"Weltkulturerbe"

Madonna ist die Königin aus der Antike

Manche Kritiker halten das neue Album von Madonna für Schrott. Doch auf ihrem zwölften Werk „MDNA" zeigt die Geschäftsfrau, wer und was sie ist. Und dass Lady Gaga es nicht mit ihr aufnehmen kann.

Im Alter wird der Mensch genügsamer. Madonna sagt, es sei die beste Zeit gewesen, die sie je auf einer Bühne verbracht habe: Ihren größten Auftritt hatte sie, aus eigener Sicht, im Februar 2012 in Indianapolis. Beim Superbowl, dem Endspiel um die Football-Meisterschaft , für zwölf Minuten in der Halbzeitpause. Sie sang ältere und neuere Songs in einem Medley ihres Lebens. Sklaven zogen ihren Thronwagen ins Stadion, und Madonna stimmte „Vogue“ im goldenen Gewand an, würdevoll als Königin aus der Antike.

53 Jahre ist sie alt, seit 30 Jahren spielt sie Stücke ein. Man fragt sich länger schon, wieso Madonna überhaupt noch Platten aufnimmt, ganze Alben. Weshalb sie mit einem Medium handelt, das so alt wie sie ist. Elf Werke waren es bisher, und anlässlich des zwölften bringt Madonna sie heraus in einer amtlichen Gesamtausgabe.

MDMA eine Partydroge

Mit „MDNA“ beginnt ihr Spätwerk. Aus dem Titel soll man einiges herauslesen: „Madonna“ hieß das fröhliche Debüt von 1983. Ihre DNA ist noch intakt, das künstlerische Erbgut. Der Provokationskern findet sich im Querverweis: MDMA lautet der chemisch korrekte Name einer Partydroge, die Madonna niemals nehmen würde und umso entschiedener propagiert.

Wir hören ihr in der Musik beim Feiern zu. Nicht auf einer Ü-50-Fete, sondern in der Großraumdisco und am Strand von Ibiza. Madonna weiss, was Mädchen mögen: „Girls they just wanna have some fun, get fired up like a smoking gun.“

Das mögen wiederum die Männer. Für Madonna ist „MDNA“ ein merkwürdiges Album. Weniger, weil man so etwas nicht mehr tut mit 53, es geht nicht um das Dilemma von Biologie und Botox. Dass es darum nicht mehr geht, ist auch Madonna zu verdanken.

Sie hat sich beim Superbowl gezeigt, weil sie dort hingehört. Das Mädchen aus der amerikanischen Provinz, das sich zur Sensation erklärt und dafür weltweit wahrgenommen wird. Auch jenseits von Amerika und Football wird der Superbowl heute gespannt verfolgt – allerdings kaum wegen Amerika und Football, eher wegen der vielversprechenden Pausenunterhaltung.

Dort wurde zuletzt getan, was früher von Madonna zu erledigen war: die Grenzen auszureizen, ungehörige Gesten vorzuführen, Brustwarzen zu zeigen. „Girl Gone Wild“ heißt eine Single aus dem neuen Album, darauf trägt Madonna einen Büstenhalter, der die Brüste raffiniert umrahmt. Die Warzen hat sie von der Bildbearbeitungszensur entfernen lassen.

Was von ihrem Auftritt blieb, war die Erkenntnis, dass zwei Sängerinnen, die sie eingeladen hatte, die Madonnen jener Nacht gewesen waren: Nicki Minaj war bizarrer. M.I.A. wirkte entschlossener , als sie der Welt den Mittelfinger präsentierte. Nach der Sendung musste sie sich von Madonna dafür tadeln lassen. Mit dem mütterlichen Hinweis, solche Streiche seien kümmerlich gegen Madonnas Sünden früher.

Madonna singt von privaten Sorgen

Früher war sie aber auch nicht, was sie war, sondern was sie beschlossen hatte, zu sein. Marilyn Monroe, Patriotin, Esoterikerin, Landlustsängerin, Retrofuturistin, Vorturnerin. Sie war Katholikin und Gotteslästerin zugleich, Wanderhure und Zuhälterin. Als Übermutter nahm sie Kinder aus Malawi auf. Sie war eine englische Landlady, die hoch zu Ross über die Fuchsjagd sprach. Madonna trat sogar als Gitarristin auf.

Für solche Wandlungen war sie verhasst bei allen, die zu wenig Fantasie besaßen, um sich vorzustellen, dass ein Leben nicht nur richtig oder falsch sein muss, und dass man unzählige interessante Zustände dazwischen leben kann. Auch die Bewunderer haben es manchmal übertrieben mit dem Jubel über jede neu erfundene Madonna.

„MDNA“ stellt sie als überforderte Geschäftsfrau mit privaten Sorgen vor. Während Madonna sich im Nachtfernsehen, bei den Beichtvätern der Mediengläubigen, ausführlich als alleinerziehende, berufstätige Mutter äußert und die jüngste Scheidung aufarbeitet, singt sie davon auch.

Oder sie lässt die Angehörigen singen, Löbliches wie „Oh la la, you’re my superstar“ von ihrer 15-jährigen Tochter Lourdes. Die bekommt die Worte von Madonna in den Mund gelegt. Die Mutter wünscht sich, als Heldin, Engel und Gangster gesehen zu werden.

In „Give Me All Your Luvin’“ sind es wiederum die künstlerischen Ziehtöchter, die sich verneigen, M.I.A. und Nicki Minaj. „L! U! V! Madonna! Y! O! U! Do you wanna?“ rufen sie ihrer Nestorin zu. Im Video dürfen sich die beiden farbigen Frauen dann als Marilyn verkleiden. Nicki Minaj rappt in einem weiteren Stück, was sie gelernt hat: „I’m a business girl.“

Nun hat sich das Geschäft verändert. Aus den mehrdimensionalen Superstars sind dreidimensionale Dienstleister geworden, die Konzertkarten verkaufen und nur Alben aufnehmen, um an sich zu erinnern. Das Sich-ständig-neu-Erfinden ist zur Selbstverständlichkeit verblasst.

Jeder macht es jetzt. Man arbeitet sich ab an Lady Gaga , die auf einem einzigen Album gleichzeitig in alle Rollen schlüpft und dabei auch noch twittert. Sie wird studiert in Seminaren wie Madonna früher. Madonna dagegen ist Weltkulturerbe. Eine historische Figur der Postmoderne, einer Ära, über die man nur noch in Gänsefüßchen spricht.

Dafür lässt es Madonna krachen. Die kaputten Klänge alter Tanzmusikmaschinen werden von den Produzenten durch die Hallräume gepumpt. Die Songs handeln von dreierlei: Wie man als Mädchen überlebt – indem man nichts bereut. Wie man mit Männern umgeht, die für Mädchen kein Verständnis haben. Und dass man, wenn man für solche Männer schwärmt, gelegentlich bereuen muss.

In „I Don’t Give A ...“ nimmt Madonna zickig Rache für die öffentlichen Lästereien ihres bislang letzten Ehemanns Guy Ritchie . Sie erklärt gekränkt, alles versucht haben, als gefügiges und gutes Mädchen, immer kleiner als Madonna. In „Gang Bang“ bringt sie den nichtsnutzigen Liebhaber mit dem Gewehr zur Strecke. Später bittet sie in ihren Liedern um Vergebung, bei den Männern und bei Jesus Christus.

Madonna wurde vom Türsteher abgewiesen

In „Beautifull Killer“ himmelt sie den Mann an, sie mag alles an ihm, wie er geht und steht; sie haucht, er möge sie erschießen. Hauptsache, nie mehr allein. Die Lieder werden einsichtiger im Verlauf des Albums, nach der Feier wird das Liebesleben überdacht und aus dem Nähkästchen geplaudert, zur Gitarre.

Das Gescheiteste, was über Madonna je zu hören war, wurde zuletzt aus London überliefert, wo ein Türsteher sie mit den Worten abgewiesen haben soll: „Woher weiß ich, dass du Madonna bist?“ Vielleicht hat sie sich das am Ende sogar selbst gefragt. Auf „MDNA“ verrät sie, wer und was sie ist. Wer sich beschwert, dass sich das alles wie ein Nachruf liest, wende sich bitte an Madonna.