Deutsche Oper

Rossinins „Tancredi" - Auf der Bühne nichts los

Es ist eine tragische Liebe in einem grausamen Krieg: Rossinins „Tancredi" birgt genug Stoff für eine feurige Operninszenierung. In der Deutschen Oper leidet das Stück jedoch an Handlungsarmut. Zu verstehen ist wenig - zu hören dafür umso mehr.

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Eine Hauptrolle in dieser alten, aus Pesaro übernommenen, 1999 entstandenen Inszenierung von Rossinis bierernstem Frühwerk „Tancredi“, spielt fraglos das Säulenballett im Hintergrund. Es scheint an einer Art musikalischer Epilepsie zu leiden. Alle Nase lang legt es sich langsam auf den Rücken, wie um zu verschnaufen, doch bald darauf rafft es sich wieder hoch und steht da wie vorher, die Hände an der steinernen Hosennaht.

Rossini war erst 21, als er sich auf das Abenteuer einer „opera seria“ einließ. Er tat es mit dem ihm angeborenen musikalischen Geschick, nur hielten bedauerlicherweise seine Librettisten nicht Schritt mit ihm, und so kam es noch im Jahr der Uraufführung zu drei unterschiedlichen Fassungen des Werkes. In Berlin wird die Version Nr. 2 gezeigt.

Voller Einsicht und Liebe

Ihr Schluss ist sensationell. Nicht einzig Tancredi, der unglückselige Held, stirbt dahin, nein: Die ganze Oper erlischt mit ihm und beugt sich tief hinein ins Verstummen. Das ganze Werk stirbt den Liebestod, nicht – wie bei Wagner – Isolde allein. Alberto Zedda am Pult legt, offenbar zutiefst davon angerührt, den Taktstock nieder. Keiner hätte wie er diesen Rossini aufführen können: so delikat, verständnisvoll, voller Einsicht und Liebe. Es gibt aber auch keinen Musiker auf der Welt, der sich mit vergleichbarer Energie zeitlebens mit Rossini beschäftigt hat. Und das will etwas heißen: Zedda ist Anfang des Monats 84 geworden, ohne darüber auch nur ein Zentimeterchen an musikalischer Einsicht und Darstellungsmacht zu verlieren. Die Musiker auf der Bühne wie zu seinen Füßen im Orchestergraben huldigen ihm, spielend und singend geschlagene drei Stunden lang. Und das Publikum tut es ihnen gleich.

Es ist spannender, Alberto Zedda im Graben beim Dirigieren auf die Finger zu sehen, als zum dramatischen Geschehen auf der Bühne hinauf zu schauen, denn Rossinis Werk ist, ohne Zutat des jungen Komponisten, gründlich verkorkst. Es lebt von einer nicht existierenden Handlung. Zu verstehen ist im Grunde so gut wie nichts, zumal die deutsche Text-Projektion über dem Bühnenportal sich zeitweilig darauf kapriziert, sich bis zur Unlesbarkeit zu verdunkeln.

Die Bühne bleibt weitgehend leer. Dafür hat der Regisseur Pier Luigi Pizzi, zugleich sein eigener Bühnen- und Kostümbildner, gesorgt. Pizzi macht leider einzig die Herkömmlichkeit nach. Das nimmt seiner Inszenierung von vornherein den dramatischen Dampf aus den schlaffen Segeln. Sie werden vor allem aufs Schwellendste immer wieder von der großartigen Patricia Ciofi gefüllt, deren Jubelsopran sich immerfort zu neuen Höchstleistungen erhebt. Bald verblüfft sie mit hochdramatischen Exklamationen, bald gewinnt sie ihrer machtvoll regierenden Stimme die feinsten, gleichzeitig abenteuerlichsten Koloraturen ab. Es ist eine Freude, ihr zuzuhören und sich immer erneut von ihr überraschen zu lassen. Sie ist eine Sing-Dramatikerin par excellence.

Es fällt schwer, danach Hadar Halévy gerecht zu werden. Sie singt die Titelpartie, aber leider nur teilweise. Ihr Alt gründet tief und versteht sich haushoch zu schwingen. Sie singt die Extreme ausgezeichnet, doch zwischen ihnen hapert's. Die Mittellage bleibt stumpf und tot, ausdrucksarm und unterentwickelt. Das reicht leider für einen Titelhelden Rossinis nicht hin und nicht her. Frau Halévy ist eine Fehlbesetzung.

Argirio, den rundum hilflosen Vater der singtüchtigen Amenaide, die Frau Ciofi mit Nachdruck ins Zentrum der Aufführung singt, verkörpert mit ansehnlichem Tenor Alexey Dolgov. Ihm sind alsbald dankbarere Rollen zu wünschen. Auch Krzysztof Szumjanski, der Bariton, wird schlecht von Rossini bedacht. Sein Pech! Man wird es ihm nicht nachtragen. Zwischendrin und am Schluss setzte es Stürme der Begeisterung, der Anerkennung, der Dankbarkeit. Man erlebte eine jugendfrisch gebliebene alte Oper, jugendfrisch dirigiert. Um das zu können, muss man wohl erst über 80 werden.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel:34384343. Termine: 22. und 26. Januar; 1. und 4. Februar