Um 14.46 Uhr Ortszeit senkten die Japaner die Köpfe für eine Schweigeminute . Es war der Moment, als vor einem Jahr am 11. März 2011 die Katastrophe über den Nordosten des Landes hereinbrach. Erst bebte die Erde, dann zerstörte ein gewaltiger Tsunami einen 400 Kilometer langen Küstenstreifen. Einen Tag später explodierte im Kraftwerk Fukushima Daiichi der erste von drei Reaktorblöcken.
Fast 100.000 Menschen mussten vor der Gefahr einer Verstrahlung fliehen. Ein Umkreis von 20 Kilometern um das havarierte Kernkraftwerk ist immer noch gesperrt – und es ist ungewiss, wann die Bewohner dorthin zurückkehren können.
Auch Deutschland gedachte der fast 19.000 Opfer, die durch das Erdbeben und den verheerenden Tsunami ums Leben gekommen waren. Atomkraftgegner und Umweltverbände nutzten den Jahrestag der Katastrophe aber vor allem, um noch einmal gegen die Kernenergie zu protestieren: „Fukushima mahnt – Atomanlagen jetzt abschalten!“
Dabei hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schon drei Tage nach der Katastrophe ein Moratorium verhängt und die acht ältesten deutschen Meiler vorsorglich vom Netz nehmen lassen.
Weltweite "Vorreiterrolle und Verantwortung"
Drei Monate später beschloss die schwarz-gelbe Koalition, die kurz zuvor vereinbarte Laufzeitverlängerung rückgängig zu machen und bis 2022 endgültig aus der Kernenergie auszusteigen. Als Grundlage für diese Energiewende dienten die Empfehlungen einer eilig eingesetzten Ethikkommission.
Der Ausstieg sei nötig, „um Risiken, die von der Kernkraft in Deutschland ausgehen, in Zukunft auszuschließen“, warnte das Gremium in seinem Abschlussbericht. Weltweit habe Deutschland dabei eine wichtige „Vorreiterrolle und Verantwortung“.
Eine Herausforderung, die Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) am Fukushima-Jahrestag erneut betonte: „Die Welt schaut, wie wir das machen.“ Ob andere Länder dem deutschen Modell folgen werden, hänge auch davon ab, „dass wir erfolgreich sind“, sagte Röttgen.
Von einem Vollzug der Energiewende allerdings ist Deutschland auch ein Jahr nach der Katastrophe noch weit entfernt. „Die praktische Umsetzung der Energiewende liegt immer noch vor uns“, sagte Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).
Der ambitionierte Umbau der Energieversorgung sei schließlich kein „Selbstläufer“. Der Bau neuer Kraftwerke und Stromnetze, der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Entwicklung neuer Stromspeicher und die Verbesserung der Energieeffizienz – das alles ist Teil der Energiewende und muss miteinander verzahnt werden.
Glück – "Es gibt keinen Weg zurück"
Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und Mitglied der Ethikkommission, sieht in der Energiewende eines der „anspruchvollsten Projekte“, das es in der deutschen Politik je gegeben habe und das jetzt gelingen müsse. „Es gibt keinen Weg zurück“, sagte Glück "Morgenpost Online“.
Unionsfraktionsvize Christian Ruck (CSU) sieht zwar vielversprechende Ansätze: „Es fehlt aber noch etwas die Ordnung.“ So müssten etwa die Zuständigkeiten, die jetzt auf die Ministerien für Wirtschaft und Umwelt verteilt sind, langfristig in einem „Energieministerium“ gebündelt werden, sagte Ruck "Morgenpost Online“.
Eine Forderung, die Regine Günther von der Umweltstiftung WWF nur unterstützen kann: „Es müssen neue Organisationsstrukturen geschaffen werden, die eine Konkurrenz zwischen einzelnen Ministerien verhindern.“ Holger Krawinkel, Energieexperte beim Verbraucherzentrale-Bundesverband, forderte eine bessere Koordination zwischen Bund und Ländern sowie zwischen Ländern und Kommunen.
Da die Energieversorgung der Zukunft dezentraler organisiert sein wird, müssten ganz neue Verwaltungsstrukturen geschaffen werden. Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen, beklagte: „Es fehlt ein Kopf, der alles steuert.“
"Der Markt ist bunter geworden"
Nach Einschätzung Recks werden sich künftig mehr Stadtwerke und regionale Versorger als Stromproduzenten betätigen: „Der Markt ist bunter geworden.“ Der Anteil kommunaler Unternehmen an der Stromerzeugung könnte sich von heute zehn Prozent innerhalb eines Jahrzehnts auf 20 Prozent verdoppeln, wobei die Kraft-Wärme-Kopplung im Mittelpunkt stehe. Entsprechend müsste der gesetzliche Rahmen angepasst werden, etwa beim Gemeindewirtschaftsrecht.
SPD-Chef Sigmar Gabriel warf der Bundesregierung indes vor, bei der Vorbereitung der Energiewende nicht vorangekommen zu sein. Statt den Umbau der Energieversorgung zu koordinieren, würden sich die sechs Minister um Zuständigkeiten streiten.
Andererseits kritisierte er die Pläne des Bundesumweltministeriums, die Kompetenzen für die Suche nach einem Endlager in einem neuen Bundesinstitut zu bündeln. Das, so die Befürchtungen Gabriels, würde auf die Zerschlagung des Bundesamts für Strahlenschutz hinauslaufen und dazu führen, dass die Entsorgung von Atommüll am Ende privatisiert werde.
Die rheinland-pfälzische Energieministerin Eveline Lemke (Grüne) verteidigte die Pläne für eine Behörde zur Endlagerung als sinnvolle Idee, um Aufgaben und Funktionen besser zu trennen: Das Bundesinstitut könne als Wissenspool frei von politischen Einflüssen und Weisungen arbeiten. Die Ethikkommission hatte in ihrem Abschlussbericht auch weitere Forschungen zum Umgang mit Abfällen angemahnt.

