Intendantenwechsel

An der Komischen Oper beginnt eine neue Ära

Barrie Kosky kommt, Andreas Homoki geht: Der Chefwechsel ist ein großer Bruch für die Komische Oper in Berlin.

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Tiefschneidende Veränderungen liegen in der Luft, auch unausgesprochene. Dabei ist die Komische Oper in Berlin-Mitte zuständig für die direkten, schrilleren Töne. Man nennt es Regietheater. Aber auch der Intendant – und der wechselt gerade – muss öffentlich mehr Wellen schlagen, um sein kleines Schiff zwischen den beiden Riesendampfern Staatsoper und Deutsche Oper im Gespräch zu halten.

Andreas Homoki, der jetzt nach zehn Jahren Intendanz die Komische Oper verlässt, war selbst ziemlich rüde eingestiegen. Er hatte „Die verkaufte Braut“ inszeniert und damit erst mal das angestammte Ost-Publikum vor den Kopf gestoßen. Was ihm danach auch die Treue verweigerte. „Der Wessi kommt und verkauft den Ossis das Dosenbier“, erklärt Homoki den Buhfaktor seiner damaligen Inszenierung und zuckt trotzig mit den Achseln. „Das war doch eine sehr heitere Aufführung, dass viele das nicht kapiert haben, hat mich schon verblüfft – und auch enttäuscht.“ Klar, jeder Provokateur will eigentlich geliebt werden.

Verzicht auf Felsensteins Erbe

Rückblickend hat Homoki das Richtige getan, er hat versucht, Abhängigkeiten zu kappen. Das Opernhaus ächzte bereits unter seiner eigenen patriarchalischen DDR-Tradition. Walter Felsenstein hatte das zerstörte Metropol-Theater nach dem Krieg als ein Opernhaus wiedereröffnet. Ein Hort für die deutschsprachige Oper, für ehrliche Inszenierungen, ein Künstlerkollektiv sollte es sein. Es war zugleich die ideologische Verdrängung der nahen Vergangenheit. Felsensteins Musiktheater-Modell hat viel Gutes bewirkt und sich irgendwann totgelaufen. Opernhäuser sind heute eher Durchlauferhitzer, die Komische Oper ganz besonders.

Das strenge Opernregie-Patriarchat hatte Felsensteins karrieresüchtiger Meisterschüler Götz Friedrich übrigens später mit nach West-Berlin an die Deutsche Oper genommen. Statthalter in Ost-Berlin blieb der Regisseur Harry Kupfer, der allerdings nach der Wiedervereinigung zusehends die Lust verlor. Homoki, sein hemdsärmliger Nachfolger zunächst als Chefregisseur, schob alles Patriarchalische beiseite, holte verschiedene Regisseure mit an den Tisch und stritt sich lustvoll herum. Auf gut 60 Neuproduktionen kann Homoki in seiner Ära zurückblicken. Das ist beachtlich. 2007 wurde man gar „Opernhaus des Jahres.“ Vieles lief hervorragend, vieles schief. Oper in Berlin – mit drei Häusern, vielen Theatern und einem heterogenen Publikum – das sei immer eine Achterbahnfahrt, sagt er. Und gerade mit dem Humor ist das so eine Sache. Beispielsweise wollte das Publikum partout nicht über Rimski-Korsakows „Der goldene Hahn“ 2006 lachen. „Es ist eine harte russische Satire, aber bei uns war es eine absurde, zu böse comic-hafte Inszenierung.“ Homoki sagt übrigens meistens wir, wenn er über seine eigenen Inszenierungen spricht. Es ehrt ihn.

Gleich zu Beginn hatte er einen jungen trashigen Regisseur aus Australien geholt, über den zunächst alle den Kopf schüttelten. Barrie Kosky inszenierte Ligetis „Le grand macabre“. Es war widerlich und grandios. Es war sein europäisches Operndebüt und seither ist er gefragt. Als Homoki vor vier Jahren das Angebot bekam, als Intendant 2012 an Opernhaus Zürich zu wechseln, schlug er Klaus Wowereit, seinem obersten Dienstherrn, als seinen Wunschkandidaten Kosky vor. Aus dem Roten Rathaus zurückgekehrt, holte er Kosky aus einer Beleuchtungsprobe und beide besprachen sich in der Opernkantine. Einige Tage später saß Wowereit in der glamourösen Musical-Premiere von „Kiss me, Kate“, kurz darauf waren die Verhandlungen abgeschlossen. Homoki sagt, sein Verhältnis zu Kosky sei immer sehr freundschaftlich. Aber er sagt auch, dass „Regisseure normalerweise nicht untereinander kommunizieren, weil sie oft gegeneinander ausgespielt werden“.

Rückkehr der jüdischen Tradition

Schwer zu sagen, wann Kosky angefangen hat, allein über die Zukunft der Komischen Oper nachzudenken. In aller Stille hat er sich ein eigenes Führungsteam zusammen geholt. Alle wirken auf ihn eingeschworen, es herrscht ein eigener Humor, das Ganze mutet auch wieder etwas Patriarchalischer an. Über die programmatischen Ziele druckst man noch ein wenig herum. Aller Voraussicht nach wird sich die Komische Oper in der Ära Kosky endgültig von der Felsenstein-Tradition verabschieden. Zunächst einmal hat Kosky das Dogma der deutschsprachigen Aufführungen aufgehoben. Auch in der Stückwahl will sich das neue Team viel breiter aufstellen, von der Barockoper bis hin zum Musical. Kosky definiert die Komische Oper nicht mehr zurück ins Jahr 1947, sondern in die Eröffnungszeit des Metropol-Theaters 1898. Alles soll möglich sein. Es ist auch die Rückkehr der jüdischen Unterhaltungstradition, die bis zum Machtantritt der Nazis an diesem Standort gepflegt wurde. Das scheint Kosky, dessen jüdische Vorfahren von Europa nach Australien ausgewandert waren, wichtig zu sein. Weniger wichtig ist ihm die Pflege des vertrauten Opernkanons.

Deswegen glaubt der scheidende Chefdirigent Patrick Lange auch nicht, dass er vorläufig ans Haus zurückkehren wird. Wenn große Oper ansteht, dann wird sie sein Nachfolger, der Ungare Henrik Nanasi, lieber selber dirigieren. Möglicherweise ist Lange, der 1981 nahe Nürnberg geboren und bei den Regensburger Domspatzen erwachsen wurde, der – wenn man so will – letzte konservative Dirigent des Hauses. Er weiß, dass „es nicht immer leicht ist, ein Gleichgewicht zwischen Musik und Theater herzustellen: man muss da für die Musik schon kämpfen“. Die Dirigenten werden immer schneller verschlissen am Haus.

Homokis Ära begann mit dem Russen Kirill Petrenko, gefolgt vom Amerikaner Carl St. Clair. Letzterer war völlig genervt von den Regieideen, die er am Pult stillschweigend begleiten sollte. Beethovens „Fidelio“ zwischen Mülltonnen gab ihm den Rest. Vor Homokis „Meistersinger von Nürnberg“-Inszenierung warf er hin, der junge Kapellmeister Lange rückte nach. Der Premierenerfolg war auch seiner. Über 200 Vorstellungen hat er am Hause dirigiert, „wahnsinnig viel Zeit in der Oper verbracht“. Zuletzt hat er mit Skandalregisseur Calixto Bieito einen splitterfasernackten „Freischütz“ gemacht. Eine interessante Arbeit, sagt er lächelnd: „Und lieber nackt als mit hässlichen Kostümen.“ Lange hat keine Berührungsängste mit provokantem Regietheater. „Ich bin nicht prüde“, sagt er. Rückblickend spricht er von „zwei tollen Jahren, aber es war der richtige Zeitpunkt aufzuhören“. Um seine Karriere sorgt sich keiner. Lange hat große, seriöse Produktionen in Wien, Zürich, München, Hamburg im Terminkalender zu stehen.

Seinen Abschied von der Komischen Oper gibt er am 7. Juli 2012 mit den „Meistersingern“, Homoki tut es tags darauf mit seiner wundervollen Inszenierung vom „Schlauen Füchslein“. Nachfolger Barrie Kosky eröffnet seine Amtszeit am 16. September 2012 mit einem Monteverdi-Spektakel, an dem Sonntag werden drei Opern nacheinander aufgeführt. Danach ist die Komische Oper eine andere.