TV-Casting-Show

Berlin sucht den Opernstar für die Seefestspiele am Wannsee

Peter Schwenkow sucht für die „Carmen“-Inszenierung bei den Seefestspielen Darsteller für die vier Hauptrollen – in einer TV-Casting-Show

Foto: DPA

„Einen wunderschönen Guten Moooooorgen!“ flötet ein großer, junger Mann im schwarzen Anzug. Was für eine Stimme, welch fesselnde Präsenz; sogar die müde Bedienung im Theatercafé schreckt kurz hoch über ihrem Latte Macchiato. Der frischrasierte Hüne hat sich ein dunkles Seidentuch um den Hals gebunden; zur Dekoration oder um die Stimmbänder zu wärmen? Beides ist heute gefragt; gut aussehen und noch besser singen. Wir befinden uns bei „Open Opera“, dem ersten TV-Casting-Format für Opernsänger. Im Radialsystem geht es diese Woche um alles. Vier Hauptrollen für Volker Schlöndorffs Inszenierung der „Carmen“ von Georges Bizet sollen besetzt werden: Carmen, Don José, Micaëla und Escamillo.

Eine Operndiva castet

„Ausgerechnet heute ist mein Auto nicht angesprungen“, sagt der junge Mann. Er ist einer der Kandidaten: Christian Schleicher, ein Tenor aus Berlin. Aber Schleicher ist professionell, lächelt und lässt sich wegen der ADAC-Pannenhilfe nichts anmerken. Er wird heute die Arie des Lenski aus „Eugen Onegin“ von Tschaikowsky vortragen. „Wir sollten unsere beste Arie vorbereiten.“, sagt er. Schleicher ist einer von 350 Bewerbern, die es unter die 31 Auserwählten geschafft haben. Er hat die Rolle des Don José im Visier. Hat er Angst vor der Konkurrenz? „Hier sind alle gut – das ist das Problem.“

Das Casting ist keine Massenveranstaltung wie man es aus dem Privatfernsehen im Pop-Bereich kennt; keine Open-Casting-Days in Shopping-Centern, keine Internet-Votings und auf den T-Shirts der Bewerber pappen auch keine vierstelligen Nummern. Die Kandidaten haben Namen und T-Shirts sucht man vergebens; hier trägt man Maßanzüge und Lackpumps und die Haare werden noch toupiert.

„Open Opera“ soll kein monatelanger Quoten-Renner werden, das Format besteht aus sechs 30-minütigen Sendungen auf Arte. Vier davon begleiten den Castingprozess, eine ist ein Probenbericht und die letzte zeigt die Premiere bei den Seefestspielen Wannsee. Es handelt sich zwar um ein Fernsehformat, aber es geht um Stimme, nicht um Story. Wer also sehen möchte, wie ein tapferer Junge über Vaters Hodenkrebs erzählt, untermalt vom My-Heart-Will-Go-On-Instrumental, sollte von Arte auf RTL II umschalten.

Auf dem Jurorensessel hat statt einer Promi-Spielerfrau eine richtige Operndiva Platz genommen: die Französin Annick Massis trägt Ohrringe groß wie Kronleuchter. „Sie ist eine der besten Micaëlas der Welt!“, lobt David Lee Brewer. Massis winkt ab und setzt ihre Brille auf. Kollege Brewer ist ein bekannter Vocal-Coach; er ist das Bindeglied zwischen Pop und Oper. Der studierte Opernsänger hat seine größten Erfolge im Pop-Geschäft gefeiert: US-Superstar Beyoncé Knowles habe er groß gemacht, coachte die Sängerin seit ihrem achten Lebensjahr. Seine Liebe zur Oper brachte ihn dazu das Format „Open Opera“ zu entwickeln, er möchte das Klassik-Genre einem breiteren Publikum näher bringen. Brewer ist wie geschaffen fürs Fernsehen und sorgt für die nötige Prise Hollywood: Eine rote Rose klemmt in seinem Knopfloch, singen die Kandidaten, formen seine Lippen jede Phrase mit und manchmal hat man Angst, dass er gleich selbst die Bühne stürmt. Mit seinem amerikanischen Akzent könnte er glatt als Bruce Darnells intellektueller Bruder durchgehen. „Ich möchte die Klassik menschlicher machen, in dem ich dem Zuschauer einen intimen Einblick gewähre. Die Oper ist nicht hochnäsig“, sagt Brewer und reckt den Kopf in den Nacken. „Hier kann sich jeder bewerben, jeder hat eine Chance. Ich werde über niemanden lachen, keiner wird vorgeführt. It's all about the talent, you know?“

Das klingt zwar schön und es stimmt; jeder konnte sich bewerben. Aber was bei einem Pop-Casting unter Umständen funktioniert, auch ohne Gesangsausbildung eine Nummer-1-Platte aufnehmen, ist in der Oper unmöglich. Ein opernbegeisterter Bäcker mag wunderbar eine Arie imitieren können, hält aber stimmlich keine vierstündige Aufführung durch und schon gar nicht mehrere hintereinander. Demnach sind ausschließlich ausgebildete Sängerinnen und Sänger eingeladen worden, die meisten von ihnen sind an renommierten Häusern engagiert. Der Aufruf zum Vorsingen richtete sich direkt an die Musikhochschulen weltweit und klebte nicht an jeder Litfaßsäule. Die Kandidaten wurden aus aller Welt eingeflogen: Mexiko, Dänemark, Korea, Russland.

Besonders auffällig ist Alessandro Rinella, ein lyrischer Tenor aus Bologna. Als er singt, hält die Jury den Atem an – in diesem Moment könnte man die ganze Show abbrechen; der Don José scheint gefunden. In Japan hat Rinella die Rolle schon spielen dürfen, ob es auch für den Wannsee reicht, wird sich zeigen. „Manchmal würde ich lieber einfach nur unter der Dusche singen. Der Beruf ist sehr anstrengend“, sagt er – doch dieser junge Mann hat nichts zu befürchten.

Sogar Regisseur Volker Schlöndorff kann sich ein erleichtertes Lächeln nicht verkneifen. Schlöndorff stand der ganzen Sache erst etwas skeptisch gegenüber. „Das Risiko, keine guten Leute zu finden, ist ja hoch bei diesen Casting-Shows“, sagt er und rückt seine Brille zurecht. Aber die Idee, Oper einem breiteren Publikum zeigen zu können, habe ihm gefallen.

Nicht zu leugnen ist, dass das Projekt nicht zuletzt ein geschickter Marketingschachzug der Berliner Seefestspiele ist. „Das Publikum soll berührt, nicht belehrt werden“, sagt Schlöndorff. Doch bleibt die Frage, ob das Arte-Publikum nicht sowieso schon klassikaffin ist und die Oper auf einem so kunstspezialisiertem Sender nicht einem elitären Publikum vorbehalten bleibt.

Außerdem springt man zu einem sehr späten Zeitpunkt auf den Casting-Zug auf. Trotzdem – es bleibt spannend im Radialsystem: Wer wird Carmen, wer wird Don José? „Ein kleines Abenteuer“ nennt Schlöndorff die kommende Produktionswoche. Etwas konkreter wird da David Lee Brewer: „Dieter Bohlen hat alles kaputt gemacht. Wir machen das wieder gut.“