In den Unterführungen der U-Bahnen von Berlin hängen großformatige Werbeplakate zum Kinostart des neuen Dokumentarfilms „Never Sorry“ über den in China verfolgten Konzeptkünstler Ai Weiwei. Darauf steht die Frage: „Ab 22. Juni wieder auf freiem Fuß?“
Zehntausend Kilometer entfernt trägt Ai, als er am Wochenende davon hört, wie als Antwort ein T-Shirt mit der Aufschrift „Missing – Found“. Verschollen und wieder gefunden. „Aber auf wirklich freiem Fuß bin ich noch nicht.“
Vergangene Woche bestellte ihn die Polizei ein. Sie teilte ihm, mit freundlichem Handschlag, seine Entlassung in den Stand eines freien Bürgers mit: „Deine einjährige Bewährungsfrist auf Kaution ist zu Ende. Du hast dich gut benommen.“ Dann kam der Nachsatz: „Ins Ausland darfst du nicht. Dein Fall ist noch nicht zu Ende.“ Man würde weiter gegen ihn ermitteln, wegen Verbreitung von Pornografie, Bigamie und unerlaubten Währungsgeschäften. „Auf dem Weg hinaus gaben sie mir die Warnung mit: Sprich nicht mit den Medien und äußere dich nicht online.“
Ai Weiwei hebt deutsches Engagement hervor
Die Pläne des 55-Jährigen, zwei umfassende Ausstellungen zu seinem Werk im Juli in England und im Oktober in Washington zu eröffnen und im Herbst seine Gastdozentur an der Universität der Künste in Berlin anzutreten, haben sich vorerst zerschlagen. Formal hat er nach einem Jahr der Verfolgung, die im April 2011 mit Kidnapping und anschließenden 81 Tagen willkürlicher Polizeihaft begann und nach seiner „Entlassung“ mit Hausarrest unter strengen Bewährungsauflagen endete, die bürgerlichen Rechte zurück erhalten.
Sie waren ihm ohne Richterspruch oder Anklage für ein Jahr entzogen worden. Er braucht sich nun nicht mehr polizeilich melden, kann treffen, wen er will und sich „innerhalb Chinas“ frei bewegen. „Als ich verschleppt wurde, warfen sie mir als erstes Subversion und Gefährdung der Staatssicherheit vor. Dann schwenkten sie zum Vorwurf der Steuerhinterziehung über. Ich fürchtete für mehr als zehn Jahre in Haft zu verschwinden.“
Dass es dazu nicht kam, habe er internationalen Protesten aus der Kunstszene und der Öffentlichkeit zu verdanken. Ai hebt besonders das deutsche Engagement hervor. Er habe gehört, dass sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihn verwandte und Ende August auf Regierungsbesuch nach Peking kommt. Spontan sagt er: „Ich würde sie sehr gerne treffen.“ Mit dem Ende der Kautionsauflagen „habe ich die Freiheit erhalten, allen, die sich für mich einsetzten, persönlich Danke zu sagen. Jetzt ist der Zeitpunkt dazu da.“
Die Schikanen gegen den Bürgerrechtler, der sich mit seiner Kunst gesellschaftlich einmischt, halten uneingeschränkt an. Auf der Straßenseite gegenüber seinem Atelier parken auch am Wochenende Polizei- und Zivilfahrzeuge der Staatssicherheit. Ihre Insassen beobachten den Eingang. Vergangenen Mittwoch „fuhren bei uns vierzig Polizeiwagen umher“ hat Ai mitgezählt. Das war der Tag, an dem das Bezirksgericht Chaoyang über eine Klage seiner Frau Lu Qing und ihrer Anwälte gegen das Pekinger Steueramt beriet. Es habe mit seinem ungerechtfertigten Bußgeld über umgerechnet 15 Millionen Yuan (1,9 Mio. Euro) gegen Ais Künstleragentur „FAKE“ widerrechtlich gehandelt. Der Vorwurf der Steuerhinterziehung sei falsch.
"Der Zug nach Berlin verspätet sich"
Die Polizei hindert Ai, am Verfahren teilzunehmen. Nur seine Frau und drei Anwälte als Vertreter der beklagten Agentur „FAKE“ und fünf „Bürger“ als Vertreter der Öffentlichkeit dürfen dem „öffentlichen“ Verfahren bewohnen. Das Gericht will am 30. Juni entscheiden. Derweil geht die Groteske – der Staat China vs. Ai Weiwei – in zweiter Runde weiter. So nennt etwa die Polizei ein 2010 gemachtes Kunstfoto, das ihn in mit vier nackten Frauen zeigt, Pornografie. Weil das Bild im Internet mehr als tausendmal heruntergeladen wurde, erfülle der Fall den Strafbestand „Verbreitung von Pornografie.“
Sein Fall werde in die Länge gezogen. Er könne jetzt nicht nach Berlin kommen. Er werde seine Vorlesung über kurz oder lang dort halten. Das sei ganz sicher: „Teilen Sie das bitte den Berlinern mit: Wegen der hiesigen Wetterlage verspätet sich mein Zug nach Berlin ein wenig.“


