Schlosspark Theater

Dieter Hallervorden wirft nicht die Flinte ins Korn

Im Interview spricht der Kabarettist über die Herausforderung, Privattheater zu machen. Rentabel läuft seine Bühne bislang nicht.

Jetzt dreht der Komiker und Schauspieler Dieter Hallervorden erst einmal einen Film. Darin spielt er einen alten Marathonläufer, der es noch einmal wissen will. Das Bild passt irgendwie auch auf sein Engagement fürs Schlosspark Theater. Seit drei Jahren leitet Hallervorden das zuvor geschlossene Privattheater in Steglitz. Als er die Leitung übernahm, haben viele damit gerechnet, dass er das Haus bald wieder schließen würde. Über das Wagnis und die Leidenschaft, Privattheater zu machen, über öffentliche Unterstützung und ein ungewöhnliches Filmprojekt sprach Morgenpost Online mit Dieter Hallervorden.

Morgenpost Online: Herr Hallervorden, auf den Programmheften des Schlosspark Theaters sind Sie in unterschiedlichen Posen abgebildet. Reichen die Motive noch für die nächsten zehn Jahre?

Dieter Hallervorden: Es fällt tatsächlich von Mal zu Mal schwerer, etwas Originelles zu finden, wir gehen jetzt ja in die vierte Spielzeit. Wir haben es auch mal mit anderen Stars versucht wie Robert Atzorn, aber ganz ohne mich scheint es nicht zu gehen: Unser Stammpublikum hat darauf hingewiesen, dass es diese Hefte sammelt und mich gebeten, ich möge mir doch bitte weiterhin etwas einfallen lassen.

Morgenpost Online: Sie sind halt das Zugpferd des Hauses, auch wenn Sie selber nicht mit auf der Bühne stehen.

Hallervorden: Das stimmt wohl. Als ich im Dezember 2008 im Roten Rathaus vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit als neuer Intendant des Schossparktheaters vorgestellt wurde, haben mir nicht wenige das Leben einer Eintagsfliege vorausgesagt.

Morgenpost Online: Auch deshalb, weil Sie damals recht vollmundig angekündigt haben, das Theater ohne öffentliche Zuschüsse betreiben zu wollen. Das hat nicht funktioniert. Schließlich hat die Lottostiftung für 2011 und 2012 jeweils 600.000 Euro für Eigenproduktionen zur Verfügung gestellt.

Hallervorden: Ich will jetzt nicht darüber spekulieren, wo wir ohne die Lotto-Gelder stehen würden. Ich habe in der ersten Spielzeit reichlich Geld ins Schlosspark Theater reingebuttert, aber auch ich habe nur begrenzte Altersrücklagen.

Morgenpost Online: Aus dem Kulturetat bekommt das Schlosspark Theater seit diesem Jahr zumindest eine symbolische Unterstützung, aber die Lotto-Gelder fallen künftig weg. Geht es auch ohne?

Hallervorden: Wir sind jetzt bedacht worden mit einer Subvention von 230.000 Euro pro Jahr, das betrachte ich als große Anerkennung für unsere Arbeit und korrumpierbar wie ich bin, nehme ich es auch gern entgegen. Aber es ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.

Morgenpost Online: Auch Häuser wie die Kudammbühnen und das Renaissance-Theater, die ähnlich wie Sie durch Film und Fernsehen bekannte Schauspieler setzen, schaffen es nicht ohne finanzielle Unterstützung.

Hallervorden: Wir vergleichen unsere Spielplangestaltung am ehesten mit dem Renaissance-Theater. Das bekommt gut zwei Millionen Euro im Jahr, es hat mehr Plätze als wir mit unseren nicht mal 500 und es liegt günstiger – das macht sich alles schon bemerkbar. Aber das wusste ich alles vorher. Ich bin ein Kämpfer. Ich habe das ja nicht übernommen, um nach drei Jahren die Flinte ins Korn zu werfen. Ich habe einen langen Atem und hoffe, dass die Zuschauer uns treu bleiben und in der neuen Saison pro Vorstellung zwei, drei, vier mehr kommen.

Morgenpost Online: Wie hoch ist denn gegenwärtig die Auslastung?

Hallervorden: Die liegt bei 62 Prozent. Das ist für eine Bühne, die nicht so zentral liegt, eine ganze Masse. Es waren weit über 100.000 Zuschauer da, aber das reicht noch nicht, um auf Plus-Minus-Null zu kommen.

Morgenpost Online: Wie hoch müsste denn die durchschnittliche Auslastung sein, damit der Theaterbetrieb rentabel läuft?

Hallervorden: So bei 70 Prozent. Wir befinden uns also noch etwas unterhalb der Schwelle, aber sie liegt in greifbarer Nähe.

Morgenpost Online: Bekommen Sie eigentlich eine Gage, wenn Sie auftreten?

Hallervorden: Ich leiste meine Arbeit am Schlosspark Theater, ob als Intendant, Schauspieler oder Regisseur, unentgeltlich. Ich glaube, wenn einen Geiz oder Gewinnsucht treibt, sollte man kein Theater aufmachen.

Morgenpost Online: Was kommt denn beim Publikum besonders gut an?

Hallervorden: Geist mit Humor – so würde ich unser Programm umschreiben, das ist sozusagen der kleinste Nenner. Das Publikum möchte unterhalten werden, aber nicht unter seinem Niveau. Keine zu schwere Kost, dem versuchen wir Rechnung zu tragen.

Morgenpost Online: Sie starten mit einer musikalischen Produktion mit Liveband in die neue Saison.

Hallervorden: Wir fangen mit „End of the Rainbow“ an, das lief sehr erfolgreich in New York und London. Wir konnten für die Rolle der Judy Garland Katharina Mehrling gewinnen. Die ist besser als das Original, ich habe gerade eine Probe besucht. Im Oktober spielt Dirk Bach in „Der kleine König“. Désirée Nick und Achim Wolff treten in einer französischen Komödie auf. Wir haben das Stück von Eric Assous übersetzen lassen und bringen „Ein Mann für's Grobe“ im Januar als deutschsprachige Erstaufführung heraus.

Morgenpost Online: In welchen Neuproduktionen spielen Sie mit?

Hallervorden: In keiner. Ich will mir ja nicht nachsagen lassen, ich hätte das Theater nur übernommen, damit ich selbst auf der Bühne stehen kann. Nein, ich habe die Hauptrolle in einem Kinofilm übernommen, der meine ganze Kraft erfordert. Die Dreharbeiten beginnen im September, ich spiele da einen ehemaligen Marathonläufer, der es in meinem Alter noch mal wissen will. Der Film beschäftigt sich mit der Praxis in deutschen Altersheimen, wo Menschen ruhig gestellt und drangsaliert werden. Es ist eine große Herausforderung für mich, die man mir zu Didi-Zeiten nicht zugetraut hätte. Anschließend gehe ich auf Tournee, um das Geld fürs Schlosspark Theater zu verdienen. Und um mein zweites Theater, die Wühlmäuse, muss ich mich ja auch kümmern. Aber in der Spielzeit 2013/14 bin ich wieder dabei.

Morgenpost Online: Die Staatstheater machen Sommerpause, die privaten Bühnen spielen durch, was Kulturpolitiker auch immer wieder mal von den großen Bühnen fordern. Wie sind Ihre Erfahrungen in diesem Jahr?

Hallervorden: Wir haben nicht die ganze Woche gespielt, sondern von donnerstags bis sonntags. Aber es war in diesem Jahr schwer: Erst die Fußball-Europameisterschaft, später sehr heißes Wetter. „Arsen und Spitzenhäubchen“ lief nicht so gut, wahrscheinlich auch, weil wir es schon im vergangenen Sommer im Angebot hatten. Aber der Theo-Lingen-Abend mit Ilja Richter war im August gut besucht. Also so 300 bis 350 Zuschauer im Schnitt – das finde ich für Sommer schon ganz schön viel. Wir sind übrigens die einzige Bühne Berlins, das im Juli und August Zuschauern unter 16 Jahren freien Eintritt gewährt. Um jungen Menschen einen Zugang zum Theater zu verschaffen – und sie hoffentlich auch zu begeistern. Das Angebot wird rege wahrgenommen.

Morgenpost Online: Wenn Sie jetzt nach drei Jahren die Wahl hätten, würden Sie das Schlosspark Theater noch einmal übernehmen?

Hallervorden: Ja, unbedingt. Das ist meine Herzensangelegenheit.