. Ich fühle mich inzwischen in London fremd, war acht Jahre nicht mehr da, sehe es jetzt fast wie ein Tourist. Und das mir: Vor Berlin habe ich nie lange im Ausland gelebt hat .

Morgenpost Online: Interessiert Sie England noch?

Simon Rattle: Natürlich. Aber ich bin weiter weg. Vor allem die politischen Sachen sehen von Berlin für mich jetzt nur wie Details aus. Früher war ich ein Politik-Junkie, jetzt bin ich viel gelassener. Ich bewundere Angela Merkel, nicht nur weil sie Musik mag. Mehr noch freilich ihr Mann. Sie wäre wohl die Einzige, die ich in mein Haus lassen und der ich ein Essen kochen würde. Sie hat die soziale Gabe zuzuhören, sie ist so geerdet, das mag ich.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich ausbalanciert?

Simon Rattle: Im Großen und Ganzen. Da sind natürlich die Berliner Philharmoniker; die im Griff zu haben, ist schwer und stressig, aber auch wunderschön, der wohl härteste Musikjob der Welt. Und da ist eine neue Familie, die viele Gedanken abzieht, die manches leichter macht. Man müsste aber bei diesem ständig fordernden Orchester ein übernatürliches Selbstvertrauen haben, um die Konflikte nicht so dicht an sich herankommen zu lassen. Zum Glück sind die meisten für sich genommen sehr normale Leute. Und Berlin ist ein wunderbarer Platz zu leben, das hilft.

Morgenpost Online: Spüren Sie das auch bei den jüngeren Orchestermitgliedern?

Simon Rattle: Schon. Noch sind es mehrheitlich Deutsche. Aber wie lange noch? Wir sind bereits 26 Nationalitäten, manche kommen auch nicht nur wegen des Orchesters, sondern wegen Deutschland. Und sind bisweilen irgendwann deutscher als die Deutschen … Wunderbarerweise bewahrt sich dieses Orchester seinen Klang, der trotz aller Flexibilität immer da ist, und entwickelt ihn weiter. Alle Neuen tauchen sofort ein in diese Aura aus Tradition und Wissen. Natürlich auch ich.

Morgenpost Online: Um dann mit der Aura zu kämpfen?

Simon Rattle: Das klingt so aggressiv. Wer hierherkommt, sucht kein leichtes Leben. Ich setzte mich mit den Philharmonikern auseinander, ändere, erweitere ihre Möglichkeiten. Zwingen möchte ich sie nicht, das kann heute ein Dirigent kaum mehr – oder nur für sehr kurze Zeit. Diese Spieler können inzwischen so viel anbieten. Sie spielen Rameau und Swing von Wynton Marsalis. Sicher, nicht alle waren zufrieden mit meiner Wahl zeitgenössischer Stücke. Aber das ist überall so, je experimenteller es wird, je unbekannter, desto mehr Widerstand ist da. Und hier sind sie sehr konservativ, auch die jungen. Aber ich habe die Signale verstanden.

Morgenpost Online: Zum Beispiel?

Simon Rattle: Schauen Sie auf den Spielplan. Wir musizieren wieder mehr deutsches Repertoire, das ist für mich wichtig, aber auch für das Orchester, in dem viele der Jungen große Kernwerke noch nie gespielt haben. Wir haben einmal die 5. Sinfonie von Beethoven ohne jede Probe vor 27 Staatsoberhäuptern gespielt, und für den Konzertmeister war das die Premiere! Die Hingabe dieses Orchester ist die allergrößte. Gemeckert wird dann vielleicht hinterher. Aber das ist okay.

Morgenpost Online: Was war Ihr bestes Berliner Konzert?

Simon Rattle: Die Matthäuspassion mit Peter Sellars als szenisches Ritual. Keiner wollte seine Stimmen auswendig lernen. Dann haben wir plötzlich gemerkt, was das für Freiheiten bedeutet. So hat uns Bach zusammengebracht, keiner hat an sein Ego gedacht, alle standen im Dienst der Sache. Die war wie ein Gottesdienst, rein und pur.

Morgenpost Online: Und schlechte Momente?

Simon Rattle: Darf ich die aussparen? Wenn man sagen würde, wir wollen da und da hinkommen – das ist, also ob man von tektonischen Erdplatten erwartete, sie würden sich ruhig und berechenbar bewegen. Ich bin sehr optimistisch, dass wir weiter expandieren werden, aber dieses Orchester überrascht jeden.

Morgenpost Online: Was hätten Sie anders gemacht?

Simon Rattle: Ich hätte hier geboren sein wollen oder in Wien – dann würde ich fließend Deutsch sprechen, wie mein siebenjähriger Sohn. So bin ich noch Immigrant.

Morgenpost Online: Wollen Sie hier wohnen bleiben?

Simon Rattle: Auf jeden Fall, schon wegen der Kinder. Ganz egal wie das Orchester und ich uns entscheiden werden, wenn wir über 2018 hinaus planen müssen.

Morgenpost Online: Wo sehen Sie sich selbst 2018?

Simon Rattle: Das ist eine interessante Frage, Sie sollten sie dem Orchester stellen. Denn die Musiker sind es, die sich erstmals damit auseinandersetzen müssen, ob sie mich weiter wollen. Bisher hörten alle Dirigenten hier selbst auf – durch Tod oder freiwillig wie Claudio Abbado.