Konzert im Columbiaclub

In Berlin gibt Lee "Scratch" Perry den Mix-Magier

Mit ihm fing alles an: der moderne Reggae, die DJ-Kultur, der Dub. Mit 75 Jahren kam Lee "Scratch" Perry in den Berliner Columbiaclub. Und musste nicht viel mehr tun, als einfach nur da zu sein.

Foto: picture alliance / Photoshot

Wir sieht lebendige Musikgeschichte aus? In einer klirrend kalten Nacht in Tempelhof trägt die Legende einen kupferroten Kaiserbart. Auf ihrem Haupt thront eine Kappe, die mit allerlei Verzierungen gestaltet ist wie eine Pickelhaube. Lee "Scratch" Perry wandelt würdevoll über die winzige Bühne im Columbiaclub.

Mit 75 Jahren ist er wieder unterwegs. Der Mann, dem die DJ-Kultur die grundlegenden Mixkünste verdankt, der Vater des modernen Reggae, der Geheimrat aller Grasraucher. Lee Perry bricht noch einmal auf, er tut das aus dem besten aller anzunehmenden Gründe: Er ist alt und braucht das Geld. "Ich glaube daran, dass man wenig braucht", sagt er. "Meine Frau glaubt daran, dass man viel braucht. Sie liebt Geld, sie liebt gutes Essen und teure Schuhe. Ich glaube an Gott, aber Gott sagt einem nie, wann er kommt."

Er selbst tritt pünktlich auf, nachdem die Band The Robotics die Gäste auf ihn eingestimmt hat mit Zitaten aus dem Lebenswerk. Sein "Chicken Scratch" klingt an, das Stück, das in die späten Fünfziger zurück reicht und ihm seinen Heldennamen gab.

Bei "Scratch" in Kingston auf Jamaika holte sich Bob Marley seinen Sound. Der Reggae, wie ihn Perry sah, klang schneller, härter, lustiger. Er mischte Heimorgeln hinein und Soundtracks aus Spaghettiwestern. 1973 richtete er sich ein eigenes Studio ein. Die Hexenküche nannte er Black Ark, Jamaikas Musiker bestaunten die Gerätschaften, das Mischpult und ein altes Vierspur-Tonband, mit dem Perry seine Aufnahmen zu grenzenlosen Klangräumen ausdehnte. Er habe keine Geheimnisse, verriet Lee Perry jedem, er sei bloß mit Außerirdischen im Bunde.

1979 brannte alles nieder. Das Gebäude, die Geräte und die Bänder seiner Band The Upsetters. Er kam als Brandstifter in Untersuchungshaft, Beweise gab es keine. Perry reiste aus. Er wurde in New York im aufblühenden HipHop wie ein Magier herumgereicht. In London traf er ein, als Punkbands wie The Clash den Reggae als verwegene Kampfmusik der Dritten Welt für sich entdeckten. 1989 zog er weiter in die Schweiz, nach Einsiedeln.

Dass er das Feuer selbst gelegt hat, wurde von Lee Perry nie bestritten. Er hat es aber auch nie erläutert. Ärger hatte er mit Schutzgeldeintreibern und Plattenfirmen, die den Produzenten mit ihren Verwertungsrechten drangsalierten. Reich wurde Lee Perry nie mit seinen Pioniertaten. Und deshalb musiziert er unentwegt in seinem Tonstudio in Einsiedeln, wo er geschmückt wie ein verirrter Stammeshäuptling durch die Gassen läuft, und darum steht er wieder auf der Bühne in Berlin.

Als er ein Feuerzeug entzündet, wird im Saal gelacht. Die Popkultur war früher stolz auf ihre Gegenwärtigkeit, heute geht es ihr um Geschichten und Geschichte. Lee "Scratch" Perry ist als Medium dieser Sehnsucht nach Historie unterwegs, die Reise heißt "The Roots Of Dubstep". Ohne Dubstep aus den Clubs von London gäbe es heute weder James Blake noch Jamie Woon, die Hoffnungsträger einer zukünftigen Popmusik.

Lee Perry muss nichts weiter tun, als da zu sein, weil mit ihm alles anfing. An den Reglern, wo sein Platz wäre, mitten im Saal, sitzt Mad Professor, 20 Jahre jünger als sein Lehrmeister aber schon fast so legendär. Der Mann am Mischpult trägt ein Hütchen und eine Gelehrtenbrille. Er macht die Musik. Die Mixmusik, die man als Dub kennt, seit Lee Perry sie erfunden hat, indem er mit dem Tonspuren der Bands spielte.

Jetzt sorgt Mad Professor für überraschende Geräusche und für Hall und Echo wie in einer Festhalle. Sein Meister zeigt vorn, dass er Fuß- und Fingerspitzen noch gestreckt zusammen führen und sich goldene Ringe leisten kann. Er singt das Alphabet wie in der Sesamstraße und von seiner eigenen Kirche. Lee "Scratch" Perry nuschelt in ein Mikrofon, das einen Rückspiegel besitzt und reich geschmückt ist wie ein Zepter. Als gekrönter Zeuge einer Zeit, in der die Menschen noch nicht in die Kälte mussten, um ihr Gras zu rauchen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.