Eigentlich ist es so, dass enttäuschte Primaballerinen einer Stadt den Rücken kehren und dabei laut mit den Türen knallen. Alle anderen Spitzentänzerinnen, die im Guten scheiden, werden gebührend verabschiedet.
Aber diesmal ist alles merkwürdig anders. Polina Semionova, deren Vertrag vorfristig zum Saisonende hin aufgelöst wird, verabschiedet sich auf leisen Sohlen. Demnach ist sie am Freitag – beinahe unbemerkt – in ihrer letzten Premiere beim Staatsballett Berlin zu erleben. Gezeigt wird im Schiller-Theater ein dreiteiliger Ballettabend mit Choreografien von Nacho Duato, William Forsythe und Marco Goecke. Nach der Premiere tanzt die Semionova laut offiziellen Plänen noch weitere vier Vorstellungen, ihr letzter Auftritt als Erste Solistin findet am 5. Mai statt.
Beim Staatsballett spricht man dagegen hinhaltend von laufenden Verhandlungen. Warum auch immer. Der gekränkte Ballettchef Vladimir Malakhov hat kürzlich bereits verkündet, dass er sie als Gastsolistin nicht mehr empfängt. Das wäre zweifellos ein schwerer Verlust, die Semionova war immer ein attraktives Aushängeschild für die Ballettmetropole Berlin, selbst wenn sie – wie Malakhov heute verbittert anmerkt – in den letzten Jahren bereits nur noch wie ein seltener Gast anzutreffen war.
Auf den ersten Blick mag es bei der Trennungsgeschichte um Geld und verletzte Eitelkeiten gehen, auf den zweiten Blick offenbart der Fall „Malakhov und Polina“ auch die zutiefst menschliche Geschichte, wie eine Schülerin ihrem alternden Meister über den Kopf hinauswächst. Ihr Weggang zeigt zugleich die erste innere Identitätskrise des Staatsballetts, zu deren Gründerfiguren die beiden Startänzer gehören.
Zauber des ersten Augenblicks
Malakhov, der in Moskau liebevoll der „fliegende Vladimir“ genannt wurde, war 2002 als Ballettdirektor zur Staatsoper Unter den Linden gekommen. Das Ballett hatte in Berlin gerade ein kulturpolitisch schwieriges Jahrzehnt hinter sich, nur wenige Opernintendanten mögen in Sparzeiten die Tanzkompagnien an ihren Häusern, obendrein wurde im Westen die französische Ballettschule favorisiert, im Osten die russische.
Es gab immer wieder Grabenkämpfe. Schließlich wurden 2004 die drei Ballettkompagnien aus den Opernhäusern herausgelöst und unter Malakhovs künstlerischer Leitung zum Staatsballett Berlin fusioniert. Für den Zauber des ersten Augenblicks brauchte er ein frisches, unschuldiges, formbares Großtalent. Jemand, mit dem alle mitfiebern und mitwachsen. Als seine „Baby-Ballerina“ neckte er die Semionova anfangs. Von der Ballettakademie des Moskauer Bolschoi-Theaters hat er sie gleich in die Erste Soloposition des neuen Berliner Ballettkonzerns gehievt. Was für eine Karriere. Ihre erste „Schwanensee“-Vorstellung musste er ihr allerdings kurzfristig wieder absagen, weil die zwei Tage vor ihrem 18. Geburtstag stattfinden sollte. Das deutsche Arbeitsrecht ließ es nicht zu. Die Semionova ist durch Malakhov geworden, was sie heute ist, ein Star, aber auch er brauchte sie für seinen Neuanfang. Er, der Russe, wollte eine russisch geschulte Vorzeige-Ballerina. Dabei wirkte sie schon immer anders, irgendwie erwachsener, wissender.
Es mag etwas im Habitus geben, was kleine Pariser und Moskauer Ballettelevinnen voneinander unterscheidet. Erstere stöckeln kokett durch die Stadt und können sich in den Vorstellungen selbst verkörpern, russische Ballerinen – pardon – watscheln eher in knochiger Eleganz und verwandeln sich erst auf der Bühne in die wunderschönsten Schwäne. Die Semionova hätte beinahe die russische Eliteschule wieder verlassen müssen, weil sie nicht die der Ausbildung entsprechenden x-Beine vorzeigen konnte. Sie verfügt zweifellos über eine natürliche vorzeigbare Eleganz, wohingegen sie sich die tänzerische Leichtigkeit hart antrainieren musste.
In Polina, Jahrgang 1986, muss sich Vladimir Malakhov, Jahrgang 1968, selbst wiedererkannt haben. Es hat auch etwas mit der Aufsteigermentalität sowjetischer Prägung zu tun. Man muss nicht den Begriff des Homo Sovieticus, wie ihn der Dissident Alexander Sinowjew prägte, überstrapazieren. Es geht weniger um den antrainierten Opportunismus gegenüber politischen Systemen, vielmehr darum, jeweils das Beste für sich und seine Familie herauszuholen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen den beiden Tänzerkarrieren. Während Malakhov die gerade zerbrochene Sowjetunion verließ, war es bei der Semionova schon das selbstbewusste Russland. An der Ballettakademie erlebte sie, wie sich neureiche Russen für ihre Kinder die besten Ballettlehrer kauften. Das konnten sich ihre Eltern, eine Englischlehrerin und ein Bio-Ingenieur, nicht leisten. Die Elevin Polina hat zu rechnen gelernt. Dafür wuchs sie wohlbehütet mit Babuschka, Eltern und zwei Geschwistern auf. Sie hat immer betont, wie wichtig ihr Familie ist.
In Berlin wurde das Staatsballett so etwas wie ihre Ersatzfamilie. Und Malakhov eine Art Vaterfigur. Er hat sich in all den Jahren schon rührend, auch nachsichtig, um sie gekümmert. Ihr viele Wege geebnet. Allein in Berlin hat sie die Odette/Odile in „Schwanensee“, die Nikya in „La Bayadère“, die Cinderella, die Aurora in „Dornröschen“, die Giselle, die Tatjana in „Onegin“, die Manon und in Béjarts „Ring um den Ring“ getanzt. Sie ist durch die Welt gereist und sogar im World Wide Web bekannt geworden. Im Musikvideo „Demo (Letzter Tag)“ von Herbert Grönemeyer, das im Theater des Westens aufgenommen wurde, zeigt sie ihre atemberaubenden Sprünge. Gern wird sie seit diesem Video, das sich jeder auf YouTube anschauen kann, auch als erster Ballettstar des Web 2.0 bezeichnet.
Eine Königin ohne Thron
Irgendwann muss die Entfremdung begonnen haben. Die Tänzerin war lieber auf Reisen und galt bald als Diva. Längst hatte sich einiges verändert, was einer Primaballerina nicht gefallen dürfte. Das Staatsballett residiert nicht mehr im Zentrum der Stadt, in der Staatsoper Unter den Linden, sondern ist gewissermaßen nach Charlottenburg, unters Dach der Deutschen Oper, abgeschoben worden. Malakhov hat inzwischen die Zahl seiner Ersten Solistinnen auf acht erhöht, die Semionova ist eine Königin ohne sicheren Thron. Alle wollen die Premieren tanzen. Die sind aber rar. Für die nächste Saison ist aus Spargründen gar keine angekündigt. Das Staatsballett kann sich offenbar nicht mal mehr eine kostspielige Gastsolistin wie die Semionova leisten. Anders sind die zähen Verhandlungen kaum zu erklären. Dazu kommt ein Imageproblem. Malakhov wird seit Jahren gedrängt, seine Tänzerlaufbahn offiziell zu beenden und damit den Weg freizumachen für was und wen auch immer. Die Diskussion hat dem Staatsballett geschadet, auch im Inneren. Alle warten auf einen neuen Zauber.
Polina Semionova hat ihn für sich vorausgenommen. Frisch verheiratet (mit einem Ensembletänzer) will sie künftig ihr Geld auf dem freien Markt ertanzen. Die Dresdner Semperoper hat gerade verkündet, dass sie einen Vertrag als Gastsolistin unterschrieben hat. Sie wird dort in Tschaikowskis „Nussknacker“, Minkus' „Bayadère“ und in einer Gala auftreten. Wie so oft an der Seite ihres älteren Bruders Dmitry Semionov. Der Ballettbetrieb ist immer auch ein Familienbetrieb.
Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel: 206 09 26 30.
Letzte Auftritte: 27., 29.4., 1., 4., 5.5.





