Chen Guangcheng

Chinesischer Dissident verlässt US-Botschaft in Peking

Chen Guangcheng hat die amerikanische Botschaft in Peking verlassen - aus freien Stücken, wie es von chinesischer Seite heißt.

Foto: REUTERS

Der geflohene chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng hat die US-Botschaft in Peking verlassen. Der blinde Aktivist sei in eine medizinische Einrichtung gebracht worden, um dann mit seiner Familie zusammenzutreffen, erklärte ein US-Beamter am Mittwoch. Die Führung in Peking habe Chen Guangcheng nach US-Angaben einen „sicheren“ Aufenthaltsort in China zugesagt.

Peking forderte wegen der Aufnahme Chens durch die US-Botschaft eine Entschuldigung Washingtons, nachdem kurz zuvor US-Außenministerin Hillary Clinton in Peking eintraf.

Chen habe die Botschaft auf eigenen Willen verlassen, berichtete die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Die Anwesenheit Chens in der US-Botschaft war bislang nicht offiziell bestätigt worden. Die Unterstützer des 40 Jahre alten Bürgerrechtlers hatten jedoch zuvor erklärt, dass sich Chen dort aufhalte.

Mit deutlichen Worten kritisierte die chinesische Regierung am Mittwoch, dass die USA Chen sechs Tage lang in der Botschaft aufgenommen hätten. „Es muss unterstrichen werden, dass die US-Botschaft in Peking nicht normale Mittel angewendet hat, um den chinesischen Bürger Chen Guangcheng in die Botschaft zu bringen“, erklärte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Liu Weimin. Das Vorgehen der USA bedeute „eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas“, was für das Land inakzeptabel sei, erklärte Liu.

„China fordert eine Entschuldigung in dieser Angelegenheit, eingehende Ermittlungen, Strafmaßnahmen für die Verantwortlichen und eine Garantie, dass sich eine solche Angelegenheit nicht wiederholt“, sagte der Sprecher. Über das weitere Schicksal des 40-Jährigen herrschte zunächst Unklarheit.

Der seit seiner Kindheit blinde Aktivist war nach vier Jahren Haft im September 2010 aus dem Gefängnis entlassen worden und stand seither in der Provinz Shandong unter Hausarrest. Am 22. April gelang ihm die spektakuläre Flucht aus dem strengen Hausarrest.

In einem an Ministerpräsident Wen Jiabao gerichteten Online-Video berichtete Chen nach seiner Flucht, er und seine Familie seien im Hausarrest Opfer von Misshandlungen durch ihre Aufpasser geworden.

Chen ist einer von zahlreichen autodidaktischen Anwälten, die sich in China in Menschenrechtsfragen engagieren und Betroffene beraten. Er zog vor allem mit Kritik an der Ein-Kind-Politik den Zorn der chinesischen Führung auf sich, nachdem er zahlreiche erzwungene späte Abtreibungen und Sterilisierungen von Frauen aufgedeckt hatte.

Am Mittwochmorgen traf US-Außenministerin Clinton zu einem jährlich stattfindenden Dialog zu Wirtschafts- und Strategiefragen in Peking eingetroffen. Die in den USA ansässige Organisation ChinaAid hatte erklärt, vor den bilateralen Gesprächen am Donnerstag und Freitag würden Washington und Peking Gespräche zum Fall Chen führen. Dabei werde es um eine Vereinbarung gehen, die es Chen erlauben solle, gemeinsam mit seiner Familie ins US-Exil zu gehen. Clinton hatte wiederholt den Umgang der Behörden mit Chen kritisiert.

Die chinesische Regierungszeitung „Global Times“ schrieb am Mittwoch in einem Leitartikel, die Beziehungen zwischen China und den USA dürften durch den Fall Chen nicht belastet werden. Eine Verbesserung der Menschenrechtslage im Land könne nur aus China selbst kommen. Der Westen könne China nicht dazu drängen, hieß es in dem Artikel.