Pop-Oma

Madonnas größter Hit wäre es, nie mehr zu singen

Wenn sich die Oma als Girlie neu erfindet: Madonnas neue Single lässt Schlimmes für ihr nächstes Album ahnen. Nicht umsonst ist es das dreizehnte.

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/dpa

Im Internet gibt es ein Forum , dessen einziger Zweck darin besteht, dass dort Leute ihr Missfallen an Madonna abladen können. Der Kommentar „Sie war gut, als noch Dinosaurier auf der Erde wandelten“ gehört zum Schmeichelhaftesten, was die im Hass vereinten Menschen dort äußern. Leider haben sie Recht. Madonnas letzte interessante Äußerung war das schwül-flirrende „Human Nature“, in dessen Video sie in schwarzglänzendes Latex gegossen im Namen der sexuellen Selbstbestimmung in einer Kulisse herumturnte, die heute wirkt wie ein überdimensioniertes weißes Ikearegal. Das war 1995.

Seitdem nervt Madonna eigentlich nur noch, und das verlässlich. Das bei dieser Gelegenheit gern gebrachte Chamäleon-Argument („Sie erfindet sich immer wieder neu!“) braucht selber dringend eine Neuerfindung, seit uns jedes Waschmittel ständig mit der Behauptung anschreit, jetzt noch neuer und rundum optimierter zu sein.

Ob als Hippetante mit Hennatattoo, American Cowgirl oder Hupfdohle im Aerobic-Dress: Stilistisch ist das alles nicht einmal mittelinteressant. Allein dafür, dass sie mit einer Single das ABBA-Sample aus „Gimme Gimme Gimme“ ins neue Jahrtausend, auf die Kirmesplätze und in die Kleinstadtdiskos dieser Welt hinübergerettet hat, gehört sie mit ewiger Missachtung gestraft.

Noch peinigender als ihre dünnen Liedchen sind nur ihre Bemühungen als Schauspielerin oder gar als Regisseurin. Auch da fehlt Madonna anscheinend eine Vertrauensperson, die ihr zum richtigen Zeitpunkt mal ordentlich auf die Fingerchen haut.

380 Millionen verkaufte Platten, ein schier ins Unendliche reichender Nachruhm und der Verdienst, die Popwelt mit einem ganzen Arsenal an Zitatmaterial versorgt zu haben, das praktisch ständig von Leuten aufgerufen wird, die noch nicht geboren waren, als Madonna noch etwas einfiel: Reicht es nicht bald?

Ausdruck geistiger Regression

Neuesten Anlass dafür, an Madonnas Geisteszustand zu zweifeln, bieten Nachrichten aus den vergangenen Tagen, denen zufolge sie gemeinsam mit ihrem aktuellen Boytoy in einen New Yorker Restaurant speiste, Wein und Gläser aber selbst mitbrachte.

Ihren Kritikern und auch allen anderen ruft Madonna nun zu: „ Give Me All Your Love “. So heißt ihre neue Single, der Vorbote ihres 13. Albums. Um wieder einmal zu beweisen, wie vollendet sie sich an den Zeitgeist heranzuwanzen vermag, hat sie die mit Nicki Minaj und M. I. A. aufgenommen, zwei Musikerinnen der übernächsten Generation – leider aber der letzten und vorletzten Saison. Dabei ist das Stück, für dessen vorzeitige Veröffentlichung im Netz diese gehässige Frau einen Spanier anwaltlich verfolgen ließ, nichts als Ausdruck geistiger Regression: Mit Piepsstimme proklamiert sie: „I’m a different kind of girl.“

Wie eine aufgeplusterte Katze

Wie weit muss einem die Realität entglitten sein, um als Frau im Oma-Alter noch als Mädchen durchgehen zu wollen? Weiter geht es mit Zeilen, die in ihrer Infantilität höchstens einer 16-jährigen Bubblegum-Chanteuse gut zu Gesicht stünden. Und drunter stampft der hirnzersetzendste Euro-Pop. Selbst die Grenzüberschreitung während der Aufnahmen klingt wie schon dagewesen: Nicki Minaj twitterte „Oh mein Gott!!! Madonna hat mich geküsst! Auf die Lippen!“ Gähn.

Was hat Madonna uns noch zu sagen? Also abgesehen davon, allenthalben zu demonstrieren, wie verbissen sie um die Konservierung ihrer stahlharten Fitness und ihrer seit Jahrzehnten verblühten Jugendlichkeit kämpft. Derzeit sieht das Chamäleon aus wie Jocelyn Wildenstein, das ist die ungefähr 150-jährige Amerikanerin, die sich mithilfe von Schönheitsoperationen redliche Mühe gibt, wie eine aufgeplusterte Katze auszusehen.

Madonna ist eine verspannte Alte und sollte sich endlich den Jüngsten widmen. Also noch ein Kinderbuch schreiben oder einen ihrer knackfrischen Lover vernaschen. Aber bitte, bitte, bitte keine Musik mehr machen.