Noch im Postfuhramt

C/O Berlin - Wenn Fotokunst auf DDR-Turnhalle trifft

Die Exponate sind sehenswert, das Alte Postfuhramt ebenfalls. Die Galerie zieht jedoch bald in das Atelierhaus im Monbijoupark.

Foto: ddp images / dapd

Ganz hinten, in der Ecke des Saals, sind noch die Kletterstangen angebracht. Erinnerungen an den Sportunterricht werden wach: Schuhe aus, dreimal hoch. Die etwas fülligeren Mitschüler blieben meistens in der Mitte hängen. So ähnlich muss es auch in dieser Turnhalle zugegangen sein. Sie stammt aus der Zeit, als im ehemaligen Postfuhramt an der Oranienburger Straße noch Briefe abgestempelt wurden. Der Betriebssport sollte zu DDR-Zeiten für die körperliche Fitness der Beamten sorgen. Aus diesem Grund wurde der einst repräsentative Vortragssaal mit seinen hohen Rundbogen-Fenstern zu einer Turnhalle umgebaut. Heute gehört der Saal zur Ausstellungsfläche der C/O Berlin-Galerie. Nun wird er wieder für Vorträge und Lesungen genutzt.

Ein Rundgang durch die international bekannte Fotogalerie in Mitte ist zugleich eine Reise durch die Geschichte. Gusseiserne Geländer, Säulen mit Stuck, aber auch Linoleum und Sachlichkeit spiegeln mehr als hundert Jahre Baugeschichte wider. „Wir haben das Gebäude so gelassen, wie wir es vor mehr als zehn Jahren vorgefunden haben“, sagt Mirko Nowak, Kulturmanager und Sprecher der Foto-Galerie. Auf dem dunklen Parkettboden sind noch die weißen Linien für die Spielfelder eingezeichnet. Die provisorischen Zwischenwände in rot, blau, braun, grau und braun, die als Ausstellungsfläche für die Fotoarbeiten dienen, wurden wie maßgeschneidert zwischen Vorsprünge und Säulen eingepasst. Nichts dominiert – Turnhalle und Fotoschau ziehen den Blick des Betrachters gleichermaßen an.

In der Eingangshalle sind noch die Schlangen der Wartenden und das gleichmäßige Klopfen der Stempel im Postfuhramt zu ahnen. Die Schalter waren in halbrunden Nischen untergebracht, in denen nun unter anderen eine Dokumentation über die Geschichte des ehemaligen Kaiserlichen Postfuhramtes von 1881 bis in die Gegenwart zu sehen ist.

Nachdem die Post den Betrieb 1995 eingestellt hat, zogen verschiedene Ausstellungen in das Gebäude. Die C/O Berlin-Galerie wird jedoch bald fortziehen, in das Atelierhaus im Monbijoupark. Besucher sollten – solange das Gebäude noch öffentlich zugänglich ist – unbedingt im Alten Postfuhramt den morbiden Charme der verschiedenen Epochen, angefangen in der Kaiserzeit, nacherleben. Auf dem Hof sind noch die Stallungen erhalten, in denen einst die Pferdekutschen standen. Die Wände in den Treppenhäusern sind teilweise mit Tapeten aus den 70er-Jahren überklebt. Dieses Unverputzte und Authentische sei für die Künstler eine besondere Herausforderung, sagt Mirko Nowak. Die Fotoarbeiten müssten mindestens genauso stark und wirkungsvoll sein, um sich von der Wand abzuheben. Das ist für die momentanen Arbeiten von Larry Clark, der den Alltag amerikanischer Teenager und die Themen Schönheit, Sexualität und Drogen in den 60er-Jahren festgehalten hat, eine Leichtigkeit.

C/O Berlin, Oranienburger Straße 35/36, Zurzeit Fotografien von Larry Clark und Rafal Milach, tgl. 11–20 Uhr, Eintritt 10/erm.5 Euro