Berliner Museen

Nationalgalerie-Chef sieht Rochade als historische Chance

Die Umzugspläne der Gemäldegalerie und der Nationalgalerie erregen die Kunstwelt. Udo Kittelmann erklärt, warum es dabei nur Gewinner gibt.

Bei der sogenannten „Rochade“ der Staatlichen Museen sollen die Werke der Alten Meister – darunter Bilder von Rembrandt, Caravaggio oder Lucas Cranach – ihren angestammten Platz in der Berliner Gemäldegalerie verlassen. Sie würden künftig auf der Museumsinsel gezeigt, zunächst in reduzierter Auswahl im Bode-Museum. Die Gemäldegalerie soll die Sammlung der Nationalgalerie füllen. Zum ersten Mal hätte damit die Kunst der Klassischen Moderne einen festen Platz in Berlin.

Morgenpost Online: Herr Kittelmann, in zwei großen Feuilletons war dieser Tage dieselbe Schlagzeile zu lesen: "Rettet die Gemäldegalerie!" Befürchten Sie, dass demnächst Wutbürger vor der Neuen Nationalgalerie gegen die Kunst der Moderne Protest laufen?

Udo Kittelmann: Ich wundere mich schon über den schrillen Tenor, in dem die Debatte im Moment geführt wird, sogar mit leicht zu missdeutenden Formulierungen. Mir erscheint es so, als ob hier die Alten Meister und die Werke des zwanzigsten Jahrhunderts gegenseitig in Stellung gebracht werden. Aber genau darum darf es nicht gehen, dass die Sammlung der Gemäldegalerie gegen die Sammlung der Nationalgalerie ausgespielt wird. Man suggeriert, dass es der Gemäldegalerie an ihre Existenz ginge. Das ist nicht der Fall. Ganz im Gegenteil: Den verantwortlichen Museumsdirektoren geht es darum, für die Zukunft beider Sammlungen etwas zu gewinnen.

Morgenpost Online: Was wäre denn der Gewinn?

Kittelmann: Die Gemäldegalerie kann sich an einem neuen Ort – der Museumsinsel – neu positionieren, im Umfeld hochattraktiver Institutionen wie dem Pergamonmuseum, dem Neuen Museum oder auch der Alten Nationalgalerie. Ein besseres Umfeld für die Kunst der Alten Meister kann es nicht geben. Genau betrachtet, wird ja auch die Sinnhaftigkeit des Standorts Museumsinsel mit kaum einem Wort harsch kritisiert, vielmehr hegt man Zweifel an der Weitsicht und Fürsorge der Entscheidungsträger. Das ist aber völlig unangebracht.

Morgenpost Online: Was gewinnt die Nationalgalerie?

Kittelmann: Die findet durch den Einzug in die Räume der Gemäldegalerie endlich einen Ort, an dem sie ihre beeindruckenden Sammlungsbestände dauerhaft in einer weitgehenden Vollständigkeit zeigen kann. Ein jahrzehntelanges Provisorium – bis heute das Schicksal der Sammlung der Nationalgalerie, die selbst Ikonen der Klassischen Moderne nur sehr unregelmäßig zugänglich machen konnte – fände endlich ein Ende. Von einem auch nur vergleichbar lang andauernden Provisorium für den Sammlungsbestand der Gemäldegalerie kann man sicherlich nicht ausgehen. Es wäre auch das erste Mal, dass die Kunstwerke, die ein Zeugnis über das Nazi-Diktum der ‚entarteten Kunst‘ ablegen, in ihrer Gänze dauerhaft in Berlin zu sehen sein werden – der Stadt, in der einige der wichtigsten Avantgarden der modernen Kunst ihren Anfang nahmen.

Mit der "Galerie des zwanzigsten Jahrhunderts" würde sich dann endlich die Forderung erfüllen, welche bereits in den Zwanzigerjahren vom damaligen Direktor der Nationalgalerie Ludwig Justi gestellt wurde, eine Vision, die aufgrund der feindseligen Stimmungsmache gegenüber der Moderne und der wechselvollen Geschichte Deutschlands bis heute nicht verwirklicht werden konnte. Nun kann sie Gestalt annehmen, unweit des Potsdamer Platzes, dem nicht zufällig Ernst Ludwig Kirchner eines seiner berühmtesten Bilder gewidmet hat. Die Moderne ist fast überall museal dauerhaft präsent, nur in Berlin nicht. Jetzt ist eine große historische Chance gegeben, die immer auch einen mutigen Schritt voraussetzt.

Morgenpost Online: Die kunsthistorische Bedeutung der Altmeisterwerke in der Gemäldegalerie ist immens. Daran gemessen waren die Besucherzahlen stets schwach. Als Direktor der Neuen und der Alten Nationalgalerie kennen Sie den Standort Museumsinsel genau. Sie glauben, dass der Umzug einen Popularitätsschub für die Alten Meister bringt?

Kittelmann: Ich bin kein Freund davon, Besucherzahlen als Maßstab für die Bedeutung eines Museums und seiner Sammlung heranzuziehen. Tatsache ist jedoch, dass die Museumsinsel einer der attraktivsten kulturellen Standorte Europas ist. Und dass die Häuser dort in einer Synergie voneinander profitieren.

Morgenpost Online: Der Nachteil ist, dass die Gemäldegalerie Platz verliert und Bilder im Depot eingelagert werden müssen.

Kittelmann: Ich gehe davon aus, dass die maßgeblichen Werke weiter zu sehen sein werden. Die Gemäldegalerie wird sicher nicht um ihren grandiosen Reichtum und um ihr Alleinstellungsmerkmal beraubt. Man kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass wir uns als Museumsdirektoren unverantwortlich gegenüber unseren Sammlungen verhalten.

Morgenpost Online: Als Kronzeugen gegen den Umzug werden Künstlernamen von Botticelli bis Velasquez herangezogen. Eine Zeitung suggeriert, Sie wollten demnächst Designermöbel statt Goya und Poussin zeigen.

Kittelmann: Das ist wirklich vollkommen daneben. Es geht darum, für zwei Museen eine bessere Zukunft zu beschreiten. Das Neue gegen das Alte auszuspielen, das scheint mir eine überkommene Diskussion. In Zukunft wird man neben den zitierten Künstlernamen eben auch Kronzeugen der Moderne sehen und die Kunstgeschichte über das neunzehnte Jahrhundert hinaus studieren können.

Morgenpost Online: Gab es diese Möglichkeit denn nicht schon vorher? Warum hat man die "Galerie des zwanzigsten Jahrhunderts" nicht einfach in der Neuen Nationalgalerie installiert?

Kittelmann: Als die Neue Nationalgalerie geplant und 1968 eröffnet wurde, war die Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg erst wieder im Aufbau, und keiner konnte absehen, dass sie sich derart erweitern würde – nicht zuletzt durch den Zusammenschluss der Nationalgalerie Ost mit der Nationalgalerie West nach dem Mauerfall. Nun gibt es dort schlichtweg nicht genügend Platz. Die Tatsache, dass wir die Sammlung derzeit in einer Ausstellungstrilogie präsentieren, zeigt schon, wie begrenzt die Kapazitäten des Mies-van-der-Rohe-Baus sind. Wenn nun noch die Schenkung der Sammlung Pietzsch dazukommt, könnten wir in der Neuen Nationalgalerie höchstens ein Viertel der Bestände dauerhaft der Öffentlichkeit zeigen. Ein unerträglicher Zustand.

Morgenpost Online: Haben sich die Museen, hat sich die Politik durch die Schenkung des Ehepaars Pietzsch in eine Zwangslage bringen lassen?

Kittelmann: Mit Sicherheit nicht. Man kann sich keine großzügigeren Mitstreiter in dieser Sache wünschen als Ulla und Heiner Pietzsch. Ihre Sammlung ist keine Dauerleihgabe, sie schenken ihre Bilder. Sie haben dafür kein eigenes Museum gefordert. Und sie haben auch nicht verfügt, dass ihre Sammlung in ihrer Gesamtheit gezeigt werden muss. Ganz im Gegenteil: Sie wünschen ausdrücklich, dass ihre Bestände nach den Vorstellungen des Museums in die bestehende Sammlung der Nationalgalerie integriert werden. Davon kann man in diesen Zeiten als Museumsmensch nur träumen. Hier geht es ja nicht um irgendeine private Sammlung, sondern um Kunstwerke von höchster musealer Qualität, die kein öffentliches Museum aus eigenen Mitteln erwerben könnte und die den Bestand der Nationalgalerie in einem hohen Maße sinnvoll ergänzt. Das neu hinzu Gewonnene wieder zu verlieren, wäre allerdings wirklich verantwortungslos.

Morgenpost Online: Wenn die "Galerie des zwanzigsten Jahrhunderts" in der Gemäldegalerie entsteht, wird dann der Mies-Bau für Wechselausstellungen genutzt?

Kittelmann: Ja, für Sonderausstellungen und Kooperationen mit internationalen Museen. Stellen Sie sich das als Gedankenspiel vor: Sie können eine große Ausstellung zu Barnett Newman sehen, ohne dass dafür die Sammlung als tragende Säule des Museums ins Depot verschwinden müsste. Wir haben die Chance, hier eine Idealsituation für ein Museum des zwanzigsten Jahrhunderts zu schaffen.

Morgenpost Online: Und wenn der geplante Neubau der Gemäldegalerie auf der Museumsinsel doch nicht kommt?

Kittelmann: Wie schon gesagt, ein jahrzehntelanges Provisorium kann ich mir für die Gemäldegalerie nicht vorstellen. Sie brauchen sich heute nur die Museumsinsel anzuschauen, das Bode-Museum oder das Neue Museum. Dann erkennen Sie doch, dass all das, was die Staatlichen Museen seit Jahrzehnten planen und umsetzen, wunderbar gelungen ist. Wir sollten also Vertrauen in die Zukunft und ihre Gestalter haben.