Umzug ins Ungewisse

Berliner Gemäldegalerie muss dem 20. Jahrhundert weichen

Ausweichquartier gesucht: Die Gemäldegalerie soll einem Forum der Moderne Platz machen. Was aus den Alten Meistern wird, bleibt unklar.

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Man muss die Geschichte noch einmal von vorne aufrollen: Die Idee für die Rochade der Gemäldegalerie am Kulturforum auf die Museumsinsel ist nicht neu – und auch nicht so abstrus wie sie dieser Tage vielen Beobachtern und Kritikern erscheinen mag. Ganz im Sinne der universellen Museumsidee Wilhelm von Bodes würden auf der Insel die Gemälde und Skulpturen zusammengeführt und ein stimmiges alteuropäisches Gesamtpanorama ergeben.

Die Alten Meister würden dann dorthin zurückkehren, woher sie kommen. Der Plan selbst geht schon auf Überlegungen des ehemaligen Museumsgenerals Peter-Klaus Schuster zurück. Dieser Masterplan hat allerdings einen Haken, der Neubau, der die Gemäldegalerie auf der Insel aufnehmen soll, ist bis jetzt nicht durchfinanziert. Humboldt-Forum first.

Vor zwei Wochen überraschte der Kulturstaatsminister Bernd Neumann nun mit einem unerwarteten Geldsegen aus dem Nachtragshaushalt von zehn Millionen Euro, einzusetzen für den Umbau der Gemäldegalerie in eine „Galerie des 20. Jahrhunderts“. 2016 könnte sie eröffnet werden.

Gemäldegalerie-Direktor Bernd Lindemann erreichte diese Neuigkeit in Tokio. Eine Machbarkeitstudie soll demnächst die Details für die Umgestaltung analysieren. Klassische Moderne wird anders präsentiert als Alte Meister. Für Lindemann heißt das, dass große Teile seiner hochkarätigen Kollektion im Depot landen, oder das Museum in ein Ausweichquartier umziehen müsste, bis der Neubau auf der Insel gebaut ist.

Kopfschütteln über unsinnige Übergangslösung

Was ist das für eine ungewisse Perspektive für eine der bedeutendsten Altmeistersammlungen der Welt, die Botticelli, Dürer & Co. in einer großen Fülle versammelt? Das schlechteste Szenarium: Wenn diese zusammenhängende Kollektion, das ist ihre Qualität, auf wenige Highlights „eingedampft“ wird, und der Rest in Magazinen verschwindet – und das auf unabsehbare Zeit. Die Worte der Bundesregierung sind da eindeutig – „deutlich nach 2018“ könne mit dem Galerienneubau am Bode-Museum gerechnet werden. 150 bis 200 Millionen Euro werden als Bauvolumen für dieses Projekt genannt. Doch was ist, wenn es zu gar keinem Neubau kommt?

Nicht nur ausländische Museumsdirektoren schütteln über so eine unsinnige Übergangslösung den Kopf. Da wird ein Haus regelrecht verschachert. Manche sehen schon einen Museumskrieg zwischen Nationalgalerie und Gemäldegalerie aufziehen. Motto: der eine gegen den anderen. Das wäre mit einem andern Berliner Fall durchaus vergleichbar: Man stelle sich vor, die Staatsoper, die saniert wird, würde ins Gebäude der Deutschen Oper ziehen, die dann nur die Hälfte ihres Repertoires in einem Ausweichquartier spielen könnte.

Doch das Dilemma, in dem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz steckt, ist wirklich groß. Es gibt nicht nur ein Sorgenkind – alles hängt nun einmal mit der Neuen Nationalgalerie zusammen. Ab 2015 muss sie generalsaniert werden – und steht somit ohne Domizil da. Zumal sie im Mies van der Rohe-Bau immer schon aus allen Nähten platzte und dringend mehr Raum braucht für ihre Sammlung der Moderne, die bis dato immer nur in Teilabschnitten gezeigt werden konnte. Hinzu kommt, dass auch die Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch mit ihrer Surrealisten-Sammlung dringend eine dauerhafte Heimstatt braucht, die Schenkung des Ehepaares ist an eine Bedingung geknüpft: Ihre Kunstwerke müssen ausgestellt werden, und dürfen nicht im Depot landen.

Auch die Sammlung Marx, die derzeit noch im Hamburger Bahnhof zu Hause ist, käme in einer „Galerie des 20. Jahrhunderts“ unter. Beuys und Warhol zählen schließlich nicht mehr zur Gegenwartskunst. Das mag alles richtig komponiert sein, nur eben nicht auf Kosten einer halbierten Gemäldegalerie, die sehen darf, wo sie bleibt mit ihren wundervollen Werken. „Man kann sich dieser Geschichte allerdings nicht versperren, ohne das Gesamtziel zu gefährden“, kommentiert Lindemann die verzwickte Situation. Und Hermann Parzinger wiegelt ab: „Das ist nun einmal der Preis, wenn sich Museen weiterentwickeln sollen.“ Lindemann arbeitet derzeit an einer Broschüre über das Museum. Er braucht unbedingt Werbung für sein Haus, das bei vielen Hauptstadt-Besuchern erstaunlicher Weise gar nicht auf der Agenda steht. Unglücklich auch die Lage am architektonisch wenig einladenden Kulturforum. Nun müssen die Verantwortlichen sehen, dass er bald Planungssicherheit erhält für sein Haus.