Tod mit 51

Regisseurin ist Susanne Lothar „unendlich dankbar“

Susanne Lothar starb mit 51. Im Debüt-Film der Regisseurin Hanna Doose spielte sie ihre letzte große Rolle. Eine ganz persönliche Hommage.

Es war der ergreifendste Moment des Abends. Eigentlich wurden am Dienstag in der Astor Filmlounge nur die Nominierungen für die First Step Awards bekanntgegeben. Doch Hanna Dooses Familiendrama „Staub auf unseren Herzen“ ist dort einer der Kandidaten für den Besten Spielfilm. Und darin spielt die kürzlich verstorbene Susanne Lothar ihre letzte große Rolle. Das konnte man nicht einfach übergehen. Und dem hat sich die 32 Jahre alte Absolventin der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin gestellt. Tapfer bestieg sie die Bühne, entfaltete ein langes Blatt Papier und hielt einen sehr bewegenden Nachruf auf „die Suse“. Immer wieder wurde sie dabei von Tränen überwältigt und ergriff damit das Publikum. Wir drucken diese ganz persönliche Hommage im Wortlaut:

„Dass Susanne Lothar eine begnadete, eine unglaubliche Schauspielerin war, das wissen wir alle. Und dafür, wie sehr mich ihr Tod schockiert hat, gibt es keine Worte... Ich möchte heute kurz davon erzählen, was mir ganz persönlich die Begegnung mit Suse bedeutet hat und wie die mich für mein weiteres Leben geprägt hat. Wenn ich mich darauf beschränken müsste, nur eine einzige Sache zu nennen, die ich von Suse gelernt habe, dann ist das definitiv Unerschrockenheit und Mut, das was du dir vorgenommen hast zu tun, deine Vision umzusetzen, dich reinzustürzen ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Risiko – es durchzuziehen.

Bei unserem gemeinsamen Film „Staub auf unseren Herzen“ war es mein Ziel, durch Improvisation der Dialoge am Set eine größtmögliche Authentizität und Feinheit im Spiel der Darsteller zu erreichen. Susanne fand das Konzept toll, sie hatte große Lust so frei zu arbeiten – „wie bei Cassavetes“, sagte sie immer zu mir. Sie liebte seine Filme und zwischenzeitlich fühlte ich mich ziemlich unter Druck gesetzt, dass es so... toll werden musste wie bei Cassavetes. Im Nachhinein habe ich verstanden, dass es ihre Art war mich anzuspornen. So war sie ja auch: Das Ziel war immer das Größte, das Höchste, niemals etwas Geringeres. Susannes Darstellung der Mutter in „Staub auf unseren Herzen“ ist so ambivalent wie ich es mir in meinen schönsten Träumen nicht besser hätte ausmalen können. Genauso gebrochen und verhärmt, ungeliebt und unfähig ihre wahren Gefühle, ihre Liebe zu zeigen, wollte ich diese Frau erzählen.

Ihr musste man nichts erklären

Suse spielt diese Mutter bisweilen knallhart, kalt und dominant und schafft es gleichzeitig, die unglaubliche Verletzung und das tiefe Leid dieser Frau zu zeigen. Ich habe fast nie mit ihr über Psychologisches gesprochen. Also, wenn ich damit anfing, die Mutter ist ja so, weil sie einerseits so ist, aber andererseits ja auch so und so fühlt; dann wollte Suse da gar nicht drauf eingehen. Ich musste ihr da nichts mehr erklären. Sie wollte nur von mir wissen, was soll passieren, wo startet die Szene, wohin soll es führen? Manchmal hat sie dann nur genickt – alles andere hat sie mit sich ausgemacht. Oder aber sie hat gesagt, dass sie es anders machen will, entweder wir haben diskutiert oder sie hat mich einfach überrascht.

Nicht immer habe ich dann sofort erkennen können, dass das, was sie mir anbot, meistens viel stärker war, als das, was ich geschrieben hatte. Am Schluss des Films gibt es zum Beispiel ein Blickeduell zwischen Mutter und Tochter durch eine Autoscheibe. Ich wollte ursprünglich, dass die Mutter im Auto sitzt und einen Heulkrampf hat. Aber Suse weigerte sich, das zu spielen. Sie hatte das Gefühl, Ähnliches schon zu oft in anderen Szenen angeboten zu haben und wollte ihr Spiel nicht verbrauchen, sie wollte immer etwas Frisches anbieten.

Ich war kurzzeitig verzweifelt, weil ich dachte, mir geht jetzt ein emotional aufgeladenes Ende für meinen Film flöten und kämpfte dafür sie umzustimmen! Aber Suse ließ sich nicht beirren, sie spielte mit Stephanie Stremler den Abschied zwischen Mutter und Tochter nur über Blicke. Und ich wurde eines Besseren belehrt: In ihrem letzten Blick im Film liegt der ganze Schmerz über die Versäumnisse ihrer Tochter gegenüber, ihre Einsamkeit und Bitterkeit, aber auch Anerkennung und Respekt dafür, dass die Tochter jetzt endlich ihren eigenen Weg geht. Suse hat mich gefordert. Sie hat mich solange gefordert, geradezu herausgefordert, bis ich meine Grenzen gezeigt habe. Sie hielt nichts davon, wenn ich zu ihr aufgeschaut habe und nur höflich war. Sie wollte, dass ich als Regisseurin auftrete, sie wollte einen selbstbewussten Partner und konnte ungemütlich werden, wenn sie meine Angst gespürt hat. Das hat sie sich selber auch nie erlaubt!

Einmal da hat sie zu mir gesagt: „Hanna, du hast Eier in der Hose!“ – da wusste ich, dass ich ihren Respekt gewonnen hatte. Dass ich Teil haben durfte an ihrer unglaublichen Kunst, die für mich immer noch ein Mysterium ist, an ihrem Können, ihrer hundertprozentigen Professionalität, ist ein wunderbarer Schatz, den ich mein Leben lang hüten werde. Suse wollte gerne mit jungen Filmemachern zusammen arbeiten, sie sagte oft, es gibt nichts Tolleres, als wenn sich Unschuld mit Professionalität paart. Das letzte, worüber wir gesprochen haben war, dass es nie wieder so sein würde wie bei „Staub auf unseren Herzen“. Sie sagte: „Du hast jetzt Deine Unschuld verloren.“

Suse, ich bin stolz, dass ich meine Unschuld an dich verloren habe. Ich fühle mich sehr geehrt und bin unendlich dankbar, dass ich eine deiner letzten großen Arbeiten mit dir machen durfte. Und ich will weiter unerschrocken und mutig Filme machen. Das letzte, was ich von ihr sah, war wie sie auf unserer Dankes-Party mit ihrer Film-Tochter, Stephanie Stremler, zusammen tanzte...“