Late Night "Hart aber Fair"

Wenn das Benzin bald so viel kostet wie Rotwein

Bei Frank Plasberg wurde darüber diskutiert, ob wir uns die Energiewende überhaupt leisten können. Ranga Yogeshwar las den Politikern dazu die Leviten.

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Schwer zu glauben, dass der Super-GAU von Fukushima gerade erst ein Jahr her ist. Noch unglaublich präsent sind die Bilder vom 11. März 2011: Ein grauer Reaktorblock im Vordergrund, der Pazifik dahinter und dann eine Explosion, Rauch- und Dampfschwaden und die damit verbundene Gewissheit, dass dies einer jener Momente in der Menschheitsgeschichte ist, in dem sich weltweit viele Dinge grundlegend ändern werden – ja, ändern müssen.

In Deutschland bekam diese Veränderung ein politisch korrektes Wort verpasst: " Energiewende ". Unmittelbar nach dem Unglück wurde der Atomausstieg beschlossen, Kernkraftwerke heruntergefahren und für die noch laufenden Meiler stufenweise Abschalttermine beschlossen. Die durch die Abschaltung verloren gegangene Energie solle zukünftig aus anderen, langfristig sauberen Quellen gewonnen werden. So sah zumindest der Plan aus.

Inzwischen nimmt jedoch die Zahl der Zweifler zu. Das mag daran liegen, dass der Verbraucher von der "Energiewende" höchstens dann etwas mitbekommt, wenn die nächsten Rechnungen zu zahlen sind. Vor allem an der Tankstelle, an der bekanntermaßen sensible deutsche Autofahrer jedes Mal merkt, dass dieses neue ökologische Bewusstsein ganz schön viel kosten könnte.

"Strom, Gas, Benzin immer teurer – Energiewende auf unsere Kosten?", fragte deshalb Frank Plasberg und versuchte sich an einer Zusammenfassung der gegenwärtigen Energiewende-Problematik.

Benzin teuer wie Rotwein

In seltener Eintracht versuchten Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) und die stellvertretende Fraktionschefin der Grünen, Bärbel Höhn, direkt zu Beginn der Diskussion den Eindruck zu erwecken, dass die ganze Sache doch so schlimm nicht sei.

"Eine objektive Falschinformation" nannte Röttgen die Tatsache, dass die Energiepreise durch die der Energiewende zugehörigen Gesetze so stark gestiegen sein sollen. Der Politiker bezog sich dabei auf das Schreiben eines Energieversorgers, von dem er persönlich als Verbraucher betroffen war. Darin begründet das Unternehmen die Preissteigerung um zehn Prozent damit, dass die Bundesregierung eine neue Abgabe eingeführt habe. Er werde eine öffentliche Gegendarstellung fordern, sagte Röttgen. Und man konnte das durchaus als Kampfansage verstehen. "Ich habe mich richtig geärgert", sagte er.

Höhn unterstützte ihn, über Parteigrenzen hinweg, in der Aussage, dass die Bundesregierung zwar nicht Schuld sei: "Es gibt viele andere Gründe, die für die Preissteigerungen verantwortlich sind." Allerdings unterstellte sie der Koalition auch, dass sie es mit der Energiewende nicht ernst nehme. Ein Beispiel: Dem kleinen Häuslebauer werde die Zulage für Solaranlagen gestrichen, während großen energieintensiven Unternehmen die Durchleitungsgebühren für Strom erlassen und stattdessen auf alle Verbraucher umgelegt wird.

Dass die Preise ordentlich gestiegen sind, konnte jedoch keiner der beiden bestreiten und diese Tatsache wurde von Wissenschaftsmoderator Ranga Yogeshwar am Beispiel Benzin sehr prägnant formuliert. "Benzin kostet an der Tankstelle inzwischen mehr als Bier, und wir bewegen uns Richtung Rotwein", sagte Yogeshwar, der es damit auf den Punkt brachte.

Wer will schon Rotwein in seinen Tank kippen? Und wird es irgendwann sogar Cognac sein? Tatsächlich hatten sich die Preise auf Rekordniveau bewegt: 1,54 Euro pro Liter Diesel und 1,65 Euro für Super veranlassten den ADAC dazu , die Republik deutlich wissen zu lassen, dass die "Schmerzgrenze" damit nun aber wirklich überschritten sei.

Energiewende kostet nun mal Geld

Die Energiewende sei die langfristige Garantie dafür, dass die Preissteigerungen aufhören, erklärte Yogeshwar. Da Energie, die von Rohstoffen abhinge auf lange Sicht unaufhaltsam teurer würde, müsse man sich von diesen Rohstoffen emanzipieren und Alternativen finden.

Alle anderen Argumente aus der Runde, die als Gründe für den hohen Benzinpreis genannt wurden (hohe Besteuerung, die Macht der Mineralölkonzerne, die Subventionierung von dicken Dienstwagen), ließ Yogeshwar, wenn überhaupt, nur am Rand gelten. Entscheidend sei langfristig die Begrenztheit der Rohstoffe. "Es wird keine Debatte mehr um Steuern geben, sondern um Ressourcenknappheit", sagte Yogeshwar. Eine Energiewende sei für ihn damit unverzichtbar und natürlich müsse dafür anfangs Geld in die Hand genommen werden.

Doch wie lässt sich ein Wandel rechtfertigen, der dazu führt, dass sich viele Menschen Energie schlicht nicht mehr leisten können, der Energie quasi zum Luxusprodukt macht. Die Zahl des Abends lautete an dieser Stelle 600.000. Dieser Anzahl an Haushalten hatten die Versorger laut Plasbergs Aussage 2010 den Strom abgedreht, weil sie die Rechnung nicht mehr bezahlen konnten. Dort laufe weder der Kühlschrank, noch könne warm geduscht werden, sagte der Chefredakteur der "Wirtschaftswoche" Roland Tichy.

Für diese Menschen spielt es keine Rolle, ob die Preise langfristig nicht mehr steigen, sie können sie schon heute nicht bezahlen. Und die Lage wird sich auch noch zuspitzen. Neuesten Schätzungen zufolge soll der Strompreis bis 2020 um weitere 20 Prozent steigen .

Norbert Röttgen versuchte, dieses Problem schnell aus seinem Ressort zu verbannen. Es sei eine Frage der Sozialpolitik wie die Menschen unterstützt werden können, die sich Energie schlichtweg nicht mehr leisten können. Mit dieser Aussage kam er allerdings nicht weit. "Energiewende heißt, man muss Strukturen aufbauen, um zu garantieren, dass Energie bezahlbar bleibt", schob Yogeshwar den Arbeitsauftrag wieder Röttgen zu.

Theorie und unschöne Praxis

Theoretisch ist das Szenario für die Zukunft damit klar: Ein Mix aus erneuerbaren Energien sorgt dafür, dass die Preise langfristig nicht mehr steigen. Und gewisse Strukturen und Umverteilungsmaßnahmen sorgen dafür, dass der Weg zu diesem Ziel für alle gleichermaßen bezahlbar und gerecht bleibt.

Momentan hakt es noch gewaltig bei dem Versuch diese Theorie in die Praxis umzusetzen, und es ist wohl noch ein gutes Stück Weg zu gehen. Auch hier traf Yogeshwar den Nagel auf den Kopf: "Die Energiewende darf nicht einer einzelnen Partei gehören", sagte er gegen Ende der Sendung und formulierte damit einen Wunsch, der einen als Talkshow-Seher regelmäßig beschleicht. Nämlich den, dass Politiker bei wichtigen Entscheidungen doch auch mal an einem Strang ziehen sollen, anstatt sich gegenseitig aus schlicht opportunistischen Gründen in die Pfanne zu hauen.

Oder anders auf Yogeshwarsche Art und etwas pathetisch ausgedrückt: " Entweder wir blamieren uns, oder wir zeigen der Welt, was wir drauf haben." Hier würde sich wohl jeder für die zweite Variante entscheiden. Es müssen eben nur noch die dafür nötigen Pläne verabschiedet werden. Ansonsten tanken wir bald wirklich Rotwein.