Interview

Wuttke-Wochen an der Berliner Volksbühne

Der Schauspieler Martin Wuttke führt selbst Regie und übernimmt in gleich drei Molière-Inszenierungen die Hauptrollen.

Foto: picture-alliance / dpa / picture-alliance / dpa/Zentralbild

Er hatte die Idee zu diesem Molière-Projekt – und deshalb muss er jetzt auch ran: Martin Wuttke führt Regie bei „Der eingebildete Kranke“ und übernimmt auch die Hauptrolle. Am 1. Juni ist Premiere. Eine Woche später ist der Schauspieler dann erneut in einer Titelrolle zu sehen, in Frank Castorfs Inszenierung von „Der Geizige“. Und nach der Sommerpause bringt eröffnet Regisseur René Pollesch mit „Don Juan“ (natürlich mit Wuttke) die neue Spielzeit. Zum Interview kommt ein erschöpfter Martin Wuttke ins Foyer der Volksbühne. Er wählt einen Platz am Fenster, öffnet es und zündet sich eine Zigarette an. Die Sonnenbrille behält er die ganze Zeit auf. Mit dem Schauspieler sprach Stefan Kirschner.

Morgenpost Online: Herr Wuttke, Sie inszenieren selbst und proben parallel zwei Stücke, in denen Sie die Hauptrolle spielen. Brauchen Sie den Stress?

Martin Wuttke: Nein, wirklich nicht. Manchmal frage ich mich, warum ich mir das antue. Aber wenn man so eine Unternehmung machen will, dann bleibt das nicht aus. Wir wollten sehr nah beieinander diese drei Molières rausbringen. Die Komödien aus unterschiedlichen Perspektiven vorstellen, aber mit demselben Hauptdarsteller

Morgenpost Online: Spielen alle drei Aufführungen im selben Bühnenbild?

Martin Wuttke: Lassen Sie sich überraschen.

Morgenpost Online: Die Idee zu diesem Projekt stammt von Ihnen. Was reizt Sie an Molière?

Martin Wuttke: Mich hat die Person interessiert. Was für komische Karriere, was für eine tragische Figur, auf der Bühne gestorben. Moliere war Schauspieler und Theaterdirektor, ein Unternehmer. Die Stücke müssten erfolgreich sei, weil die Truppe und er davon abhängig waren. Die Titelrollen hat er selbst gespielt. Er hat davon geträumt, Tragödien zu schreiben, aber damit hatte er keinen Erfolg, das war Autoren wie Racine vorbehalten. Molieres Werke sind nicht im Schreibkämmerlein entstanden, sondern auf der Bühne. Er ist der Erfinder der modernen Komödie. In allen drei Stücken, die hier an der Volksbühne herauskommen, gibt es ähnliche Konstruktionen und Konstellationen.

Morgenpost Online: Haben Sie im Vorfeld mit Pollesch und Castorf über die Inszenierungen geredet?

Martin Wuttke: Wir haben keine konzeptionelle Gespräche geführt, aber natürlich kommunizieren wir.

Morgenpost Online: Sie sind ja als Hauptdarsteller so etwas wie die Klammer.

Martin Wuttke: So unterschiedlich die Arbeitsansätze der Regisseure sind, gibt es dahinter trotzdem so etwas wie einen gemeinsamen Raum.

Morgenpost Online: Mit Ihnen kehrt ein weiterer Star an die Volksbühne zurück.

Martin Wuttke: Mit Pollesch habe ich die ganzen Jahre über gearbeitet, das Gespräch mit Frank Castorf ist nie abgerissen. Dass ich nach Wien ans Burgtheater gegangen bin, hatte auch damit zu tun, dass ich hier in Berlin 20 Jahre lang sehr viel gemacht habe und einfach mal ein anderes Umfeld haben wollte. Man braucht ja auch mal Abstand und Erholung voneinander. Vielleicht auch die Zuschauer von mir und ich von den Zuschauern.

Morgenpost Online: Wien gilt als das Paradies für Schauspieler.

Martin Wuttke: In Berlin wird zynisch-kalter aufs Theater geblickt, in Wien gehört es zum guten Ton, zum bürgerlichen Leben, dass man ins Theater geht – und es liebt.

Morgenpost Online: Und die Akteure.

Martin Wuttke: Auch die Schauspieler, ja.

Morgenpost Online: Ihre Familie lebt in Berlin, pendeln Sie zwischen beiden Städten?

Martin Wuttke: Ja, aber die ersten fünf Monate dieses Jahres war ich überwiegend in Wien, den Rest bin ich jetzt in Berlin.

Morgenpost Online: Wenn Sie andere Projekte machen, ist das für Wien kein Problem?

Martin Wuttke: Es gibt die Abmachung, dass ich zwei Stücke am Burgtheater mache. Ist ein ziemlich enges Programm, da sind Absprachen wichtig, weil ich ja auch noch drehe.

Morgenpost Online: Und Sie spielen auch am Berliner Ensemble, die Hauptrolle in „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Die Inszenierung von Heiner Müller stammt aus den 90er Jahren. Wie schaffen Sie es, dass die Aufführung immer noch so frisch wirkt?

Martin Wuttke: Die Konstruktion ist sehr stabil, darauf kann man zurückgreifen. Vielleicht kommt das daher.

Morgenpost Online: Was ist das für ein Gefühl, gemeinsam mit einer Inszenierung zu altern?

Als ich das gemacht habe, war ich 33. Diese Art zu spielen gründet auf physischem Übermut. Der ist allerdings stark gedämpft, wenn man 50 ist.

Morgenpost Online: Für kurze Zeit waren Sie auch Intendant des Berliner Ensembles. Wäre Theaterleiter ein Job für Sie?

Martin Wuttke: Das ist damals aus einer Situation heraus entstanden, die Gesellschafter sind an mich herangetreten. Ich habe das als Verpflichtung gegenüber Heiner Müller gesehen, aber es lag nicht in meinem Interesse. Das Umfeld war nicht von mit gestaltet, auch politisch war das eine schwierige Situation. Wahrscheinlich würde es mich heute mehr interessieren. Wenn mich beispielsweise meine Heimatstadt Bochum fragen würde, würde ich darüber nachdenken.

Morgenpost Online: Auch über die Volksbühne? Intendant Frank Castorf hat seinen Rückzug für 2016 angekündigt. Sie kennen das Haus gut, würde Sie der Posten reizen?

Martin Wuttke: Um Gottes Willen, nein.

Morgenpost Online: Sie haben lange Zeit kaum Fernsehen gemacht, sind aber dann als Leipziger „Tatort“-Kommissar Keppler gleich in eine Serie eingestiegen.

Martin Wuttke: Ich stand immer vor der Alternative, am Theater zu arbeiten oder auf Film und Fernsehen zuzusteuern. Ich habe mich als junger Mann immer fürs Theater entschieden. Das waren die selbstverständlicheren Entscheidungen. Und wenn man viel am Theater arbeitet, hier an der Volksbühne waren das manchmal bis zu 20 Vorstellungen pro Monat plus die Auftritte am Berliner Ensemble, wann soll man dann Fernsehen machen? Ich habe sehr viele Angebote ablehnen müssen in der Zeit. Aber beim „Tatort“ gibt es einen langen Vorlauf, das kann man gut einplanen.

Morgenpost Online: Sie drehen zwei bis drei Folgen im Jahr, den Leipziger „Tatort“ sehen im Schnitt neun Millionen Menschen. Auch ein Grund, warum Sie da zugesagt haben?

Martin Wuttke: Ich war einfach neugierig, wie das funktioniert. Ich gehöre ja zu der Generation, die mit dem „Tatort“ aufgewachsen ist.

Morgenpost Online: Würde Sie es reizen, selbst ein Drehbuch für einen „Tatort“ schreiben?

Martin Wuttke: Das würde ich sehr gerne tun.

Morgenpost Online: Warum sind Krimis – und allen voran der „Tatort“ – so populär?

Martin Wuttke: In einer Gesellschaft, die immer undurchsichtiger wird und wo Gerechtigkeit kaum noch wahrnehmbar ist, ist es vielleicht schön, im Fernsehen zu sehen, dass sich Leute darum kümmern, dass ein Mörder auch hinter Schloss und Riegel kommt. Dass es da eine Ordnung gibt.