Pop aus Irland

Wallis Bird – mit vier angenähten Fingern nach oben

Ihr neues Album verspricht prickelnde Beine. Und jetzt geht sie auch noch auf Deutschland-Tour. Von Wallis Birds Ehrlichkeit kann man nicht genug bekommen.

Wallis Bird stöhnt. Sie sitzt auf der Rückbank eines Taxis und fährt sich durch die roten Haare. Dann kramt sie in der Reisetasche auf ihrem Schoß und zieht die Stirn kraus. "Ich bin gerade gelandet", sagt sie, ein neongelbes Handy klemmt an ihrem Ohr. Es folgt ein weiterer, kritischer Blick in die Tasche. Sie beugt ihren Kopf über den Reisverschluss und schnüffelt. Tja. Die Whiskeyflasche ist ausgelaufen. Alle Klamotten sind nass. Während sie in der Tasche wühlt, zieht sie die Augenbraue hoch. "Jungs, wenn ich nachher im Studio ankomme und nach Whiskey stinke, dann nicht weil ich den ganzen Tag getrunken habe."

So beginnt "Encore the movie". Ein wunderbarer, 25-minütiger Kurzfilm zum neuen Album, das Wallis Bird schlicht nach sich selbst benannt hat. Im Spätsommer 2011 begleitet Regisseur Philipp Käßbohrer Wallis und ihre Band in das Berliner Funkhaus. "Encore the movie" bietet mit fünf Songs aus "Wallis Bird" einen Vorgeschmack auf das neue Album.

Unkitschige Lagerfeuerromantik

Dem enthusiastischen Stück "Encore" folgt "I Am So Tired Of That Line" und "Heartbeating City" – eine mit Skabeats unterlegte Liebeserklärung an das Leben in der Großstadt. Natürlich gibt es auch Leises: Die Ballade "In Dictum". Und zum Abschluss, mit "Ghosts Of Memories", einen Schuss (ja, es ist möglich) unkitischiger Lagerfeuerromantik.

Neben der musizierenden Band, zeigt die "Songumentary" sommerliche Berlin-Impressionen und wunderbar inszenierte Tierstudien. Selten hat man Tausendfüßler und Kakerlaken so stilvoll krabbeln sehen. Auch einem scheuen Wolf begegnet die barfüßige Wallis in der verwilderten Umgebung des Funkhauses. Dass Regisseur Käßbohrer sich für die Fauna begeistert, ist bekannt. Bereits 2009, im Clip zu "Angry Young Man" der Band "Get Well Soon", hat er dieses Faible eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Studium an der Mannheimer Popakademie

Album und Doku zeigen: Wallis Bird geht konsequent ihren Weg. Die 30-jährige Irin macht Musik, seitdem sie denken kann. Schon mit zwei Jahren bekam sie von ihrem Vater, der ein Pub besitzt, eine Gitarre. Ihr spezieller Sound ist ihrer Kreativität geschuldet. Ein kleines bisschen aber auch dem Schicksal. Als Einjährige gerät ihre linke Hand in einen Rasenmäher. Alle Finger werden abgetrennt. Vier können wieder angenäht werden. Deshalb spielt Bird eine Rechtshändergitarre, seitenverkehrt, ohne den kleinen Finger.

Nach der Schule zieht Wallis Bird aus der irischen Hafenstadt Wexford nach Dublin. Dort studiert sie Musik, ein Austauschsemester bringt sie nach Deutschland. An der Mannheimer Popakademie nimmt Wallis Bird 2007 ihr Debütalbum "Spoons" auf. Es folgt das Album "New Boots". Die Irin ist keine "One-Woman-Show". Mit ihrer Band, den Brüdern Christian und Michael Vinne, Aoife O’ Sullivan und Aidan arbeitet sie seit vier Jahren zusammen. Ihr drittes Studioalbum "Wallis Bird" besticht durch seinen Facettenreichtum und Ehrlichkeit.

Fordernd, nachdenklich oder verletzlich

In ihren Stücken verschmelzen Elemente aus Rock, Punk, traditionellem irischen Folk bis hin zum Jazz. Über all dem liegt Birds eindrucksvolle, raue Stimme. Doch nicht nur der Klang, auch die elf Geschichten die sie auf "Wallis Bird" erzählt, haben eine unwiderstehliche Tiefe. Ob fordernd, nachdenklich oder verletzlich: Von Wallis Birds herrlicher Ehrlichkeit bekommt man nicht genug. Das Album lässt Herzen schneller schlagen, Augen blitzen und Beine prickeln.

Ob mit dem eingängigen "Encore", dem fast schon aufmüpfigen "I Am So Tired Of That Line" oder der sanften Ballade "Feathered Pocket" – "Wallis Bird" kann für jede Stimmung mit dem passende Stück aufwarten.

Wer der Sängerin dabei zusieht, wie sie zu "Heartbeating City" in Flip Flops auf einem roten Klapprad übers Kopfsteinpflaster fährt, der spürt: Hier kommt der Sommer. Und wer "Wallis Bird" zum ersten Mal hört, der weiß: Dieses Album ist aus der Playlist nicht mehr wegzudenken. Und zwar in Wiederholungsschleife.

Wallis Bird: Wallis Bird (Karakter Worldwide/rough trade) .

Termine: 22. März München, 23. Mannheim, 26. Kassel, 27. Köln, 28. Hamburg, 29. Berlin, 11. April Magdeburg, 12. Bielefeld, 13. Bremen, 14. Münster, 15. Duisburg, 17. Leipzig, 18. Würzburg, 19. Jena, 20. Nürnberg, 21. Stuttgart, 23. Freiburg, 25. Konstanz, 27. Karlsruhe, 28. Frankfurt/M .