Werner Herzog als Archäologe

Die heiligen Visionen der europäischen Steinzeit

Für seine großartige 3D-Dokumentation "Die Höhle der vergessenen Träume" durfte Werner Herzog die 32.000 Jahre alten Bilder von Chauvet fotografieren.

Er spiele sehr gerne und ohne jede Anstrengung vor der Kamera die Rolle eines niederträchtigen Menschen, bekannte kürzlich der Regisseur Werner Herzog. Wenn nun sein neuer Film, dessen Gegenstand das Gegenteil des Niederträchtigen, nämlich das Heilige, ist, ins Kino kommt, warten bereits sechs weitere, wenn auch teils kürzere Filme von ihm auf ihre Aufführung.

So wie Wim Wenders in seinem Film „Pina” die auf der Tanzbühne arrangierten Bewegungen in der Welt des Alltags fortsetzt, so öffnet auch Herzog in „Die Höhle der vergessenen Träume” den Raum der von Archäologen 1994 in der Ardèche entdeckten Chauvet-Höhle auf die Umgebung hin: den Fluss, die Weinberge, die Felsen. Die Verlagerung der Bühne in die Alltagswelt geschah bei Wim Wenders auch aus Not – Pina Bausch war unmittelbar vor den Dreharbeiten gestorben.

Der Vergleich zum Wim Wenders' "Pina"

Bei Werner Herzog verdankt sich diese Einbeziehung der grundsätzlichen Einsicht, dass die Umgebung unmittelbar zur rituellen künstlerischen Gestaltung im Inneren der Höhle dazugehört. Die Maler der Felsbilder betraten die Höhle nur für die Zeit der Arbeit und der Rituale, lebten aber außerhalb von ihr. Und in diesem Sinn ist auch Wim Wenders' Bezugnahme auf die Außenwelt, in der die Tänzer leben und in der sie den Stoff für ihre Kreationen vorfinden, von innerer Notwendigkeit bestimmt, auch dann, wenn Pina Bauschs Tod diesen Schritt nicht nahegelegt hätte.

Werner Herzog nimmt den Rhythmus des langsamen Voranschreitens in die erste Einstellung seines Films hinein. Am Anfang geht er durch einen verschneiten Weinberg, öffnet langsam den Wahrnehmungshorizont auf ein Areal hin, in dem sich irgendwo die Höhle befindet. Die Archäologen (unter ihnen Chauvet, nach dem die Höhle benannt wurde) hatten ihren Weg immer wieder an den Felswänden entlang genommen und darauf geachtet, ob sie auf ihren Handrücken feinste, aus der Höhle kommende Luftströme spürten.

Die zweite Einstellung zeigt die kleine Filmcrew – Herzog und seinen langjährigen Kameramann Peter Zeitlinger –, wie sie sich im Auto näher auf das Gebiet zu bewegt, also mit den Mitteln moderner Technik , zu der auch die neuesten 3D-Kameras gehören. Herzog hatte sie für die extrem strengen Auflagen bei den Dreharbeiten in der etwa 8000 Quadratmeter großen Höhle umgearbeitet, am Ende davon überzeugt, dass der einzigartige Bewegungsreichtum in den Felsbildern und ihr rituelles Umfeld nur mit dieser Technik erfasst werden konnten.

Die 32.000 bis 35.000 Jahre alten Zeichnungen – fast doppelt so alt wie frühere Entdeckungen, zum Beispiel in der Höhle von Lascaux – wiesen so wenige Verfallspuren auf, dass die Forscher an ihrem Alter zweifelten, bis Messungen (auch der dicken Kalzit-Schichten) die Beweise lieferten.

Eine herabstürzende Felswand hatte die Höhle versiegelt und die Malereien in einer Art Zeitkapsel verschlossen. Der ursprüngliche Eingang zur ebenen Erde war damit für immer versperrt. Werner Herzog hat, geführt von den Forschern und der Kuratorin, auf ausgelegten Stegen in teilweise großen Abständen zu den äußerst empfindlichen Gesteinsschichten, Ablagerungen, Malereien und zeremoniellen Arrangements – die wie Frühformen der „Landart” wirken – die Höhle filmästhetisch erforscht.

Als störe man Menschen bei der Arbeit

Man glaubt der Erfindung des Films beizuwohnen, und auch das von der Kamera eingefangene Bild-Geschehen hat etwas von einem „Urkino” an sich. Der von Herzog aus der Unmittelbarkeit des Erlebens heraus gewonnene Eindruck, dass die Maler mit dem Betrachter sprechen, hat sich im Film-Erlebnis erhalten, weil seine Ästhetik auf einen eigenen Kunst-“Stil” verzichtet und sich ganz in den Dienst der Bild-Welt und des sakralen Raums stellt.

Mit jeder Etappe des Films, jeder Begehung und Erschließung des Geländes, offenbart sich zunehmend dessen heilige Aura. Einmal äußert Herzog die Befürchtung, vielleicht störe er mit den Aufnahmen „die Menschen bei ihrer Arbeit”, als würde er unbefugt eindringen in eine Welt, die nicht für Außenstehende gemacht ist.

Versiegelt wie hochexplosive Inhalte des Unbewussten, unberührt wie tief liegende Gesteinsschichten – so war das Innere der Höhle geschützt vor den Zugriffen und den vereinnahmenden Blicken des neuzeitlichen Menschen. Allzu verständlich die strikte Vorgabe des wissenschaftlichen Teams, dass niemand die Malereien anfassen durfte; dass die Distanz zum Sakralen gewahrt bleiben musste.

Entrückung aus dem Alltäglichen

Der Höhlenerfahrung Herzogs vergleichbar eindringlich hat der Komponist Paul Horn das extreme Erlebnis der Entrückung aus dem Alltäglichen und aus der Gegenwart in seinen Musikstücken zum Ausdruck gebracht, die er in Kathedralen, Heiligtümern und Pyramiden aufgeführt hat.

Werner Herzogs Technik, die auf den Felsbildern dargestellten Tiere und Tier-Menschen in einem fein abgestimmten Wechsel von Hell- und Dunkelschattierungen zu zeigen, fühlt sich ein in die fragile Balance zwischen einer Nähe zu den Bildern und einer ehrfürchtigen Distanz. Eine der erfindungsreichsten Szenen in dieser Hinsicht ist auch die Einspielung einer Filmszene, die Fred Astaire im Tanz mit Schattenfiguren zeigt: Man glaubt, gleichzeitig die Höhlenmaler, einen zeitgenössischen Tänzer und einen Regisseur, der sich vom Dunkel ins ausgeleuchtete Bild vortastet, bei der Arbeit beobachten zu dürfen.

Werner Herzog lässt den Zuschauer an seiner Erfahrung (die er in den wenigen Wochen in der Höhle machte) teilhaben, der Erfahrung, dass hier nicht nur eines der größten Kunstwerke der Welt entdeckt wurde, sondern dass wir darüber hinaus in Ansätzen den frühgeschichtlich einzigartigen schöpferischen Akt, einen explosiven Ausbruch, nachempfinden können.

Und dieser kreative Vorgang (der sich mit großer Wahrscheinlichkeit keiner langsam vollzogenen Entwicklung verdankt) vermittelt zugleich den Eindruck, als sei hierbei die Seele des Menschen „erwacht”. Mit der Erfindung der figürlichen Darstellung und der rituellen und symbolischen Kommunikation beginnt die Gegenwart des Menschen; sein geistig-seelisch-künstlerisches Potenzial wird sichtbar.

Wir werden immer nur Fragmente und Aspekte der Fantasien und Visionen, der epischen, mythischen und magischen Weltschöpfungen, der in den Zeichnungen zum Ausdruck kommenden Zugänge zum Sakralen und zu den menschlichen und tierischen Seelenlandschaften erfassen können. Werner Herzogs filmische Forschungsreise zeigt auf beeindruckende Weise, welch ein weiter, die Kunst übersteigender Raum hier geschaffen wurde und dass die Schöpfer der Bilder nicht Autoren in unserem Sinn waren, eher schon die Hand eines „Geistes” oder eines „Gottes”.

Es ist von einer wunderbaren Symbolik, dass uns aus einer Höhle das Visionäre entgegenstrahlt, uns an den Reichtum menschlichen Gestaltens machtvoll erinnert, während uns ebenerdig vor allem Niederdrückendes, Antivisionäres entgegenkommt, dem wir mit dem Wort „Krise” einen besonders wohlwollenden, geradezu familiären Klang verleihen.