Reportagen-Sammlung

Stuckrad-Barre und die Deutschen als Opfer

| Lesedauer: 7 Minuten

Foto: Ali Kepenek

Zwei Jahre lang ist Benjamin von Stuckrad-Barre durch Deutschland gereist und hat Kanzler, Schrotthändler, Polizisten und Nobelpreisträger getroffen. Die Reportagen und Porträts erscheinen jetzt als Buch in "Auch Deutsche unter den Opfern". Regisseur Helmut Dietl hat es gelesen und ist begeistert.

Ich lese jeden Tag Zeitung, höre jeden Tag Nachrichten im Radio und sehe das, was ich schon den ganzen Tag lang gehört und gelesen habe, abends noch drei- bis viermal im Fernsehen. Ich bin informiert über alles und alle, über jedes und jeden. Durch das ständige Hören und Sehen entgehen mir nicht die kleinsten Nuancen in der sich ständig entwickelnden Darbietung aktueller Realitäten.

Da ich in München den Sender B5 höre, der alle fünfzehn Minuten Nachrichten von sich gibt, und in Berlin Inforadio vom RBB, der dasselbe alle zwanzig Minuten darbietet, weiß ich auch ganz genau Bescheid über die Hierarchie der gegebenen Informationen.

Es würde genügen, beide Sender zur halben und zur vollen Stunde abzuhören, denn da passieren die wichtigen Sachen und nicht um viertel oder zwanzig nach oder vor. Es gab mal einen Werbeslogan für B5, der dazu aufforderte, mit dem Ohr unentwegt dranzubleiben: "... denn in fünfzehn Minuten kann sich die Welt verändern". Kann sein, wenn wir öfter mal, möglichst alle Viertelstunde, ein Nine-Eleven oder einen Tsunami hätten.

Man hat dann den Spruch etwas verändert, wahrscheinlich, weil er sich durch die Assoziierung von Katastrophen doch als kontraproduktiv für die Zuhörerquote erwies. Außerdem möchte der Mensch gar nicht, dass sich dauernd was ändert, und wenn, dann höchstens in dem Sinne des von der Politik, insbesondere der bayerischen, seit Jahrzehnten immer wieder mit neuen, unerwarteten Inhalten versehenen Spruches: "Es muss was geschehen, aber es darf nix passieren!"

Da ist mir die Information durch das geschriebene Wort, in meinem Fall noch die Zeitung, doch viel lieber. Ganz abgesehen davon, dass "gelesen haben" einfach seriöser klingt als "gehört haben". Ausgesprochen elitär, wenn auch schon mit dem leichten Beigeschmack von altmodisch, klingt es, etwas "in einem Buch gelesen" zu haben.

Das Buch hat einen großen Vorteil gegenüber den audio-visuellen Medien: Es kann, aber muss nicht aktuell sein. Wir sollten ohnehin aufhören, die Aktualität ("das zum gegenwärtigen Zeitpunkt Wesentliche") als Kriterium für die Beurteilung von Qualität zu verwenden. Es könnte sonst sein, dass einer, der gerade "Asterix und Obelix" liest, sich seinem Gewissen gegenüber verpflichtet fühlt, dabei an Guerillakriege des 21. Jahrhunderts zu denken und diese Erkenntnis auch als gegenwärtig wesentlich zu verbreiten.

In der Literatur gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts den Begriff der literarischen Reportage. In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts soll diese Gattung angeblich ihren Höhepunkt erreicht haben. Dabei dürften einige Jahrhunderte unter den Tisch gefallen sein.

Vielleicht lässt sich bei der "Ilias" noch über die Identität des Autors streiten, dem Werk allerdings ist erheblicher Realitätsgehalt nicht abzusprechen. Der "Gallische Krieg" gilt nicht als von Cäsar erfunden, aber durchaus als ein wesentliches Stück lateinischer Literatur. Wie ist die "Italienische Reise" von Goethe literarisch einzuordnen und wie die "Reisebilder" von Heine?

Borges hat sehr viel später noch die "lateinamerikanische Phantastik" mit erfunden, in der er zwar real existierende Personen benennt und zitiert, andererseits nichtwirkliche Elemente als Realität behandelt. Irgendwann hat sich dann schließlich Truman Capote in aller Bescheidenheit als alleiniger und eigentlicher Erfinder der Gattung geoutet.

Kritische Gedanken zu Afghanistan?

Ob das vorliegende Buch dazugehört, fragt sich allerdings. Schon der Titel "Auch Deutsche unter den Opfern" könnte vermuten lassen, dass es sich hier nur um längst fällige kritische Gedanken zur militärischen (Afghanistan) und medizinischen (Gesundheitsreform) Lage der Nation handelte. Man würde aber dem Autor unrecht tun, wenn man ihm unterstellte, den Leser nicht bewusst in die Irre zu führen. Er weiß schon, was er gemeint hat, auch wenn er es nicht gleich sagt.

Der Autor beschreibt, was ist. Er schreibt Szenen, Momentaufnahmen, szenische Ausschnitte. Von diesen Ausschnitten kann der Leser auf das Ganze schließen oder auch nicht. Im ersten Fall amüsiert er sich, im zweiten denkt er darüber nach, worüber er sich amüsiert hat und was das Ganze sein könnte.

Dieses Ganze kann sowohl inhaltlicher Art sein als auch stilistischer. Ich habe immer vermutet, dass die Wahrheit eher im Stil des Gesagten oder Geschriebenen liegt als in dessen Inhalt. Mit einfacheren Worten gesagt: Auf das Wie kommt es an. Diese Ansicht ist in unserem Land nach wie vor nicht populär, weil undeutsch. Umso erfreulicher ist es, in diesem Buch das wiederzufinden, was bei der Lektüre von Alfred Kerr, Karl Kraus, Kurt Tucholsky und anderen genuin deutschen Literaten so beeindruckt und gutgetan hat: die Vermeidung von Pathos, dieses Fast Foods fürs Gemüt, keine Spur ist hier zu finden von feierlicher Ergriffenheit und leidenschaftlich-bewegtem Ausdruck.

Beherrschung der Sprache

Die Beherrschung der Sprache, ohne sie zu vergewaltigen, sie einem Ziel, aber nicht einem Zweck dienlich zu machen, das ist eben nicht mehr (nur) Journalismus. Nehmen wir einmal an, es handelte sich bei dem vorliegenden Werk nicht um sogenannte Reportagen, sondern um fiktive, mehr oder minder erfundene Geschichten. Man würde sagen ... tja, was würde man wohl sagen?

Soll ich Ihnen was sagen? Etwas, was nur ich weiß? Alles in diesem Buch ist erfunden. Ich bin mit dem Autor sehr gut befreundet. Ich war dabei. Alles ist reine Fiktion. Ein Beispiel: Der Autor wollte eine Szene über eine Diskussion mit einem älteren deutschen Literaturnobelpreisträger schreiben. Er suchte einen Namen für den greisen Dichter. Der Name sollte authentisch wirken. Also nannte er ihn einfach Günter Grass. Genial.

Und so ist es im ganzen Buch: Sollte in der Geschichte ein Schauspieler vorkommen, so hieß dieser einfach Til Schweiger oder Tom Cruise. Wenn es sich um eine deutsche Kanzlerin handelte, dann erfand der Autor für sie den geradezu absurden, aber auf eigentümliche Weise treffenden Namen Angela Merkel. Ganz wunderbare, griffige, bildhafte Namen tragen die Figuren dieser Geschichten: Sänger heißen Lindenberg, Friseure Walz und Minister Steinmeier oder gar Westerwelle. Allein die Namensgebung ist ein onomatopoetisches Meisterwerk.

Über die sozioklimatischen Bedingungen, unter denen Humor und Ironie in der literarischen Reportage gedeihen, will ich mich hier nicht näher auslassen, obwohl sie zu meinen Lieblingsthemen gehören. Da ich stundenlang darüber reden könnte, tue ich es nicht. Ich lese lieber ein Buch wie dieses.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern. Kiepenheuer & Witsch, 226 Seiten, 14,95 Euro