Countertenor

Jochen Kowalski - Opernstar mit Frauenstimme

Widerspruch begleitete seine Karriere: In Berlin begeht Jochen Kowalski, einst ein Paradiesvogel, heute ein Maestro, sein 30-jähriges Bühnenjubiläum.

Foto: Andre Kowalski

„Wie wild haben mir die Knie gezittert, aber ich habe mir mit aller Kraft ein Sängerleben gewünscht“, erzählt Jochen Kowalski von seinem Countertenor-Debüt bei den Händel-Festspielen Halle. Der Auftritt im Juni 1982 wurde eine Sensation. Der junge Mann mit der ungewöhnlich hellen Opernstimme wurde schnell zum Weltstar. Jetzt feiert er sein 30-jähriges Bühnenjubiläum in Berlin, Wien und natürlich Halle.

Manchmal bezeichnet er sich selbstironisch als Dinosaurier, dabei kann er sich mit seiner Rolle als Nestor der modernen Countertenöre noch gar nicht recht abfinden. Der 58-Jährige sieht mit Erstaunen, dass Nachwuchssänger ihn ständig um Rat fragen. Jochen Kowalski ist zum Vorbild für eine ganze Generation von jungen Countertenören geworden. Gerade kommt er von den Proben zu „Giulio Cesare in Egitto“ bei den Salzburger Festspielen, wo er neben Cecilia Bartoli und drei weiteren Countertenören den Nireno singt. Er war schon ein bisschen nervös wegen der vielen Fachkollegen. „Aber die strahlten mich an und riefen: Jetzt kommt der Maestro. Da war ich richtig platt.“

Randale im Publikum

Längst gibt es durch den Aufschwung der Originalklangbewegung einen Boom in der hohen Männerstimmlage. Das war vor 30 Jahren anders, da galt Kowalski als Paradiesvogel. Ständig musste er dieselben Fragen über sich ergehen lassen: Warum singen Sie wie eine Frau? Ist bei Ihnen da unten noch alles dran? Immer wieder lachten vereinzelt Zuhörer, wenn er seine Stimme erhob.

Mit Schrecken erinnert er sich daran, wie er zum ersten Mal den Schubert-Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ beim Kissinger Sommer sang: „Da haben sich die Frauen im Publikum mit Handtaschen geschlagen. Die eine Hälfte der Zuhörer fand es unmöglich, so etwas als Countertenor zu machen, die andere war begeistert. Die Intendantin musste dazwischen gehen.“ Kowalski staunt selbst darüber, wie stark er in den frühen Jahren polarisiert hat. Schließlich wundert sich heute niemand mehr, wenn im Konzert ein Mann beim Alt-Solo aufsteht.

Ist das Sängerleben denn nun so, wie es sich der Metzgersohn aus Wachow damals in Halle erträumt hat? Nicht wirklich. Als Kind sah er immer montags im DDR-Fernsehen die alten Sängerfilme mit Rudolf Schock, Mario Lanza und Richard Tauber. Daran orientierten sich seine Illusionen. „Da stieg Jan Kiepura voller Übermut auf ein Autodach und schmetterte die tollsten Arien. Vor meinem Debüt in Halle erlebte ich erstmals, dass das Singen auch etwas mit Arbeit zu tun hat.“

Außerdem hatte er sich eigentlich immer als Lohengrin in silberner Rüstung gesehen. Tenor wollte er werden, seinem Idol Fritz Wunderlich nacheifern. Seine Eltern glaubten nicht an seinen großen Traum. Und von der Musikhochschule wurde er zwei Mal abgewiesen. Fünf Jahre arbeitete er als Requisiteur. Schließlich durfte er sich doch durchs Tenorstudium quälen, war aber bestenfalls fürs hinterste Nordhausen vorgesehen. Dann sang er aus Spaß in einer Probe die hohen Töne, die die Altistin nicht traf. „Mensch, du bist ja ein Countertenor“, rief sie aus, und er fragte sich, was das Wort wohl bedeutete.

Er ging in die Bibliothek und fand heraus, dass es Countertenöre schon in der Renaissance und im Barock gab. Allerdings standen sie damals im Schatten von umjubelten Kastraten wie Farinelli, bei denen die Chirurgie besorgt hatte, was den Countertenören einzig durch Technik gelang. Bei den Countertenören bleibt die Kopfstimme, die ein Kind ganz selbstverständlich gebraucht, über den Stimmbruch hinaus vollständig aktiv.

Immer wieder ging Jochen Kowalski in die Ost-Berliner Staatsbibliothek, um sich West-Platten mit Countertenören und Alter Musik anzuhören.

Ist doch Quatsch, wer will denn das hören? So reagierten Kollegen auf die Countertenor-Ambitionen des Requisiteurs. Niemand ermutigte ihn damals – bis er sich ein Herz nahm und Theo Adam vorsang: „Damit machst du Weltkarriere“, urteilte der international erfahrene Sänger. Danach ging Kowalski zu Marianne Fischer-Kupfer, die seine außergewöhnliche Stimme ausbildete. Die Komische Oper wurde seine Bühnenheimat, der er immer treu geblieben ist.

Requisiteur der Staatsoper

Neben seinem offiziellen 30-jährigen Bühnenjubiläum gibt es noch ein verborgenes Jubiläum: Vor 40 Jahren wurde er als Requisiteur an der Staatsoper engagiert. Vielleicht beginnt er deshalb sein Jubiläumsjahr am 27. März 2012 in der Staatsoper mit dem bunten Programm „Großstadtmelodien“ mit dem Salonorchester Unter'n Linden, bei dem er seinen Repertoirebogen zwischen Händel und Piazzolla spannt.

Eine der intensivsten Erinnerung seines Sängerlebens ist sein großes Debüt in „Tancredi“ an der Staatsoper. Fünf Jahre lang hatte er als Requisiteur Stühle repariert, Töpfe aus Knochenleim hergestellt, dem Tamino hinter der Bühne die Zauberflöte gereicht, die Speere für die Walküren bereitgestellt. Dann war es endlich so weit, aber die Premierenfeier im Hilton versäumte er doch. Er blieb lieber bei seinen alten Kollegen in der Kantine. Diese Art von Bodenständigkeit hat er sich bis heute bewahrt.

Sein Repertoire ist nicht bei Händels „Julius Cäsar“, Glucks „Orpheus und Eurydike“ und dem Prinzen Orlowsky in der „Fledermaus“ stehen geblieben. Seit der Wende lebt er sein Faible für Jazz und Unterhaltungsmusik aus. Nun bietet das Barockrepertoire auch nicht sehr viele Rollen für ältere Countertenöre. Die Kastraten zogen sich damals meist schon mit vierzig von der Bühne zurück. In den letzten Jahren hat Kowalski auch die Neue Musik für sich entdeckt. Johannes Kalitzke schreibt gerade wieder eine neue Oper mit einer Kowalski-Partie.

Eine Wunschrolle hätte er noch: die alte Gräfin in „Pique Dame“. Er steckt immer voller Pläne. Eigentlich hatte er sich nach seiner Herzoperation schon vorgenommen, kürzer zu treten, seine riesige Plattensammlung zu ordnen oder einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren. Doch dann stellte er fest: „Ich genieße das Leben nur wirklich, wenn ich meine Konzerte geben darf.“

Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Berlin-Charlottenburg. Jochen Kowalskis musikalischer Salon am 27. März 2012 um 20 Uhr Tel.: (030) 20354555

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