Lichtinstallation

Spanischer Künstler rekonstruiert Bethlehemskirche

Juan Garaizábal rekonstruiert eine Kirche an der Mauerstraße in Mitte. Es entsteht eine 30 Meter hohe Lichtinstallation.

Foto: Glanze

Die Stahlkonstruktion erinnert ein bisschen an den heißen Draht aus Ulla Kock am Brinks legendärer Spielsendung "Die 100.000 Mark Show" aus den 90er-Jahren. Dünne Metallstreben, die sich in Rundungen winden. Damals musste ein Paar bei dem Rennen um das Geld auf einem Gabelstapler stehend den Draht mit einem Ring umfahren, ohne ihn zu berühren. Auch an der Ecke Mauerstraße/ Krausenstraße stehen derzeit Gabelstapler, Kräne und Lastwagen. Arbeiter bohren und schweißen an dem Stahlbau. Nur was da auf dem Bethlehemkirchplatz in Mitte erbaut wird, scheint niemand so genau zu wissen.

Wenn man einen Arbeiter fragt, ob es abends schon beleuchtet wird, kommt in typischer Berliner Freundlichkeit zurück: "Weiß ich doch nicht." Der italienische Kellner, der seine Gäste unter den Sonnenschirmen auf dem Platz bedient, kann auch nicht weiterhelfen. Mitarbeiter der in der Nähe ansässigen Firmen, die ihre Mittagspause in der Sonne verbringen, wissen ebenfalls nichts mit dem Metallgerüst anzufangen. Und auch die Anwohner eines Wohnblocks schauen von ihren Balkonen aus nur irritiert auf die lärmenden Arbeiter.

30 Meter hoch und 60 Tonnen schwer

Dabei nimmt die Installation des spanischen Künstlers Juan Garaizábal Form an. Die Kuppel und der Turm einer Kirche sind schon zu erkennen, sie thronen auf 21 Stahlpfeilern und acht Rundbögen. Gut 30 Meter hoch und 60 Tonnen schwer ist das Kunstwerk. Wenn es fertig ist, soll die Skulptur zusätzlich mit 400 Metern LED-Röhren beleuchtet werden. Garaizábal hat das Werk als Teil seiner Reihe "Memoria Urbana" erschaffen. Es handelt sich um eine Rekonstruktion der Bethlehemskirche in ihrer Originalgröße an ihrem ursprünglichen Standort.

Das Gotteshaus wurde 1735 als Zeichen für die Freundschaft der Preußen zu den evangelischen Glaubensflüchtlingen aus Böhmen erbaut. 1943 zerstörten Bomben die Kirche fast vollständig, 1963 wurde sie abgerissen und eine ihrer Seitenmauern in die Grenzanlage am Checkpoint Charly integriert. Heute markiert lediglich ein Bodenmosaik den Grundriss des früheren Bauwerks. Doch nun recken sich bis September die Stahlstreben Garaizábals auf dem Bethlehemkirchplatz in den Himmel.

Leere Räume als Thema

Die internationale Serie "Memorias Urbanas" des Konzeptkünstlers aus Madrid thematisiert leere Räume, die aufgrund von Zerstörung in den Städten entstehen und den Umgang der Bewohner mit Erinnerungen und Leere. Garaizábal hat im Zuge dessen schon den Tuilerienpalast in Paris, die Alte London Bridge und die St. Nicholas-Kirche neben dem Ground Zero in New York visualisiert. "Es macht deutlich, dass nicht nur der Mensch vergänglich ist, sondern auch alles, was er schafft", sagt Pfarrer Bernd Krebs. Er leitet die evangelisch-reformierte Bethlehemgemeinde Berlin und wird zur Eröffnung der Installation am 26. Juni eine Andacht auf dem früheren Kirchplatz halten. Den Wiederaufbau der Kirche als Kunstwerk schätze er besonders, weil es ein europäisches Gemeinschaftsprojekt der spanischen und der tschechischen Botschaft in Deutschland sei, das ein Bauwerk wieder erlebbar mache.

Seine Gemeinde feiere in diesem Jahr außerdem das Jubiläum der Entstehung des Böhmischen Dorfes in Berlin vor 275 Jahren. Damals siedelte sich erstmals eine große Gruppe böhmischer Flüchtlinge am Rand der Friedrichstadt an.

Grenzlinie zwischen Ost und West

Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. gewährte ihnen Zuflucht und wusste, wie er die Exilanten zu loyalen Mitbürgern machen konnte: durch Toleranz. Er gewährte ihnen, weiterhin Tschechisch sprechen zu dürfen, eigene Schulen zu gründen und ihre Religion auszuüben. Außerdem ließ er das alte Schulzengut bei Rixdorf aufkaufen und dort innerhalb von drei Monaten ein Dorf errichten, "Böhmisch-Rixdorf".

Die Bethlehemskirche war bis 1943 das Zentrum des böhmischen Lebens in Berlin. Nachdem ein Teil ihres Mauerwerks nach ihrer Zerstörung als Grenzlinie zwischen Ost und West diente, zeigte sich nach dem Mauerfall der mit der Erschließung des Grundstücks betraute amerikanische Promoter einfühlsam gegenüber den Forderungen der tschechischen Gemeinde: Er ließ den ursprünglichen Standort der Kirche unbebaut.

Lebensläufe der Siedler

Vier Jahre später begann Garaizábal nach Spuren der verlorengegangenen böhmischen Kirche zu suchen. Er sammelte zahlreiche Dokumente aus Berlin und der tschechischen Republik. Neben einer Vielzahl an alten Fotos und Originalplänen begeisterte den Künstler immer mehr auch eine andere Entdeckung: Lebensläufe. Die ersten Siedler, die von Böhmen nach Berlin gekommen waren, hatten sie selbst aufgeschrieben, damit man sie bei ihrer Beerdigung vorlese. Diese und zahlreiche andere Dokumente wie historischen Fotografien des Denkmals, Entwürfe und Modelle für seine Installation zeigt die begleitende Ausstellung "Memoria Urbana" im Museum für Kommunikation. Die Skulptur wird bis 30. September auf dem Bethlehemkirchplatz stehen und täglich bis 23.30 Uhr beleuchtet sein.

Am 26. Juni findet um 21.30 Uhr eine Andacht bei der Skulptur statt.

Die Ausstellung "Memoria Urbana" läuft vom 27. Juni bis 19. August im Museum für Kommunikation an der Leipziger Straße 16.

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