Mediensatire "Zettl"

Helmut Dietl schaut in die Abgründe Berlins

Eine Satire sollte es werden, auf die Medien und auf die Politik. Das ist Helmut Dietl mit seinem Film "Zettl", der nächste Woche ins Kino kommt, nicht ganz gelungen. Aber seine bösen Äußerungen über die Stadt, die will der Regisseur so nicht gemacht haben. Zumindest nicht über die ganze, erklärt er im Gespräch mit Morgenpost Online.

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Morgenpost Online: Herr Dietl, Berlin ist bestürzt über Ihre jüngsten Äußerungen zur Stadt. Ist Berlin wirklich so schlimm, wie Sie es da dargestellt haben?

Helmut Dietl: Aber von Berlin als Groß- Berlin ist doch gar nicht die Rede. Ich habe immer nur von einem ganz bestimmten Bezirk gesprochen, nämlich Mitte. Eigentlich geht es ja auch nur um die Mitte von der Mitte, letztlich um eine, wie ich das immer nenne, preußische Quadratmeile.

Morgenpost Online: Sie behaupten aber schon, die Stadt sei ein Haufen voller Narren.

Helmut Dietl: Nein nein nein. Nur um die Quadratmeile geht's. Ich verstehe ja sonst nix von Berlin. Ich bin in München aufgewachsen; wie käme ich dazu, etwas Gültiges über Berlin aussagen zu wollen? Dazu war ich ja auch nicht lange genug da.

Morgenpost Online: Sie waren immerhin drei Jahre hier.

Helmut Dietl: In der Oranienburger Straße. Und ich habe mich eigentlich nur in diesem Areal bewegt, ich kenne nix anderes. Gelegentlich bin ich in den Westen rübergefahren, um ein anständiges Lokal zu finden. In Mitte ist das ja schwer. Aber in Mitte trifft man ja auch gar keine Berliner. Alle Möglichen trifft man hier, Schwaben, Hessen, auch Bayern, alles gibt's. Aber ich habe in drei Jahren nur einen Berliner kennengelernt, das war der Handwerker, der in meiner Wohnung die Jalousie repariert hat.

Morgenpost Online: Wie gut muss man denn die Stadt kennen, um einen Film darüber zu drehen?

Helmut Dietl: Für Mitte der Mitte sind drei Jahre völlig ausreichend. Viel Neues werden Sie da nicht lernen, Sie werden nur gewisse Befürchtungen bestätigt bekommen. Als die deutsche Hauptstadt noch dieses Dorf am Rhein war, war das ja nicht so attraktiv für einen Film. Aber was sich hier gerade abspielt, wo es um die Zukunft Europas geht, das gibt schon viel her für eine Satire. Das ist ein Geschenk, man wird geradezu eingeladen, was darüber zu machen.

Morgenpost Online: Kann es sein, dass "Zettl" unter einer doppelten Erwartungshaltung leidet: Bei Ihnen muss jeder Film ein Schlüsselfilm sein. Und viele glauben, "Zettl" sei "Kir Royal 2".

Helmut Dietl: Sehen wir's optimistisch. Die Leute erwarten was von einem, also muss man schon mal was getan haben dafür. Was den Schlüsselfilm angeht, da können sich immer nur diejenigen beschweren, die nicht vorkommen. Aber dass "Zettl" keine Fortsetzung von "Kir Royal" ist, habe ich immer gesagt. Ich freue mich sehr, dass die Serie noch bei vielen so präsent ist. Wobei: So viele sind's ja auch wieder nicht. Die Jüngeren kennen sie gar nicht. Wenn der Kroetz noch mitspielen tät', dann hätte man das noch eher als Fortsetzung verstehen können, aber dem ist ja nicht so.

Morgenpost Online: Zu welchem Zeitpunkt in der Planung ist er denn wirklich ausgestiegen? Man hört immer nur, es sei sehr spät gewesen.

Helmut Dietl: Ja, was heißt denn "ausgestiegen"? Er hat sehr spät sehr viele Veränderungen an seiner Figur verlangt, der wollte aus einem älteren Mann, der seine letzte Chance erhält, einen jugendlichen Haudrauf mit flotten Mädels machen. Das wollte ich nicht. Und als er mir dann auch noch anbot, das Drehbuch selbst umzuschreiben, habe ich mir 14 Tage Bedenkzeit ausgebeten. Und dann habe ich ihm geschrieben, dass ich auf seine Dienste verzichte.

Morgenpost Online: München und Berlin, da gab es früher stets herzliche gegenseitige Vorurteile. Die Saupreußen, den Weißwurstäquator. Gibt es diese Nord-Süd-Antinomie heute noch?

Helmut Dietl: In München brauchst du heute nicht mehr ausgehen, da triffst du ja niemanden mehr. Die sitzen alle in Berlin Auch die Filmbranche. Es ist nicht so, dass in Bayern keine Anstrengungen unternommen werden. Aber Berlin ist klar die Hauptstadt, und München wird's nie wieder sein, auch wenn sie vielleicht mal heimliche Hauptstadt war. Die Achse aber ist eine ideale. Wenn's mir in München fad ist, geh ich nach Berlin, und wenn's mir hier zu viel wird, gehe ich zurück. München ist viel gemütlicher, da ist halt gar nix los. In Berlin ist zwar auch nicht so viel los, wie getan wird, aber man hat zumindest das Gefühl.

Morgenpost Online: Ihre Politsatire kommt just zu einer Zeit ins Kino, in der er von der Realsatire eingeholt wird. Ist das ein willkommener PR-Gag?

Helmut Dietl: Wenn man das, was hier gerade pseudo-politisch passiert, in einem Film erzählt hätte, hätte einem das keiner geglaubt. Dass wegen einem kleinen Häuserl die Republik kopf steht. Hier handelt es sich schlicht um ein gezieltes Spielen über die Bande. Die Bande ist der Christian Wulff, aber die Kugel soll die Frau Merkel treffen. Wenn ich die Heuchelei von diesem Herrn – diesem Dicken da, wie heißt er…? Gabriel! – höre, ein Rücktritt des Bundespräsidenten sei schlimm für die Nation, das stinkt drei Meilen gegen den Wind, ein Furz könnte nicht so stinken.

Morgenpost Online: Wäre Christian Wulff eine Dietl-Figur? Oder ist er dafür zu blass?

Helmut Dietl: Naja. Man müsste ihn schon mit anderen Personae verschmelzen. Aber eins ist sicher: So blass, wie er ausschaut, ist der Wulff nicht. Wer das glaubt, der täuscht sich sehr. Die Vorwürfe sind aber dermaßen lächerlich angesichts all der hochpolitischen Dinge, die derzeit in der Welt ablaufen. Sagen wir so: Es gäbe hier noch genügend Stoff für einen Film.

Morgenpost Online: Aber doch kein "Zettl 2"?

Helmut Dietl: Weiß ich nicht. Wir hatten mehr als genug Stoff für diesen Film. Am Ende wird der Bully ja Regierungssprecher und das mit einer Kanzlerin Dagmar Manzel, das könnt' ich mir schon vorstellen. Aber das hängt davon ab, wie die Leute auf diesen Film reagieren. Das Echo ist ja, wie ich das auch erwartet habe, sehr gespalten.

Morgenpost Online: Ihr Film startet nur eine Woche vor der Berlinale. Ist nie überlegt worden, ihn auf dem Festival zu zeigen?

Helmut Dietl: Das stand nie zur Debatte. Das macht nur Sinn, wenn Sie ein Nazi- oder ein Stasithema haben oder sonst was Tiefschürfendes, wie manche Berliner Kollegen das machen. Für mich ist Filmemachen auch ein Geschäft; ich bin ja auch Produzent. Und als solcher kann ich Ihnen sagen: Wenn Sie einen Preis kriegen, bringt das dem Film meistens nicht viel; wenn Sie keinen kriegen, schadet es aber.

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