Premiere

"Freischütz" wird an Komischer Oper zum Thriller

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Volker Tarnow

Calixto Bieito ist Theaterdirektor in Barcelona und einer der umstrittensten Regisseure Spaniens. Jetzt zeigt er in Berlin an der Komischen Oper seinen "Freischütz".

Gehört hat er den „Freischütz“ in Spanien nie. Aber Calixto Bieito kennt die deutsche Nationaloper seit seiner Kindheit. „Mein Vater hatte eine Cassette mit dem ‚Freischütz'. Er war kein Musiker, kein Intellektueller, sondern ein Arbeiter, aber diese Musik liebte er sehr. Ich bin mit ihr aufgewachsen.“ Um es zu beweisen, intoniert Bieito die Melodie von Agathes Jubelarie aus dem zweiten Akt. Es klingt etwas unflüssig, denn der Regisseur ist schwer angegriffen von einer Erkältung.

Angegriffen freilich wirkt er immer. Es sind die Sujets, die ihn packen wie andere Leute Krankheiten. Er kann und will sich den verstörenden Botschaften, die noch heute oft genug unter hübschen Kostümen und Bühnenbildern versteckt werden, nicht entziehen. Für Bieito handelt es sich bei Theater und Oper um Kunstgattungen des Existenzialismus; vordergründige Vergnügungen sind ihm ebenso fremd wie mutwillige Aktualisierungen, die man den Stücken überstülpt. Der spanische Regisseur fordert vom Publikum, dass es sich auf den Ernst dieser Stücke einlässt: Der „Freischütz“, sagt er, handele vom Irrsinn in den Menschen – „wie ein Thriller, ein Märchen für Erwachsene.“

Also nichts mehr mit Jägerchor und „Wir winden dir den Jungfernkranz“, diesen geradezu emblematischen Musiknummern deutscher Romantik? Nichts mehr mit „Durch die Wälder, durch die Augen“? Aber ja doch, durchaus. Man darf in Calixto Bieito keinen amusischen Menschen sehen. Er wurde in die Rolle des Skandalregisseurs gedrängt, weil er es wagte, auf der Bühne Dinge zu zeigen, die vor ihm niemand zeigte.

Bis heute berüchtigt und fester Bestandteil der Theatergeschichte ist seine Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“ an der Komischen Oper 2004: Bieito zeigte nur, was ein Serail ist, nämlich ein Bordell. Und im Jahr darauf zeigte er auch „Madame Butterfly“ als Prostituierte. 2009 schließlich trieb er seine Ästhetik des Schreckens zum Äußersten: Glucks „Armida“, ebenfalls in der Behrenstraße, führte ein Kreuzfahrerheer als nackte Sex-Sklaven vor, mit denen sich die große Zauberin Armida hemmungslos vergnügt. Porno und Peepshow, höhnte die Presse. Bieito hatte seinen Ruf weg.

Damit kann er leben, beweisen doch seine Inszenierungen, dass es darin keineswegs nur um Bühnensex geht. Bieito plant keine Skandale, er lässt die Fantasie unkontrolliert schweifen, überlässt sich seinen Erinnerungen. „Kürzlich gab es in Brasilien eine Konferenz über Stefan Zweig“, berichtet er, „und zwar unter der Überschrift: das Geheimnis der Kunst. Man muss dieses Geheimnis fließen lassen wie einen Fluss.“ Sehr bezeichnend für ihn, den Sohn eines Arbeiters, dass er sogleich hinzufügt: „Ich versuche, einfach zu sein. Ich habe sogar Zweifel, ob ich überhaupt ein Künstler bin. Das ist keine geheuchelte Bescheidenheit. Es ist auch nicht so wichtig. Ich bin Theaterregisseur, Opernregisseur, mehr nicht.“

Land mit endlosen Bürgerkriegen

Man versteht Calixto Bieito nur, wenn man seine Herkunft kennt. Geboren wurde er 1963 in Miranda de Ebro, einer Stadt zwischen Kastilien-León und dem Baskenland. Sein Vorname ist keltischen Ursprungs, seine Frau kommt aus Katalonien, gemeinsam lebt er mit ihr und zwei Kindern in Barcelona. Studiert hat Bieito, der sehr gut Baskisch und auch Galizisch versteht, Kunstgeschichte und spanische Philologie, also kastillische Literatur, nicht katalanische! Er ist weder Nationalist noch Separatist. Spanien sei sehr vielfältig, betont er, aber auch extrem widersprüchlich. „Kulturell ist das faszinierend, aber wenn du Politik machen willst, wird es kompliziert.“ Mit Politik im engeren Sinne beschäftigte sich Bieito nie. Aber er beschäftigt sich mit der mörderischen Geschichte seines Landes, mit den endlosen Bürgerkriegen des 19. Jahrhunderts, mit der Franco-Zeit und ihren Folgen. „Wir haben uns, anders als die Deutschen, nie unserer Vergangenheit gestellt. Das Land hat keine Erinnerung. Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie gelang sehr gut, aber dann kam das große Schweigen. In Miranda de Ebro zum Beispiel, meiner Heimatstadt, gab es bis 1947 das größte Konzentrationslager Südeuropas. Alle wussten es, aber niemand sprach darüber. Ich habe als Kind an diesem Ort gespielt.“

Und dann sagt Bieito noch einen Satz, der wie ein künstlerisches Glaubensbekenntnis wirkt: „Man muss sich den Problemen stellen, man kann nicht einfach Frieden machen!“ Auch nicht auf der Bühne. Die Perspektive ist alles anderen als neu, doch Bieito versteht es, seine Erinnerungen in ungewohnt eindringliche Bilder zu verwandeln. Nicht zufällig brachte Spanien immer schon Künstler wie Goya, Federico García Lorca und Juan Luis Buñuel vor, die nationale Albträume thematisierten, welche auf schockierende Weise den Finger in die Wunde legten. Offene Wunden hat Spanien heute so viele wie eh und je – und deswegen auch Regisseure wie Calixto Bieito.

Wer wollte sich da wundern, dass er selbst die deutscheste aller deutschen Opern, Webers „Freischütz“, mithilfe seiner spanischen Erfahrungen deutet. „Ich versuche nicht, über den deutschen Wald zu sprechen, denn ich bin kein Deutscher. Aber in der Nähe von Miranda de Ebro gab es viel Wald, viele Geschichte über Hexen, die in ihm hausen. Einmal bin ich als Junge sogar mit zur Jagd gegangen. Es war ein furchtbarer Tag.“

Mehr deutsch als spanisch gepolt

Er fand seinen Niederschlag im Regiekonzept. Doch konzentriert sich Bieito nicht auf die Zerstörungswut des Menschen. Genauso wichtig sind ihm die Schönheit des Waldes und die Schönheit des Tieres, wie er sagt. In diesem Punkt scheint er mehr deutsch als spanisch gepolt zu sein. Wenn sich Calixto Bieito in Frankfurt am Main aufhält, besucht er immer das Grab von Schopenhauer. Ihm imponiert nicht nur der Philosoph, der das Leben als tagtägliche Jagd beschrieb – ihm imponiert auch der Grabstein daneben: unter dem liegt Schopenhauers Pudel Butz.

Der Wald als Hauptdarsteller, als Motor des gesamten Stückes, aber auch der Wille, „zu zeigen, was unter den Blättern ist“: Bieitos Inszenierung des „Freischütz“ wird sich auf einer Höhe mit dem poetischsten und vielschichtigsten Libretto der Operngeschichte bewegen, das der Regisseur übrigens im Original liest. Sie wird die Besucher überraschen wie schon seine letzte Arbeit an der Komischen Oper, Poulencs „Dialoge der Karmeliterinnen“. Da hatte er seine Erziehung als Jesuitenzögling thematisiert, ohne in wüsten Anti-Katholizismus zu verfallen.

"Der Freischütz", Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 47997400 Termine: 29. Januar 2012 (Premiere), 4., 7., 21., 24. Februar 2012; 4., 9., 29. März 2012.