1. Peymann braucht einen Aufreger
Er war wieder nicht dabei. Und doch präsent: Claus Peymann, der Direktor des Berliner Ensembles, forderte nicht zum ersten Mal, aber diesmal pünktlich zur Eröffnung: Schafft das Theatertreffen ab. Es habe seine Bedeutung verloren, weil Berlin ja nicht mehr eingemauert sei. Und deshalb jeder theaterinteressierte Einwohner dieser Stadt problemlos irgendwohin fahren könne, um sich großartige Bühnenkunst anzuschauen. Was Peymann nicht sagt: Der Weg an diesen Ort ist gar nicht so weit, die Fahrt günstiger als man denkt. Denn eigentlich reicht ein BVG-Ticket für 2,30 Euro. Am Bahnhof Friedrichstraße aussteigen, von dort sind es nur wenige Meter bis zum Berliner Ensemble. An Peymanns Theater werden Klassiker noch respektvoll behandelt und unter einer guten Performance versteht man am Schiffbauerdamm steigende Einnahmen an der Kasse.
2. Wiedersehen macht Freude
Ob mit oder ohne Großflughafen: Berlin ist natürlich auch der Nabel der Theaterwelt. Trotzdem soll es gelegentlich vorkommen, dass Regisseure oder Schauspieler das Weite suchen. Sie spielen oder inszenieren dann in Wien, München, Hamburg. Nicht, weil sie dort mehr verdienen, sondern weil sie dort mehr geliebt werden. Aber sie kehren alle verlässlich wieder zurück. Dem Theatertreffen sei Dank. Nicolas Stemann bescherte uns mit seinem „Faust 1 & 2“-Marathon beglückende Theatermomente, seine Inszenierung war der Höhepunkt des Festivals. Peter Simonischek und Martin Wuttke, der trotz seines Burgtheater-Engagements dankenswerterweise auch noch in Berlin spielt, gastierten mit „Platonov“ im Festspielhaus. Die Wiener Inszenierung sorgte für einen versöhnlichen Abschluss, Freunde des großen Schauspielertheaters kamen auf ihre Kosten in der detailverliebten, tief in die Zeit des Stückes eintauchende, unsere Gegenwart ausblendende Inszenierung von Alvis Hermanis. Wir wollen Stefan Merki nicht vergessen: Der Schauspieler war in „Gier“ und „Macbeth“, also beiden Produktionen der Münchner Kammerspiele, dabei. Die Älteren werden sich erinnern: Stefan Merki spielte am Schiller-Theater in Berlin – bis das geschlossen wurde.
3. Das Lächeln der Leiterin
Alles neu macht der Mai – zumindest in diesem Jahr. Neues Logo, neuer Auftritt: Die neue Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer startete eine Charmeoffensive, stets gut gelaunt und lächelnd trotzte sie dem Stress.
4. Diskussion über Theater
Das Theatertreffen sorgt verlässlich für eine alljährliche Grundsatz- und Relevanzdebatte – was bei einer so alten Kunstform ja nicht schaden kann. In diesem Jahr hat sich die Jury bei der Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen zwar gegen eine griechische Tragödie und lediglich für ein Shakespeare-Stück entschieden, aber der Geist dieser Zeiten war in anderen Aufführungen zu spüren. Beispielsweise in der 12-stündigen „John Gabriel Borkman“-Performance von Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdsten. Deren radikale Ibsen-Bearbeitung war der Aufreger des Theatertreffens. Längenmäßig entsprach das ungefähr der antiken griechischen Aufführungspraxis. Und dass man als Zuschauer Kommen und Gehen konnte, wann man wollte und sich allerlei Vergnügungen hingeben durfte (was die Akteure auf der Bühne ebenfalls taten), erinnerte an die Shakespeare-Zeit, wo das Publikum nicht nur aß, trank und redete, sondern auch Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen konnte.
5. Podium für Proteste
Die Studenten der Ernst-Busch-Hochschule, deren lange geplanter Neubau kurzfristig gestoppt werden sollte, nutzen das Theatertreffen für ihren Protest – erfolgreich. Schließlich stehen ja viele Absolventen dieser Schule auf den Bühnen dieser Republik. Das Timing der Politiker ging nicht auf: Die hatten die Neubaupläne ausgerechnet am Abend der Eröffnung des Festivals beerdigt und auf Ablenkung gesetzt. Weit gefehlt.
6. Zeit erfahren
Ja, zwei Stunden können ganz schon lang sein. Und acht Stunden fast wie im Fluge vergehen. Diese Zeit-Erfahrung konnte man beim Besuch der Inszenierungen „Ein Volksfeind“ und „Faust 1& 2“ machen. Wobei es an dieser Stelle doch noch einmal gesagt werden muss: Die Stühle im Festspielhaus werden Sitzanforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gerecht.
7. Der schönste Theatergarten
Pünktlich zum Theatertreffen blühen die Kastanien rund ums Festspielhaus, im Garten flanieren die Besucher, am flackernden Feuer wird über die gerade gesehene Aufführung gesprochen. So ein Ambiente muss man nutzen, wobei die die kulinarische Versorgung angesichts recht langer Theaterabende verbesserungsbedürftig ist. Nebenbei: Kulturaffine Menschen sind nicht grundsätzlich gegen das Grillen eingestellt.
8. Alternative zum Fußball
Naturgemäß finden parallel zum Theatertreffen immer wichtige Fußballspiele statt. Die sich dafür nicht interessieren, gehen an den entsprechenden Tagen zum Festival, die anderen hatten am Sonnabend das Glück, dass die beste europäische Vereinsmannschaft erst im Elfmeterschießen ermittelt wurde: Ganz schnell strömte eine Gruppe Theaterbesucher in die nächstgelegene Kneipe, um nach fünf Stunden Cechov mit den Bayern mitzufiebern.
9. Preiswürdig
Es gibt kein passenderes Umfeld für Auszeichnungen als das Theatertreffen. Zum Auftakt verlieh der Regierende Bürgermeister der Schauspielerin Sophie Rois den Theaterpreis Berlin, zum Ende erhielt Fabian Hinrichs den Alfred-Kerr-Darstellerpreis für sein Solo in René Polleschs Stück „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“. Alleinige Jurorin für den Kerr-Preis für den besten jungen Darsteller war Schauspielerin Nina Hoss. Und auch Nicolas Stemann bekam eine Auszeichnung: Der Regisseur erhielt den 3sat-Preis für seine „Faust“-Inszenierung.
10. Das Jubiläum
Im kommenden Jahr steht die 50. Ausgabe des Theatertreffens an. Alt sieht es wirklich nicht aus. Und zum 50. darf vielleicht auch Claus Peymann aufs Podium. Schließlich zählt er zu den meisteingeladenen Regisseuren. Auch wenn das schon etwas zurückliegt.



