Komischen Oper

OZ - Ballett für Familien, nicht für Ballettfans

Märchenhaftes erlebt man derzeit mit dem Staatsballett in der Komischen Oper. Giorgio Madias Inszenierung des Märchenklassikers ist vor allem für Familien ein sehenswertes Ereignis.

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Anfangs hat man schon ein flaues Gefühl im Magen: Die aktuellen Bilder aus Japan, diese Tragödie des Lebens und Überlebens, stehen einem zu deutlich vor Augen, als dass man sich dem Vergnügen hingeben könnte, ein Wohnhaus, eine Wohnküche, eine ganze Familie vom Sturmwind fortgerissen zu sehen. Insofern fühlt man sich bei dieser Ballett-Uraufführung anfangs nicht besonders wohl in der Komischen Oper. Das aber ändert sich rasch. „OZ - The Wonderful Wizard“ - im Deutschen allen vertraut als „Der Zauberer von Oz“ nach dem amerikanischen Kinderbuch-Klassiker von L. Frank Baum - verführt schnell in die Märchenhaftigkeit, die anderthalb pausenlose Stunden kein Ermüden kennt. Giorgio Madias Tanzstück strotzt vor Heiterkeit und Abenteuerlust. Deshalb ein guter Rat gleich zu Beginn: die Kinder beim Besuch dieses Tanzmärchens nicht zuhause zu lassen, sondern sie mitnehmen ins Theater. Von ihrem Mitfiebern, ihrem Gelächter, ihrem Jubel lebt die Aufführung bis tief in den Schluss hinein: in diese phänomenale, unvergessliche Luftballon-Saalschlacht, in der Jung und Alt sich mit Begeisterung austoben können.

Eine Primaballerina für Dorothy

Zugegeben – das neue Stück gibt nicht viel her für Ballettfans. Es ist nicht für das choreographische Mitlesen konzipiert. Es schwelgt in einem Bewegungsglück, das zur komplizierten tänzerischen Durchformung deutlich auf Distanz bleibt. Das vernachlässigt auch ein bisschen zu sehr die Einzigartigkeit der Polina Semionova. Sie versteht als eine der wenigen Primaballerinen von heute, empfindsam zu tanzen. Sie serviert nicht Schritte, sie zeigt tanzend ihr Herz. Das macht ihre Kunst unvergleichbar anrührend. Die steckt als Seele in ihr und muss nur ins Freie gelangen. Das hat der italienische Choreograph bei der Dorothy zu wenig verstanden.

Man wartet buchstäblich bis zuletzt auf den Auftritt des „wundervollen Wizard“ namens Vladimir Malakhov. Aber dann setzt es von ihm auch nichts anderes als ein bisschen choreographisch gleichgültiges Fußgequassel, wie es jeder beliebige Nachtclubbesucher auf dem Tanzparkett hinlegen kann. Dabei ist er schließlich noch immer der Vortänzer der Truppe, der er mit seiner tanztechnischen Perfektion die Wege zu weisen hat.

Aktion: 200 Tänzer werben im Bahnhof für "OZ"

Stattdessen widmet sich Vladimir Malakhov offenbar mehr und mehr einem bloßen Beistand, der ihn an den Ballettsaal fesselt, ohne ihn selbst künstlerisch noch sonderlich herauszufordern. Das ist schade. Malakhov tanzen zu sehen war einst eine Herausforderung. Die Augen der Betrachter schienen in einem Lehrbuch klassischer Tanzkunst zu blättern. Nun neigt er ein wenig zu sehr dazu, in ihm nur noch die leeren Seiten zu zeigen. Natürlich ist das auch eine Altersfrage. In der Tanzklassik ist Malakhov, Jahrgang 1968, inzwischen schon leicht ins Jenseitige hinübergerutscht. Aber was er noch kann und das ist noch immer unendlich viel, soll er auch zeigen und nicht unter den Altersscheffel stellen. „Der Wizard von OZ“ böte dazu viele Möglichkeiten.

Man serviert 32 Bilder, wie in jeder ranschmeißerischen Ausstattungsrevue. Aber tatsächlich schmeißt sich die Aufführung nur ernsthaft und entdeckungsfreudig an den sowjetrussischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch heran und kramt (vom Tonband) aus der Vielzahl seiner Filmmusiken, Suiten und Ballettszenen genau das jeweils tanzinspirierendste Stückchen. Aber nicht der Tanz allein trägt die Aufführung in ihren Erfolg. Er entspringt dem immer lebhaften Bühnenleben: dem abenteuerlich phantasievollen Dekor von Cordelia Matthes, durch deren Wälder das Auge genussvoll schweift.

Bunte Kostüme und Video-Technik

Nicht müde sehen kann man sich außerdem an den Kostümen von Bruno Schwengl, in die er die Hauptfiguren geradezu eingeschnürt hat, so dass sie bei jedem Befreiungsversuch aufs Vergnüglichste klappern und kämpfen müssen. Denn schließlich geht es bei diesem freundschaftlichen Ausreißerquartett, gebildet aus der entzückenden Dorothy, einer Vogelscheuche, dem Blechmann und einem Löwen um das unendlich fesselnde Abenteuer der Gegensätzlichkeit, die sich im Verlauf der Handlung lieb gewinnt

Pluspunkt Nummer drei der Aufführung ist der die Phantasie unendlich beflügelnde Einsatz der höchst raffinierten Video-Technik, mit Bravour beigesteuert von der Firma „fettfilm“, hinter der sich Momme Hinrichs und Torge Möller verbergen. Beide meistern ihr Metier ganz vorzüglich. Sie verstehen jedenfalls ihre Ideen (oder die ihres Regisseurs) bezaubernd umzusetzen. Allmählich dämmert einem die Überzeugung, tatsächlich vor einer Revolution des Theaterschaffens zu stehen, von der sich das Theater bislang kleine rechte Vorstellung gemacht hat – und das Publikum auch nicht.

Das Tanzstück vom „Wonderful Wizard“ erzählt die Geschichte einer Wanderung durch Dick und Dünn des Märchens. Die liebe, blutjunge, aber tanzerfahrene und furchtlose Dorothy, verkörpert durch die immerfort anrührende Polina Semionova mit ihrer sanften Geschmeidigkeit, setzt der Sturmwind auf einem einsamen Felde ab, auf dem nur eine einsame Vogelscheuche herumklappert. Federico Spallitta klappt auf und zu wie ein Taschenmesser. Er hat nie gelernt, auf den eigenen Beinen zu stehen, die Arme und Hände sinnvoll zu rühren, kurzum ein Mensch wie Du und Ich und Dorothy zu sein. Sie bringt es ihm bei.

Das nächste Fundstück am Straßenrand ist der Blechmann Artur Lill, eine lebende Ritterrüstung, doch bedauerlicherweise ohne Herz. Das muss man ihm noch erschnorren. Leicht gesagt – denn zunächst mal brüllt in der Gestalt von Vladislav Marinov angeberisch ein Löwe herauf, dem Dorothy durch eine schnelle Ohrfeige gutes Benehmen beibringt. So ziehen alle vier vereint weiter, von Munchkins und Quadlings (was auch immer das sein mag) unterhaltsam bedroht. Am Ende kocht Tante Em für sich, Dorothy und Onkel Henry, als sei nichts geschehen, den Alltags-Tee. Wir alle, Jung und Alt, lieben Happyends.