Columbiahalle

Bei Duran Duran rückt man in Berlin zusammen

Sie landete in den 80er-Jahren Hits wie "Girls On Film", "The Reflex" und "Wild Boys". Mit ihrem neuen Album "All You Need Is Now" ist die Band Duran Duran in der Berliner Columbiahalle aufgetreten. Die Musiker um Sänger Simon Le Bon sind sich für nichts zu schade.

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Simon Le Bon, der Sänger, übergibt das Wort an seinen Organisten. Der nennt sich Nick Rhodes, weil sein elektrisches Klavier so heißt, ein stark geschminkter und blondierter 50-Jähriger, der leutselig die Stadt begrüßt wie fahrende Musiker es heute tun. „Hallo Berlin“, ruft Rhodes, und die Besucher der (nicht ausverkauften) Berliner Columbiahalle freuen sich.

Aber dann fährt er fort mit einer feierlichen Rede über deutsche Autos und die Siegessäule mit dem goldenen Engel. Rhodes kommt auf den deutschen Film zu sprechen, auf Fritz Langs „Metropolis“, die Goldenen Zwanziger und die Moderne damals. Er warnt vor Maschinen und kehrt schließlich in die Gegenwart zurück, zum Heimcomputer, der ein Segen, aber auch ein Fluch sei. Rhodes schaut in die Runde, seine Zuhörer starren ihn an. Zufrieden greift er in die Tasten, und Duran Duran spielen „Blame The Machine“ vor einem alten Stummfilm.

1978 hat Nick Rhodes die Band gegründet und sie unbeirrt durch die Musikgeschichte manövriert, in guten wie in schlechten Zeiten. In den Achtzigern lebten Duran Duran auf MTV in ihren Videos, bei James Bond im Film und in den Glaubenskriegen von Armani und Versace. Ihre Heimat waren Clubs mit strengen Türstehern und Gästen, die in großzügigen Sakkos wohnten und sich ums Geschehen in der Außenwelt nicht weiter scherten.

Wälder starben. In der Ukraine explodierten Reaktoren. „Some new romantic are looking for the tv sound“, sangen Duran Duran in „Planet Earth“. Für sie war „Live Aid“, was es war: der erste ernsthafte Weltfernsehgipfel. Sie wurden als Band verehrt von Lady Di und Andy Warhol. In den Neunzigern besangen sie die „Ordinary World“, in der sie irgendwo verschwanden, zwischen Retrozyklen, Branchenkrisen und den neuen Medien. Simon Le Bon umsegelte lieber mit seiner Yacht die ordinäre Welt.

Jetzt steht der Sänger auf der Bühne der Columbiahalle mit den Überresten von Duran Duran. Er trägt ein enges Sakko mit Metallkragen und einen Bart. Die Achtziger hat er verlassen, auch wenn seine Gäste ihn als Boten der gemeinsamen Vergangenheit begrüßen. Männer nehmen ihre Frauen oder ihre Männer in den Arm. „The Wild Boys“ wird vor virtuellen Feuersbrünsten aufgeführt und mit „Relax“ von Frankie Goes To Hollywoods gekreuzt.

Aber Duran Duran wären nicht hier, wenn alles noch so wäre wie vor 30 Jahren. Wenn Millionen Menschen ihre Platten kauften, wenn es MTV als MTV noch gäbe und kein Youtube ihre Clips entwertete. Sie reisen viel und spielen überall. Simon Le Bon musste bereits Konzerte absagen, auch für Berlin, weil seine Stimmbänder gefordert sind wie nie zuvor.

Dafür werden die Säle kleiner und die Ansprachen ausführlicher. Sie haben den Revival-Schwindel gründlicher durchschaut als ihre Zeitgenossen bei den „Back Into the 80s“-Abenden. Duran Duran verkaufen als Konzertandenken Mousepads mit der Aufschrift „All You Need Is Now“. Ihr Klassiker „The Reflex“ wird nicht mehr mit Reichsparteitagsbildern damaliger Großkonzerte illustriert, sondern mit Avataren. Mit geflügelten Computerwesen aus dem Second Life der Menschen heute. Spiegelkugeln drehen sich nicht an der Decke, sondern auf dem Flachbildschirm.

Das unentwegte Musizieren hat Duran Duran in eine handwerklich beschlagene Band verwandelt, die jetzt live mehr nach sich selbst klingt als jemals zuvor. Und sie sind sich für nichts zu schade: Wenn das Publikum etwas verhalten reagiert, lobt Simon Le Bon, dass es sehr interessiert aussehe.

Einmal steigt er von der Bühne und singt mit der ersten Reihe wie der Animator eines Ferienclubs. Sogar John Taylor, der Bassist, spricht länger zu den Leuten. Er erzählt von iTunes, Facebook und dem 21. Jahrhundert. Alle sollen twittern, ruft er. Die mobilen Telefone leuchten. Postwendend erscheinen hinter ihm im Bühnenbild die Botschaften. „Hallo“, steht da, „great show“ und „berlin loves dd“. Man rückt zusammen.

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