Denkmalsanierung

In Frohnau entsteht ein Turm für die Kultur

Das Künstlerpaar Marion Kokott Karliczek und Günter Vieth will den historischen Turm - das Wahrzeichen Frohnaus - wiederbeleben.

Foto: Glanze

Er war da, noch vor den Menschen. Der historische Turm am Bahnhof ist der Beginn von Frohnau. Groß, eckig und grau steht er am Ludolfinger Platz und sieht etwas mittelalterlich aus. Die Fassade schmückt ein Hirschgeweih – ein Spaß, der wohl seinen Schöpfern einfiel. Schließlich war 1909, bei der Erbauung, der Nordosten Berlins Jagdgebiet. Die Gartenstadt und deren Häuser entstanden erst in den Jahren ab 1910. „Von der Aussichtsplattform kann man bis zum Fernsehturm schauen“, sagt Marion Kokott Karliczek. Soweit allerdings dürfen die Frohnauer schon seit Jahrzehnten nicht mehr vor. Der Turm bleibt verschlossen. Erstarrt zum Symbol.

Ruine und Sushi-Bar

Marion Kokott Karliczek und Günter Vieth haben einen Schlüssel. Vieth, ein Mann mit weißen Künstlerlocken, schließt auf und betritt einen hellorange gestrichenen Raum. Seine Lebensgefährtin Marion Kokott Karliczek schiebt ihre Sonnenbrille ins Haar, stemmt die Hände in die Seiten und begutachtet die Mischung aus Ruine und Restaurant: „Das ist der Rest der Sushi-Bar.“ Seit Jahren ist keine Nutzung des Turms von Dauer. Immer wieder macht ein neuer Gastronom auf, immer wieder gibt er nach kurzer Zeit auf. Ein Asiate, ein Kubaner, zuletzt ein Billardcafé für Jugendliche. An der Wand steht noch der Stand der letzten Partie.

Beim Konzert in das Projekt verliebt

Im Turminneren kann man sich relativ schnell vorstellen, was das Problem ist. Die Fenster sind ziemlich klein, viel Licht gibt es nicht. Marion Kokott Karliczek leitet die örtliche Schule für Kunst und Kommunikation. Sie lebt seit 16 Jahren in Frohnau. Während wir die erste Treppenwindung ersteigen, erzählt sie, wie sie sich in ihr Projekt verliebte. „Wir haben hier vor zwei Jahren ein Konzert gegeben“, sagt sie. „Und da kam uns die Idee: Der Turm soll wieder für alle Frohnauer da sein. Ein Kulturzentrum muss hier hin.“ Diesmal nicht wie bei den Vornutzern nur im Unter- und ersten Geschoss, sondern in allen fünf Stockwerken bis zur Spitze.

Galerie, Übungsraum, Atelier

Günter Vieth und Marion Kokott Karliczek haben zu rechnen angefangen. Was würde es kosten, den Turm zu restaurieren? Was verlangt der Denkmalschutz, was die Brandbestimmungen? Kokott Karliczek und Vieth schmiedeten Pläne, ersponnen Projekte. „Manchmal ist uns mitten in der Nacht spontan etwas eingefallen“, sagt Vieth. „Das fließt einfach so“, sagt Kokott Karliczek. Eine Galerie muss in den Turm, Übungsräume für Musikschüler. Auch Ateliers waren im Gespräch.

Schimmel blüht

Inzwischen haben die beiden einen Businessplan erarbeitet, der einige Umbauten vorsieht. „Auf diese Wände kann man verzichten“, sagt Vieth und klopft fachmännisch gegen eine. Ach ja, und dann fehlt noch eine Küche, unten, für Galadiners bei Vernissagen und Aufführungen. „Das ist was für Herrn Vieth“, sagt Kokott Karliczek und lacht.

Sich durch die Geschosse nach oben windend, trifft man auf die Spuren der wechselnden Bewohner. Das Turminnere ist ein verfallendes Flickwerk: Eine Tapete mit Maueroptik, mit Blumen bemalte Türen, Wandschalungen, handgeschnitztes Holzgeländer. Dazwischen klafft der Boden auf, blüht Schimmel, fällt Putz herab.

9,50 Euro Crowd Funding

540.000 Euro wird es kosten, den 30 Meter hohen Turm zu renovieren, plus 600.000 Euro, ihn für die kommenden zehn Jahre zu mieten. Ein großes Projekt, vielleicht ein bisschen zu groß für zwei Künstler? Aber Kokott Karliczek und Vieth sind auch Kommunikationsexperten. Und als solche haben sie sich eine andere Rechnung ausgedacht: 9,50 Euro mal 10.000 Bürger mal 12 Monate. „Wenn sich jeder Frohnauer engagiert, können wir den Turm retten“, sagt Kokott Karliczek, „das ist Crowd Funding.“ Schließlich hätten die Frohnauer auch etwas davon, wenn sie bald wieder auf die Aussichtsplattform dürften. Auf einer Ebene soll es ein Heimatmuseum geben.

LED-Werbung stieß auf Widerstand

Nicht jeder ist sofort von dem Projekt so überzeugt wie die beiden Künstler. „Uns halten viele für, sagen wir mal, idealistisch“, sagt Kokott Karliczek. So stieß die Idee, über eine LED-Werbewand an einem hinteren Gebäudeteil das Geld für den Turm einzuspielen, bereits auf massiven Widerstand. Trotzdem ist es nicht total utopisch, dass das Paar tatsächlich so viele Menschen für ihr Projekt gewinnen wird. Die beiden geben in regelmäßigen Abständen im Ortsteil das Hochglanz-Magazin „Für Kunst“ mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren heraus. Als Nächstes werden sie auf dem Ludolfingerplatz Open-Air-Klassik veranstalten. Außerdem sammeln sie gerade 100 Geschichten aus Frohnau für ihr Buchprojekt.

Mietvertrag wird schon verhandelt

Auf dem Weg zur Aussichtsplattform gibt es noch einige Hindernisse. Kleinere, wie die Auswirkung einer Mobilfunk-Antenne am Turm, die gerade Günter Vieth umtreiben. Und größere, wie die Frage, ob der Eigentümer den Plänen zustimmt. Der Turm ist nämlich nur der unvermietete Teil von mehreren Gebäuden, die alle zu einem Objekt zusammengefasst einer irischen Investorengruppe gehören. Ob man den Turm da einfach so auskoppeln kann? Über den Mietvertrag zumindest wird bereits verhandelt.

Wieder lebendig gemacht

Als die Künstler wieder unten angekommen sind und durch die Tür ins Helle treten, bleibt ein Passant stehen. Dietrich Wolff, Frohnauer seit 1936 und kaum viel älter. „Gehören Sie zur Initiative?“, fragt er. Er sei früher mit seinen Eltern oft im Turmrestaurant eingekehrt. „Da gab es eine prima Schwedenplatte“, sagt er. Und die Kellner seien immer sehr schick gewesen. Das heute wieder restaurierte Dach hätten damals übrigens nicht die Alliierten zerstört, sondern die Deutschen. „Da war im Krieg eine Flak drauf“, sagt Wolff. Es ist eine von vielen Geschichten, die Veith und Kokott Karliczek in den vergangenen Monaten gehört haben. Schon mit ihrem Versuch, den Turm zu retten, haben sie ihn für die Frohnauer schon wieder ein bisschen lebendig gemacht. „Lassen Sie mich wissen, wie es weitergeht. Wir Frohnauer warten schon lange drauf, dass hier endlich etwas passiert“, sagt Wolff und verschwindet im Bahnhofsgebäude.