HAU-Geschäftsführer

Matthias Lilienthal ist gerne ein Kleinbürger

Nach neun Jahren verlässt Matthias Lilienthal das Hebbel am Ufer. Im Interview mit Morgenpost Online erklärt der Theater-Intendant, warum.

Foto: David Heerde

Matthias Lilienthal ist ein erfolgreicher Theatermacher – und ein sehr gut vernetzter dazu. Der gebürtige Berliner (Jahrgang 1959) leitet seit neun Jahren das aus drei Kreuzberger Bühnen bestehende Hebbel am Ufer, kurz HAU genannt. Er hat auf eine Verlängerung seines Vertrages verzichtet, die Kulturpolitik hätte ihn gern in Berlin gehalten. Im Sommer übernimmt Annemie Vanackere aus Rotterdam seinen Posten.

Morgenpost Online: Herr Lilienthal, während Ihrer Intendanz sind hier ungefähr 1000 Produktionen herausgekommen. Wie viele davon haben Sie denn gesehen?

Matthias Lilienthal: 950.

Morgenpost Online: Wirklich?

Matthias Lilienthal: Vielleicht sogar noch mehr. Ich sehe fast alles.

Morgenpost Online: Viele Inszenierungen am HAU sind nur wenige Tage zu sehen. Ist das nicht schade?

Matthias Lilienthal: Würden wir einzelne Produktionen häufiger spielen, müssten wir uns von zwei Drittel der hier arbeitenden Künstler verabschieden, weil der Spielplan gesprengt würde.

Morgenpost Online: Die vielen Premieren verbergen Flops auch ganz gut.

Matthias Lilienthal: Die Erfolgsquote dürfte der an Stadttheatern entsprechen. Aber es stimmt schon: Missglückte Produktionen fallen bei uns nicht so auf.

Morgenpost Online: Verglichen mit anderen großen Theatern dieser Stadt haben Sie im HAU wahrscheinlich das jüngste und gemischteste Publikum.

Matthias Lilienthal: Das ist bei uns an jedem Abend sehr unterschiedlich. Wir haben wenig Schüler, performative Auflösung von Formen und Inhalten ist nicht unbedingt etwas für 14-Jährige, aber so ab 18 kommen die Leute zu uns. Und wir sprechen mit unserer Arbeit sehr unterschiedliche Milieus an. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich ein Bürger per exellence in dieser Stadt bin: ich kann mit allen. Mit türkischstämmigen Filmregisseuren genauso wie mit dem Regierenden Bürgermeister oder Menschen aus Gropiusstadt oder Zehlendorf. Ich inszeniere mich ja als Edelpenner. Deswegen denken alle immer, der ist ein bisschen daneben.

Morgenpost Online: Dieses Auftreten könnte ein Problem sein, wenn Sie sich für eine Intendanz in München, Köln oder Hamburg bewerben.

Matthias Lilienthal: Stimmt.

Morgenpost Online: Außerhalb Berlins sind Sie…

Matthias Lilienthal: …schwer vermittelbar (lacht). Zumindest in Deutschland. Nachdem ich hier am HAU meinen Vertrag nicht mehr verlängert habe, kamen Angebote aus Südkorea, Australien und dem Libanon.

Morgenpost Online: Und Sie haben sich für Beirut entschieden.

Matthias Lilienthal: Ich werde dort am Home Workspace, einer innovativen Ausbildungseinrichtung, Kunststudenten unterrichten und mit denen versuchen, eine X-Wohnungen-Version für das Beiruter Festival in der zweiten Aprilhälfte 2013 zu machen.

Morgenpost Online: Die Kulturverantwortlichen dieser Stadt hätten Sie gern hier behalten.

Matthias Lilienthal: Wenn man so einen Job zu lange macht, nutzt sich vieles ab. Es ist richtig, nach einer bestimmten Zeit aufzuhören. Ich bin jetzt 52 Jahre alt – und habe Lust auf etwas Neues.

Morgenpost Online: Und wenn Sie dann ein Theaterfestival im arabischen Raum auf die Beine gestellt haben, sehen wir die Inszenierungen im HAU?

Matthias Lilienthal: Intendanten haben in ihrem ehemaligen Haus nichts zu suchen. Also insofern bestimmt nicht hier.

Morgenpost Online: Vielleicht auf dem Flughafen Tempelhof?

Matthias Lilienthal: Ein Hangar in Tempelhof wäre schon ideal. So einen Raum, den man je nach Kunstgattung neu definieren kann, hätte ich gern. Wenn es eine Stadt gibt, die mir so eine Halle und ein 5-Mio.-Budget gibt, da würde ich hingehen. Und wenn es Mannheim wäre.

Morgenpost Online: Sie kennen Kulturstaatssekretär André Schmitz ja gut und haben mit ihm bestimmt über Tempelhof gesprochen.

Matthias Lilienthal: Ja, aber im Berliner Kulturetat sind momentan keine fünf Millionen Euro übrig. Und es gibt in der Stadt bestimmt zehn Institutionen, die alle 500.000 Euro mehr bräuchten.

Morgenpost Online: Eine Frage der Verteilung.

Matthias Lilienthal: Und des Willens. Wenn Daniel Barenboim mehr Geld haben will, bekommt er es auch.

Morgenpost Online: Vielleicht übernehmen Sie bald eine Einrichtung, die bereits einen Etat hat?

Matthias Lilienthal: Jetzt höre ich in Berlin erst mal auf, damit die Stadt ein bisschen Pause von mir kriegt. Ich habe sieben Jahre an der Volksbühne und neun Jahre am HAU gearbeitet. Ich muss jetzt meinen Akku woanders aufladen, bevor ich möglicherweise hier noch mal irgendwo auftauche.

Morgenpost Online: Von Berlin an sich haben Sie nicht genug?

Matthias Lilienthal: Nö, man wohnt hier ja eigentlich in einer unbekannten Stadt: Die Hälfte der Bevölkerung wurde in den vergangenen 15 Jahren durch Zuzüge ausgetauscht. Ich bin seit 1959 hier, aber die Stadt, in der ich lebe, ist eine andere geworden. In Israel gibt es schon ernsthafte Diskussionen über den Weggang nach Berlin, rund 15.000 Intellektuelle und Künstler aus Tel Aviv sind hierher gezogen.

Morgenpost Online: Weil die Stadt mit Kultur und vergleichsweise günstigen Mieten punkten kann.

Matthias Lilienthal: Und die Konflikte weiter weg sind. Wenn ich mit Wirtschaftsleuten diskutiere, sage ich immer gern, dass es der Stadt sehr gut gehen würde, wenn der industrielle Sektor so gut entwickelt wäre wie der kulturelle. Die Privatwirtschaft kann ja mal versuchen, in die Nähe unseres Niveaus zu kommen. Aber die steigenden Mieten ziehen der kulturellen Szene den Teppich unter den Füßen weg. Deshalb muss der Senat in den nächsten Jahren in den kulturellen Sektor deutlich mehr Geld stecken, um das zu erhalten, was es gibt. Ich mag die Stadt so, wie sie jetzt ist.

Morgenpost Online: Das klingt spießig.

Matthias Lilienthal: Dann bin ich halt ein Kleinbürger, das macht mir nichts.

Morgenpost Online: Und zum Schluss Ihrer Intendanz bringt das HAU als kollektive Überforderung „Unendlicher Spaß“, den 1500-Seiten-Roman von David Foster Wallace, als 24-Stunden-Projekt an verschiedenen Orten heraus. Warum liegen alle Spielstätten im Westen?

Matthias Lilienthal: Wallace beschreibt in seinem Roman die Langeweile von Boston, ich musste beim Lesen an die Peripherie West-Berlins denken. Ob in Zehlendorf oder Gropiusstadt, da ist in den vergangenen 20 Jahren wenig passiert. Wir nehmen den Stoff und bespielen zwölf verschiedene Orte wie das Finanzamt Reinickendorf, die Klinik Lankwitz, die etwas runtergerockte Abhörstation auf dem Teufelsberg oder den Tennisklub LTTC „Rot-Weiß“. Wir hätten super gern auch den Bierpinsel gehabt, aber da kamen uns Sanierungsmaßnahmen dazwischen. Zwölf Gruppen, darunter She She Pop und Gob Squad, inszenieren jeweils eine Station. Wir zeigen das acht Mal, das dauert jeweils 24 Stunden.

Morgenpost Online: Wissen die Institutionen, was auf sie zukommt?

Matthias Lilienthal: Na klar, die freuen sich auf uns.

Morgenpost Online: Ist ja eine ganz andere Welt bei Rot-Weiß.

Matthias Lilienthal: Der Tennisboom der 70er/80er Jahre ist vorbei. Auch Rot-Weiß ist auf der Suche nach neuen Wegen. Dass die kulturelle Szene einen anderen Blick darauf wirft, das finden die spannend.

Morgenpost Online: Wer „Unendlicher Spaß“ nicht gelesen hat, versteht trotzdem etwas?

Matthias Lilienthal: Der Roman wird schon erzählt. Wir geben auch zwischendurch mal Zusammenfassungen. Und es gibt auch eine Zeitung, die hilft.

Morgenpost Online: 24 Stunden Theater – könnte das Publikum überfordern.

Matthias Lilienthal: Alternativ kann man auch zwölf Stunden an zwei verschiedenen Tagen buchen. Aber die Stadt liebt doch außergewöhnliche Spektakel. Und ich glaube, dass es im Moment fast nicht Unbekannteres gibt als diese Peripherie. Ich fand das Stehenbleiben der Zeit an den Rändern von West-Berlin lustig. Und ich tue ja immer das, was ich lustig finde.