Konzert in Berlin

Laibach präsentiert Soundtrack für Nazi-Satire "Iron Sky"

In dieser Woche kommt der krude Sciene-Fiction-Film in die Kinos. Laibach stellten im Heimathafen Neukölln die Musik dazu vor.

Foto: CTK

Die Bühne im Heimathafen Neukölln ist zu beiden Seiten vollgestellt mit Keyboards und Laptops. In der Mitte thront ein wuchtiges, schwarzes Schlagzeug. Zwei Leinwände im Hintergrund schaffen die Illusion von Cinemascope. Noch wird darauf ein steinerner Adler projiziert, auf dem eine Friedenstaube lungert. Und gibt die Marschrichtung vor, in die sich dieser Abend bewegen wird.

Die slowenische Elektronik-Rockband Laibach stellt auf ihrer Europa-Tournee mit dem sinnigen Titel „We Come In Peace“ den Soundtrack vor, den sie für die irrwitzige Nazi-Persiflage „Iron Sky“ geschaffen haben. An diesem Donnerstag startet der krude Science-Fiction-Film um Nazis, die auf der dunklen Seite des Mondes überlebt haben und 2018 zurückkehren, um die Weltherrschaft zu übernehmen, in unseren Kinos.

Laibach hat seit seiner Gründung Anfang der 80er-Jahre polarisiert. Das Musiker- und Künstlerkollektiv mit großer Personal-Fluktuation kultivierte die gezielte Provokation. Die Musiker entwickelten eine mit faschistischen Symbolen überfrachtete Ästhetik, um totalitäre Tendenzen in Kirche, Staat und Kultur anzuprangern.

Ihre Auftritte waren multimediale Kunstaktionen, die ihnen anfangs reichlich Ärger und Auftrittsverbote einbrachte. Sie nahmen diktatorische Systeme ernster, als die es selbst taten. Sie gaben ihren Kritikern reichlich Gelegenheit, falsch verstanden zu werden. Sammelten mit ihrem aggressiven Industrial-Rock samt Anleihen von Bach über Wagner bis zu den Beatles und Queen aber eine stetig wachsende Fanschar um sich.

Von der Unberechenbarkeit einer kontroversen Avantgarde-Formation ist nach mehr als 30 Jahren Bandgeschichte allerdings wenig geblieben. Nachdem das Programm exakt um 21 Uhr beginnt, wird schnell klar, dass hier routiniert nach den Regeln des Showbusiness gearbeitet wird.

Im Bühnendunkel postieren sich der Schlagzeuger, zwei junge Keyboarder und die so aparte wie strenge Sängerin Mina Spiler. Und bereiten das Feld für den seit den Achtzigern aktiven Sänger Milan Fras, der mit seinem düsteren Gruftbariton zum Vorbild für Rammstein wurde.

Der erste Teil des Abends ist frühen und neuen Stücken vorbehalten. „Mi kujemo bodocnost“ von 1985 steht am Beginn dieser Werkschau, bei der man den musikalischen Wandel von der Experimental- zur Popband bestens nachvollziehen kann. Wabernde Klangteppiche, dissonante Spitzen, ungerade Takte, aufheulende Synthesizergeräusche werden klug arrangiert und bedrohlich übereinander geschichtet.

Filmsequenzen auf der Leinwand zeigen immer wieder hämmernde Maschinen, Bilder von nationalsozialistischem Massensport, ein fachgerecht durchgeführtes Harakiri, aber auch pornografische Filmschnipsel. Parolen wie „Wir schmieden die Zukunft“ oder „Unsere Macht ist die Macht des Volkes“ werden darüber projiziert.

Sie singen slowenisch, englisch, französisch und immer wieder deutsch. Martialische musikalische Angriffe wechseln immer wieder mit geradezu romantischen Balladenelementen. Bis das Publikum im gut gefüllten Saal nach einer guten Stunde mit „Le Privilege Des Morts“ vom 92er-Album „Kapital“ in eine 20-minütige Pause geschickt wird.

Teil zwei, in dem sich Laibach ihrem „Iron Sky“-Soundtrack widmen, beginnt mit einer Laibach-untypischen, wunderschönen Version von Lennon/McCartneys „Across The Universe“, von Mina Spieler bewegend gesungenen. 1988 hatte Laibach das komplette Beatles-Album „Let It Be“ gecovert – mit Ausnahme des Titelsongs.

Mit dem chansonhaften „Take Me To Heaven“, ebenfalls von Mina Spieler nur zum Piano gesungen, beginnen Ausschnitte aus „Iron Sky“ über die Leinwand zu ziehen. Wobei sich Laibach, deren Musik ohnehin aus Versatzstücken früherer Epochen besteht, für „Iron Sky“ gekonnt bei sich selbst bedienen. Ihre Fassung von „The Final Countdown“ hämmert ebenso durch den Saal wie das neu arrangierte Stück „B Machina“ oder „America“ vom Nationalhymnen-Album „Volk“. Einzig „Under the Iron Sky“ ist eine neue Komposition, bei der Udo Kier schmatzend von der Leinwand grimassiert.

Und dann geht es in die Vollen. Die Lautstärke ist mächtig angeschwollen, der Beat stampft im treibenden Techno-Trab voran und Milan Fras ruft zum durch DAF inspirierten „Tanz mit Laibach“ auf, gefolgt von der DAF-Coverversion „Alle gegen alle“.

Vor allem mit ihren Coverversionen, die sie sich durch neue Arrangements zu eigen machen, haben sich Laibach einen guten Namen erspielt. Nun gibt es Serge Gainsbourgs „Love On The Beach“, Grace Jones‘ „Warm Leatherette“ oder Bob Dylans „Ballad Of A Thin Man“. Wobei sie auch hier totalitäre Tendenzen im Pop offenlegen wollten. Wie beispielsweise beim ohnehin pathosbeladenen „One Vision“ von Queen, das bei Laibach „Gib mir ein Leitbild“ heißt und im langen Zugabenblock für Bewegung sorgt. Menschen werden beim Popkonzert zur verführbaren Masse.

Es ist offensichtlich: Laibach sind in der Gegenwart angekommen. Sie haben ihren ureigenen Stil geformt. Sie spielen alles, was ihr Publikum hören will. Sie liefern eine exzellente Bühnenshow in bestem Sound. Sie sind nach aller kunstvoll-geharnischter Kritik an Nationalismus, Faschismus oder Kommunismus, die sie nach deren eigenen Regeln plakativ auseinander genommen haben, im Kapitalismus angekommen.

Am Merchandise-Stand im Foyer werden nicht nur T-Shirts, Gürtelschnallen, Krawatten und Kondome mit Laibach-Logo gehandelt. Es sind tatsächlich sogar Babylätzchen mit Laibach-Aufdruck im Angebot. Der Applaus ist so fordernd, dass sie erneut zu einer letzten Zugabe zurückkehren. Die Botschaft ist eindeutig. „Raus“, singt Milan Fras, „das Spiel ist aus.“

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