Aus Ibsens populärem, unsterblichem „Peer Gynt“ ein Ballett zu machen scheint keine schwierige Sache. „Peer Gynt“ hat von vornherein viel zu bieten.

Heinz Spoerli, der Gast aus Zürich, versucht, in „Idee, Konzept und Choreografie“ die Vorlage noch zu bereichern. Das gelingt ihm musikalisch am besten. Zu Griegs sanftmütig eingängiger, populärer Musik mit „Anitras Tanz“ und „Solveigs Lied“ hat er, wie zu einem zeitgenössischen kompositorischen Pas-de-deux, die Komponisten Brett Dean und Mark-Anthony Turnage geladen, die kraftvoll und draufgängerisch auf den schon leicht bröckeligen musikalischen Putz zu schlagen verstehen. Ein Drittel des Orchestergrabens ist allein vollgestellt mit den denkbar umfangreichsten Schlaginstrumenten. Das Erstaunlichste: Sie leisten Grieg die denkbar beste Gesellschaft. Robert Reimer von der Staatsoper Stuttgart steht dem Orchester vor und zwingt die vorsätzlich auseinanderklaffenden Teile der Begleitmusik zur züngelnden Einheit zusammen. Das Orchester ist voll und ganz bei der Sache.

Das kann man von Spoerlis Choreografie leider nicht sagen. Sie hat sozusagen mehr im Kopf als in den Beinen. Gerade die zu sehen, geht man aber schließlich ins Ballett. Natürlich wollte Spoerli die liebenswürdigen Singstimmen Griegs nicht verlieren. Wiederholt ruft er Sängerinnen und Sänger aus der Kulisse. Mehr aber noch: Er wollte auch auf Ibsens Verse-Pracht nur ungern verzichten. So lässt er Sebastian Hülk, das Mikrophon vor den Kopf geschnallt, Peer Gynt-Zitate hersagen, die meisten von ihnen im großen Saal der Deutschen Oper nahezu unverständlich. Auf diese Weise laviert sich das Ballett vielfach gestückelt über die Bühne und umkreist in seinem Zentrum zwei Stunden lang hochachtungsvoll den Hauptdarsteller, der kaum je von der Bühne herunterkommt.

Ein Solo, das nicht kommt

Vladimir Malakhov, der Peer Gynt, hat sich ein Ballett ausgesucht, das ihn nicht zu pausenlosem Tanzen zwingt, sondern nur zu pausenlosem Dabeisein. Das ist leider aber nicht dasselbe. Schließlich will man einen Künstler wie Malakhov tanzen sehen, obwohl er barfuß den marokkanischen Sand auch sehr hübsch mit den gelenkigen Zehen aufwirbeln lassen kann. Sonst aber ist er einzig damit beschäftigt, seine wechselnden Partnerinnen hoch in die Lüfte zu heben, sie zu stemmen, sie unverletzt wieder auf die eleganten Beine zu stellen und sich für ein Solo zur Verfügung zu halten, das dann nicht kommt. Die Choreografie lässt den Dauerhelden des Abends ausdauernd im Stich. Gelegentlich kommt dem Zuschauer die Idee, Spoerli wolle Ibsens „Peer Gynt“ gar nicht in ein Ballett verwandeln, sondern in ein attraktives Gemisch aus allem und jedem. Am Ende ist man in einer Art Trauerspiel angelangt, in dem der herkulische Leonard Jakovina die Hauptrolle spielt. Er verkörpert mit nicht unerheblichen Leibeskräften den Tod. Gegen den lässt sich bekanntlich schlecht antanzen. Auch Nadia Saidakova kann es nicht, die still vor sich hinleidende Solveig, die Letzte auf der langen Warteliste der Liebe. Wiederholt darf sie tanzend an ihre Existenz erinnern, doch im Herzen Peer Gynts findet sie keinen Dauerplatz, genauso wenig wie Iana Balova, deren Eheschließung der unzähmbare Peer durch seine Aufdringlichkeit torpediert. Aber selbst Polina Semionova als Anitra hat mit ihrem musikalisch berühmten Tanz choreografisch nicht gerade das große Los gezogen. Vielleicht ist es allerdings inzwischen an der Zeit, dass der Direktor des Ensembles, der großartige Malakhov, nicht einzig daran denkt, Ballette in den Spielplan einzuschleusen, die ihm eine Hauptrolle bieten, ohne dass er auf die tänzerischen Mittel zurückgreifen muss, die ihn einst berühmt gemacht haben. Malakhov war lange Zeit wahrhaft stilbildend im klassischen Ballett. Mehr noch: Er war das unerreichbare Vorbild seiner Tänzer. Von ihm konnten sie lernen. Ihn zu respektieren war eine Selbstverständlichkeit. Er kannte weltweit keinen Rivalen. Damit ist es vorbei.

Malakhov muss lernen, umzudenken. Er muss mit Leib und Seele der Ballettdirektor werden, der er auf dem Papier lange schon ist. Das heißt vor allem: Verzichten lernen, sich tänzerische Konkurrenz großziehen und sie entsprechend fördern. Mit einem Wort: Malakhov muss bei all seinen noch immer bedeutenden tänzerischen Fähigkeiten begreifen, dass es Zeit ist, den neuen Weg in die Verantwortung für das künstlerische Ganze einzuschlagen, dem er bisher auf seine unvergleichliche Art aus dem Wege getanzt ist.

Das Schönste des Abends: das Publikum nahm Spoerlis neues Werk mit reichem Beifall, ohne jeden Widerspruch auf. Als Ausgleich für die gelegentliche Wässrigkeit der Choreografie nahm es die Sandigkeit der Bühne von Florian Etti genussreich auf. Sie rief Sommerfreuden am Sandstrand, wo auch immer, ins Gedächtnis zurück. Sie bereiteten Zehenfreude. Sie hatte man eigentlich von der Choreografie erwartet.

Staatsballett in der Deutschen Oper, Bismarckstr. 35. Charlottenburg. Nächste Vorstellungen: Sonntag, 25, 28. 29.11.