RTL-Show

Warum Regisseur Baumgarten Dschungelcamp schaut

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Matthias Wulff

Foto: Heiko Laschitzki

Der Berliner Theater-Regisseur Sebastian Baumgarten steht dazu, sich mit dem Dschungelcamp gerne die Zeit totzuschlagen. Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über die RTL-Show als "modernes Theater".

Sebastian Baumgarten hat eine Schwäche für radikale Inszenierungen. Im vergangenen Jahr hat er „Tannhäuser“ in Bayreuth und „Carmen“ in der Komischen Oper aufgeführt, beide Opern forderten beim Publikum eine Haltung heraus. Keiner hat am Ende den Saal verlassen und gedacht, „kann man so machen“. Was Baumgarten-Stücke für die Hochkultur sind, ist „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ für den Massengeschmack. Zum Dschungelcamp, das mit Geschmacksgewohnheiten bricht und mit Freude an der Provokation produziert wird, hat jeder eine Meinung.

Morgenpost Online: Herr Baumgarten, gibt es eine Theaterform, die dem Dschungelcamp entspricht?

Sebastian Baumgarten: Es ähnelt der Groteske, denn was wir sehen, ist dadaistisch, die Dialoge sind sinnlos. Die Sprache an sich funktioniert ja und hat eine Logik, Syntax und Grammatik, man bekommt auch Informationen, Beschreibungen, Interpretationen. Aber „es wird kommuniziert“, wie Jean Baudrillard es gesagt hat. Die Bewohner des Dschungelcamps reden nicht, um Informationen auszutauschen oder um eine Erkenntnis zu gewinnen, sondern sie reden so vor sich hin. Sie reden gegen die Stille.

Morgenpost Online: Reden um des Redens willen?

Baumgarten: Genau. Das Reden muss halt immer sein. Man könnte natürlich sagen: Wer nichts zu sagen hat, hält die Klappe. Aber so ist nun einmal nicht. Insofern ist das Dschungelcamp eine schöne Spiegelung unserer Gesellschaft. Es wird aus Narzissmus gesprochen und nicht, um ein Handeln, eine Entscheidung herbeizuführen oder die Dinge neu zu sehen.

Morgenpost Online: Es entsteht, dem Theater und der Literatur nicht unähnlich, nach kurzer Zeit eine Reihe von Charakteren. RTL sammelt das Material und formt die Zicke, den Langweiler, den Dummschwätzer.

Baumgarten: Es gibt sicherlich eine Zuweisung, die es am Anfang noch nicht gab und durch die Gruppendynamik bilden sich die Figuren. Insofern ist Dschungelcamp schon modernes Theater, weil sich die Dramaturgie während der Show entwickelt und von dort aus weitergeht. Ich schaue das auch aus Interesse am eigenen Masochismus an: Die Sendung macht keinen Sinn und trotzdem schlage ich gern damit meine Zeit tot.

Morgenpost Online: Ist das so dumpf? Vor einigen Jahren hat eine Kollegin, so finde ich, darüber das klügste Stück geschrieben und das Dschungelcamp als „eine Klassenfahrt ohne Anfassen“ bezeichnet. Danach gleicht er einer moralischen Anstalt und wer zu eitel ist, lästert, faul oder zickig wird, wird vom großen Publikumsgericht zur Bewährung in die Prüfung gewählt oder nach Hause geschickt.

Baumgarten: Das trifft auch den Kern. Wir können auf einmal das Schicksal der anderen bestimmen. Die Sendung verleiht uns scheinbar Macht und dient dem Publikum der Selbstvergewisserung der eigenen Werte. Das Ganze ist natürlich auch ein Überlebenskampf der C-Prominenz: Peer Kusmagk versucht, sein Restaurant noch einmal in Schwung zu bringen, und Jay Khan versucht, in den Medien wieder präsent zu werden. Man sieht dabei zu, wie Leute gedemütigt werden, und ich frage mich, was der Lustgewinn darin ist. Den gibt es ja offensichtlich, auch bei mir.

Morgenpost Online: Man kann auch als Held aus den Übungen rauskommen. Wer locker einen Känguru-Hoden verspeist hat, der ist schon was.

Baumgarten: Es wird viel mit dem Ekel gespielt. Aber was ist das für eine Kultur, die sich an diesem Degenerierten erfreut?

Morgenpost Online: Vor 200 Jahren wurde Zwerge geworfen, da sind wir heute humaner.

Baumgarten: Stimmt. Und natürlich ekeln wir uns heute beim Dschungelcamp nicht mehr so wie in der ersten Staffel. Man kann natürlich sagen, alles was geht, wird auch kommen und alles was man zeigen kann, zeigt man auch. Egal, wie man das moralisch bewerten mag, trotzdem findet eine Herabsetzung der Hemmschwelle statt.

Morgenpost Online: Ist das so schlimm? Als Kind isst man als Mutprobe auch mal einen Regenwurm.

Baumgarten: Es geht um die Häufung und die Inszenierung des Ekels. Und wir wissen natürlich nie, ob das alles so stimmt oder ob uns RTL gerade etwas vormacht. Was bei der Sendung immer bleibt, was wir ja auch dem Grundgefühl dem Leben gegenüber entspricht, ist, dass alles „unter Verdacht“ steht. Man fragt sich, leben die dort immer so karg, sind die Schlangen wirklich gefährlich oder nicht?

Morgenpost Online: Es ist kein Unterschichtenfernsehen, wie es anfänglich hieß, ein Fünftel der Zuschauer hat einen Abschluss an der Universität.

Baumgarten: Voyeurismus ist keine Frage der Schulausbildung. Das ist auch nicht zu verurteilen, ich frage mich vor allem, wie die Sendung gemacht ist, wo stehen die Kameras, wie finde ich die Moderation…

Morgenpost Online: …und?

Baumgarten: Da sehe ich eine große Dämlichkeit. Sie benehmen sich wie die Inquisitoren, wie in einer römischen Arena heizen sie das Volk an.

Morgenpost Online: Sie sind erfrischend hämisch.

Baumgarten: Und was soll daran toll sein?

Morgenpost Online: Wenn man ständig aufpassen muss, keine sprachlichen Grenzen zu überschreiten, können zwei Narren befreiend wirken.

Baumgarten: Die Moderatoren erheben sich über Andere, ich kann den Spaß da nicht erkennen. Deren Bösartigkeit wirkt zudem nicht echt, sondern wie vorproduziert.

Morgenpost Online: Alle – der Sender, die Bewohner, die Zuschauer – wissen, dass es nicht ganz so ernst nehmen ist. Es ist ein Spiel.

Baumgarten: Schiller sprach in seinen ästhetischen Schriften vom dritten, fröhlichen Reich des Spiels und des Scheins. In diesem Reich werden alle Konflikte und all die Brutalität so realistisch wie möglich dargestellt, damit es dann in der Wirklichkeit zur Erhabenheit des eigenen Handelns kommt. Wir brauchen also einen Raum, in dem die brutalsten Gedanken und die Triebe sich ausleben können.

Morgenpost Online: Das könnte fast eine Beschreibung der Kulturformen der westlichen Nachkriegszeit sein: Wir leben friedlicher miteinander und lagern unsere bösen Fantasien in die Literatur, den Film, das Theater aus.

Baumgarten: Genau. Und ich fürchte halt, dass das Spiel wiederum das reale Leben beeinflusst und wir versuchen, das fiktive Leben zu imitieren. So wie man aus dem Kino kommt und denkt, so wie der Typ will man sein. Oder auf der Bühne sich fragt, wie soll man den Satz „ich liebe dich“ noch sagen, er ist schon so oft gefallen, …

Morgenpost Online: …und fragt man sich genauso im richtigen Leben…

Baumgarten: …genau, man kann ihn eigentlich nicht mehr neu sagen. Für den einzelnen Menschen macht mediales und wirkliches Leben zuweilen keinen Unterschied mehr. Das ist eine Erscheinung unserer Zeit.