Konzert in Berlin

Bei den Black Keys brennen die Joints

Wie Lady Gaga haben die Black Keys 2011 drei Grammys abgeräumt. Doch die Blues-Nerds aus Ohio sind die Antithese auf die schrille New Yorkerin: Langweiler-Garderobe, karges Bühnenbild, nur ein „Thank you" zwischen den schnörkellosen Songs. Und die Zuschauer sind begeistert.

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Schon wieder ist da so eine Band, an der man eigentlich nicht vorbei kommen kann, die man jetzt auf jeden Fall hören muss. Bloß weiß niemand so genau, warum eigentlich. Die Black Keys sind ein Duo. Sie spielen diesen schnörkellosen Bluesrock, den schon die White Stripes wiederentdeckten. Den man vom Hören zeitlich so gut wie gar nicht einordnen kann. Mit "klassisch" ist ihre Spielart ganz gut beschrieben. 2011 hat die Band gleich drei Grammys gewonnen und ihr siebtes Studioalbum "El Camino" veröffentlicht. Inzwischen füllen sie die Arena in Alt-Treptow. "Ausverkauft" steht auf dem kleinen Kassenhäuschen. Das kann kein Zufall sein.

Vom ersten Ton an haben die Black Keys die Zuschauer auf ihrer Seite. Es gibt für alles Applaus und Gejohle, auch für den Applaus selber. Der Riese Patrick Carney muss nur eine Sekunde des Beat von "The Only One", einem Stück vom vorletzten Album "Brothers", spielen und schon weiß jeder wie der nächste Song heißt. Er ist so groß, dass sein Instrument einem Kinderschlagzeug gleicht. Wieder wird gejubelt.

Auerbach stößt mit der Gitarre dazu, so eine tingelnde Laid-Back-Gitarre, er singt mit Kopfstimme. Und obwohl er steht, ist er gegen seinen Kollegen nur ein Winzling. Dahinter sorgt eine unbeleuchtete Band für den Rest des Sounds. Da sitzt einer an den Tasten, als John wird er vorgestellt, und der haut rein wie einst The Band. Später bedient er sogar eine doppelhälsige Gitarre. Irre. Einen Bassisten gibt es auch noch. Kann man alles nicht so genau sehen. Im Scheinwerferlicht stehen nur die beiden Hauptakteure.

Antithese auf Lady Gaga

Und doch wollen Dan Auerbach und Patrick Carney so gar nicht in die Rolle von Stars, oder gar Diven passen. Mit ihrer Langweiler-Garderobe aus Blue-Jeans, Pullover und Hemd sehen sie extrem durchschnittlich aus. Sie reden kaum zwischen den Songs. Mehr als ein "Thank you", wird es den ganzen Abend nicht zu hören geben. Das sind einfach zwei Typen aus Ohio, die seit zehn Jahren zusammen Krach machen, bei denen die Refrains meist aus "Whoo-hoo" oder "da da da da" und sowas wie "You're The Only One" bestehen.

Beide sind die erfrischend uninszenierte Antithese auf Lady Gaga, die letztes Jahr ebenfalls drei Grammys bekam. Die Black Keys stehen beispielhaft für eine Generation von Musikern, die mit ursprünglichen Rock-Themen und einer neuen Natürlichkeit im Mainstream-Pop überaus erfolgreich sind. Die Kings Of Leon haben es vorgemacht, die Kanadier von Arcade Fire fahren damit auch ganz gut. Folk-Barden sind sowieso schwer in, Bon Iver zum Beispiel. Sie alle bedienen eine Sehnsucht nach Heimeligkeit, in der Liebe noch für immer währt, Kerle mal einen über den Durst trinken und gerne in den Wald gehen.

Hippie-Feeling und karges Bühnenbild

Als dann Auerbach ganz alleine "Little Black Submarine" anspielt, stecken sich zwei Kerle einen Joint an. Ein wundertrauriges Stück ist das, und während die gezupften Akkorde nach Umarmung schreien, wandert diese Riesen-Tüte zwischen dem Brillenträger mit grauem Haupthaar und seinem Begleiter in einem legeren Jeans-Hemd hin und her. Daneben tanzt eine schwarzgelockte Frau breitbeinig eine Art adaptierten Urvolk-Tanz. Die Hände hat sie wie zum Morgengruß nach oben ausgebreitet.

Ein Sicherheitsmann scheint das Gras gerochen zu haben. Seine Blicke streifen die Tänzerin. Er fokussiert die Kiffer. Dann schaut er wieder weg und wippt mit zum Takt. "They get lost and out of time/ I should've seen it glow/ But everybody knows/ That a broken heart is blind/ That a broken heart is blind", singt Auerbach ein letztes Mal zu unverzerrter Gitarre, bevor sich ein Brachial-Solo entfaltet, dass es einem schwindelig wird. Die Tänzerin dreht und dreht sich. Es riecht nach vorbei wehendem Haar.

Das karge Bühnenbild wird nur selten aufgelockert. Im Hintergrund laufen ab und an Super-8-Aufnahmen. Viel zu schnell abgespielt, ist es unmöglich irgendetwas genau zu erkennen. Sieht aber nach Heimatfilm, nach Familienalbum aus. Drei Mädchen springen mit Rücksäcken auf den Rücken durch die Reihen. Eine Disco-Kugel beginnt sich zu drehen. Der letzte Song vor der Zugabe beginnt. "Everlasting Light" wirft ein Funkeln in die Augen. Über 7000 Menschen tanzen wie auf einem Promball in Ohio. Die Hände sind an den Hüften, so wie sich das gehört. Nur die Stiefel und die Hüte fehlen.

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