Zum 70. Geburtstag

John Irving – vom Ringer zum Bestseller-Autor

Der Film "John Irving und wie er die Welt sieht" zeigt, wie der Schriftsteller seine Romane schreibt und sich dabei von Chirurgen und Orgelspielern helfen lässt.

Erstaunlich, wie fit der Mann ist, der am Freitag 70 Jahre alt wird: John Irving, der lange bevor er einer der meistgelesenen US-Schriftsteller weltweit wurde, zwanzig Jahre professioneller Ringer war, hält sich auch heute noch mit mehr täglichen Seilsprüngen in Form als wohl alle seine Kollegen auf der Bestsellerliste zusammen. Disziplin ist von jeher sein Geheimnis, das lernt man sehr schnell in André Schäfers einfühlsamer Filmbiographie, die Homestory und Werkstattbericht in einem ist.

Man sieht den Bestsellerautor mit seinem Hund in der Natur ebenso wie allein am Schreibtisch, wo er seine Romane per Hand schreibt, des langsamen Tempos wegen. Seine Bücher beginnt er immer mit dem Ende und entwirft die Handlung dann im Rückwärtsgang. Der Schluss muss sitzen, da führen alle Fäden zusammen.

Irving greift auf ein Rechercheteam zurück

Er nennt sich deshalb auch den Architekt seines Romans und im besten Fall, wie bei „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ oder „Witwe für ein Jahr“ ergibt sich aus dieser Methode ein stimmiges Ganzes, das jedem Zufall im Nachhinein einen Sinn verleiht und damit weltweit Leser berührt.

In anderen Fällen, zumal bei seinem jüngsten, dem zwölften Werk „Letzte Nacht in Twisted River“, merkt man der Geschichte das Konstruierte an, droht das Ganze zur Routine zu erstarren wie das morgendliche Fitnessritual. Wiederholung sei aber nicht langweilig, sondern essenziell, um gut zu werden, sagt er. Das gelte für Sport ebenso wie fürs Schreiben. Es gehe um den Prozess, da ist niemand, der applaudiert, deshalb sollte man lieben, was man tut.

So einsam ist dieses Arbeiten dann aber doch nicht, das zeigt der Film sehr schön, wenn diverse Leute rund um den Erdball als Teil von Irvings Rechercheteam vorgestellt werden, Experten in Chirurgie oder Orgelspiel oder schlicht Vertraute, die Manuskripte seiner Romane lesen.

Es geht um sinnliche Stimmungen

André Schäfers Film ist ein Geburtstagsgeschenk an Irving, der am 2. März 70 wird. Feinsinnig nähert er sich der Arbeitsweise Irvings, zwischendurch liest eine Erzählstimme Passagen aus Irvings Werken, die dann mit Aufnahmen der Handlungsorte eins zu eins bebildert werden. Das Wien aus „Hotel New Hampshire“ oder Toronto und Zürich in „Bis ich dich finde“. Der Erkenntnisgewinn ist da recht gering, es geht eher um sinnliche Stimmungen und eine Einführung in Irvings Stil.

Nur hin und wieder erfährt man mehr, wenn er etwa erklärt, wie er Zeit in einer Restaurantküche verbrachte, um besser beschreiben zu können, wie es dort zugeht. Und dann sieht man plötzlich die Köchinnen, die er in „Twisted River“ verewigte, über ihre Roman-Ichs reden.

Mit einem Grinsen fügt eine hinzu, dass sie sich danach das erfundene Pizzageheimnis aus dem Roman abgeschaut hätten (ein bisschen Honig in den Teig) und es sei hervorragend. Da sieht man für einen magischen Moment die Rollen vertauscht und das Leben die Kunst imitieren.