Ingo Pott

Reichstagskuppel-Architekt gestaltet C/O-Galerie um

Als Student bei Norman Foster fing Ingo Pott mit der Reichstagskuppel an. Nun gestaltet der Architekt das neue Domizil der Galerie C/O um.

Foto: Reto Klar

Ingo Pott muss den Termin verschieben. Er hätte sich mit dem Rad verfahren, heißt es aus seinem Büro. Jeder, der's hört, muss da grinsen. Ein Architekt, der in den urbanen Schluchten der Hauptstadt die Orientierung verliert? Komische Vorstellung. Später wird sich alles aufklären, Pott war mit seiner Peleton-Radtruppe unterwegs, irgendwo in Brandenburg haben sie den Weg verfehlt. Kann vorkommen.

„Behütet aufgewachsen“

Pott, Jahrgang 1970, ist einer dieser Leute, die nach dem Mauerfall nach Berlin kamen, weil sie meinten, hier, in dieser Stadt des maximalen Umbruchs, spiele die Musik. Bei ihm war es die Architektur. Ursprünglich kommt er aus der Hansestadt Lemgo, „behütet aufgewachsen“, wie er gleich hinzufügt, wohl um die Breite des biografischen Sprungs zu verdeutlichen. Biochemie wollte er studieren – in Tübingen. Doch die Wende wurde zum Wendepunkt auch in seinem Leben. Er ging nach Berlin, zog direkt nach SO 36, wie der Kreuzberger Kiez damals noch genannt wurde, Muskauer Straße, mit Blick auf den Bethanienhain.

Heiße Debatten

Ein Kiez, bei dessen Nennung noch heute mancher Westdeutsche die Stirn kraus legt, weil er meint, hier fahren jeden Tag Wasserwerfer vor. Pott lebt in einer Hausgemeinschaft, die funktioniert wie eine WG. Das hätte, erzählt er, bis heute seinen Gemeinschaftssinn gestärkt. Er studiert also Architektur, zu einer Zeit, wo „noch heiße Debatten über die Zukunft der Städte geführt wurden“. Und Berlin war Hot Spot dieser urbanen Entwicklung.

Bewerbung per Postkarten

„Nichts ging damals ohne Foster“, sagt Pott. Gemeint ist der britische Stararchitekt, der die Kuppel des Reichstages entwerfen sollte. Und was macht Pott? Der Student schickt fünf Entwürfe an Fosters Büro, klein wie Postkarten, um sich zu bewerben. Größenwahnsinn? „Nee“, sagt Pott, und man glaubt es ihm, „jugendliche Naivität, ich wollte einfach dabei sein.“ Eine Woche später flog der junge Mann nach London zum Bewerbungsgespräch. Vier Wochen später fing er bei Foster an. 60 Architekten aus 20 Ländern arbeiteten zusammen. Das war „wie ein Rausch“.

Entwürfe der Reichstagskuppel

Irgendwann lagen dann die Entwürfe der Reichstagskuppel auf seinem Schreibtisch. „Ein Streich, den man einem Studenten spielen wollte“, dachte er. War aber nicht so. „Wenn ich es nicht schaffe“, dachte er weiter, „wandere ich aus“. Musste er nicht. Aus seinem Studentenvertrag werden fünf Jahre – und ein Pendeln zwischen der Zentrale in London und Berlin. Der Name Foster fällt oft in unserem Gespräch, das Büro hat ihn geprägt, die Teamarbeit, vor allem die Suche nach dem Neuen. „Das kultiviere ich bis heute“ – in einem positiven Berlin-Gefühl.

Querdenken in Berlin

Mittlerweile hat er sein eigenes Büro in Mitte, Linienstraße, netter Hinterhof, viel Glas, viel Licht, bis zum schwarzen Tablett alles durchdesignt. Zwanzig Mitarbeiter beschäftigt er, viele schöne Aufträge bekommt er, was man an den zahlreichen Modellen auf den Tischen und den Fotos an den Wänden sehen kann. Häuser am Wasser, die aussehen wie schnittige, Ufos. Darunter auch der Umbau der klassisch-eleganten Villa Oppenheim in Heringsdorf. Der Neubau der „Villa Hagen“ nahe der Meierei am Neuen Garten in Potsdam. Zu DDR-Zeiten war dort ein Rechenzentrum untergebracht, und auch zahlreiche Stasi-Wanzen, was zu Bauschäden führte, deshalb plant Pott einen Neubau. Auf Potts Vita stehen zudem noch die silbrige Halle am Ufer hinterm Hamburger Bahnhof und die Deutsche Grammophon, die unters Dach des Mutterkonzerns Universal an die Spree gezogen ist. „Wenn die Leute hören, dass wir aus Berlin kommen, kriegen wir überall positives Feedback. Sie wissen um die Freiräume hier und unser Querdenken – das ist für sie Berlin, und deshalb buchen sie uns.“

„Nicht Reden, sondern Machen“

Mit Pott, graue Anzughose, schlichtes weißes Hemd, kurze Haare, kann man sich bestens unterhalten. Offen und zugewandt gibt er eine Liebeserklärung ab an Berlin. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, derzeit in einer anderen Stadt in Europa zu leben.“ Er kennt die Strukturen, ist mit ihnen „gewachsen“ über die letzten Jahrzehnte – von der Mauerblümchenkapitale zur Hauptstadt mit Europa-Fokus. Er sieht natürlich auch die Schwachstellen der Stadt, aber er ist keiner dieser ewigen Nörgler, die grundsätzlich alles doof finden. Weil „ich sehe, welche Qualitäten sie hat. Es gibt eine junge Generation in der Politik und viele Jungunternehmer, die mittlerweile mit wirtschaftlichen Möglichkeiten ausgestattet sind, und die von hier aus die Stadt bewegen“. Sie sind, findet er, bereit, Verantwortung zu übernehmen. „Sie reden nicht, sondern machen.“

Grünes Licht vom Bezirk

Wie er. Zusammen mit Stephan Erfurt und Marc Naroska, die beiden kennt er vom Reichstagsprojekt, hat er im Jahr 2000 die C/O Galerie gegründet. Einer der besten und lebendigsten Orte internationaler Fotokunst, bekannt weit über Berlin hinaus. Ende des Jahres läuft der Mietvertrag im Postfuhramt aus, das neue Domizil wird das ehemalige Atelierhaus im Monbijoupark sein. Klar, dass Pott die Entwürfe gemacht hat. Ein leichtes, offenes Haus soll es werden, „kein Solitär, der sich selbst inszeniert, sondern etwas, was mit dem Park verwächst“. Jetzt muss der Bezirk nur noch grünes Licht geben.

Der ideale Stadt-Botschafter

Wo steht Berlin eigentlich architektonisch im Weltvergleich? Die Antwort überrascht. Positiv sei für ihn, dass Berlin es geschafft hat, „kein eindeutiges Leitbild für die Entwicklung der Stadt zu geben“. Weil es dadurch Freiraum gab und gibt, Kieze sich dezentral und individuell entwickeln konnten. Sein Gegenbeispiel: China. „Hier gibt es keine Doktrinierung wie in China, wo schnell Dinge hingenagelt werden. Der Motor der Entwicklung hier sind die Menschen, dabei bleibe ich. Berlin hat in den Hinterhöfen, in dieser Welt mit den Brüchen, ganz viel richtig gemacht. Hier gibt es viele magische Orte, die sehr schön sind.“ Pott, denken wir, wäre der ideale Botschafter für diese Stadt.

„Wir verpassen etwas“

Allerdings, sagt er dann, fehle es derzeit an einer kritischen Architekturdebatte. Das sei vor zehn Jahren anders gewesen. „Dabei ist das heute umso wichtiger, das Geld ist nun in der Stadt, die Leute wollen bauen – und wir verpassen etwas.“ Die Auseinandersetzungen werden andernorts geführt, in Skandinavien etwa, Asien und im arabischen Raum. Dort entstehen Architekturen, die „wir in 50 Jahren als die dann Klassische Moderne angucken“, vermutet er. „Dabei war Berlin einmal der Ort der Klassischen Moderne.“ All die Gebäude hat er wohl mit dem Rad abgefahren, er muss ja wissen, wie's um die Stadt steht. Keiner weiß schließlich besser, wie schnell sie sich verändert.