Zwei Versionen von "wulffen" sind bisher bekannt: Eine beschreibt in Anlehnung an den Anruf bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann das Vollschimpfen der Mailbox, die andere bedeutet, mehr oder weniger elegant an der Wahrheit vorbei zu reden.
Maybrit Illner und ihre Redaktion wollten eine dritte kreieren: "Die verwulffte Republik – wie nah dürfen sich Wirtschaft und Politik kommen?", titelte die Sendung. Der Bundespräsident als Synonym für Vetternwirtschaft und politische Korruption? Wohl kaum.
Wer lud zur Party ein?
Etwa sechs Wochen ist es her, dass die Affäre um Christian Wulff mit den Enthüllungen zu seinem Kredit begann. Allerhand wurde seither zu Tage gefördert, inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Wulffs ehemaligen Sprecher Olaf Glaeseker wegen des Verdachts der Bestechlichkeit.
Glaeseker soll zusammen mit dem Eventmanager Manfred Schmidt den sogenannten "Nord-Süd-Dialog" organisiert haben: Während Schmidt die 900-Gäste-Party auf dem Flughafen Hannover finanzierte, luden Glaeseker und die Niedersächsische Staatskanzlei wohl prominente Gäste und Sponsoren ein. Pikant:Wulff selbst hatte seinerzeit eine Erklärung unterzeichnet, die die Nicht-Beteiligung seiner Kanzlei am Dialog behauptet.
Eingeladen haben sollen Wulffs Mitarbeiter ebenso bei einer Party, die Schmidt zur Wahl des Bundespräsidenten schmiss. An beiden Veranstaltungen könnte Schmidt verdient haben. "Wo liegen die Grenzen bei der notwendigen Kontaktpflege zwischen Politik und Wirtschaft?", wollte Maybrit Illner dazu wissen.
Schnell wurde klar, die beiden Veranstaltungen haben vor allem deshalb Brisanz, weil Wulff nun Bundespräsident ist. Das sah auch Oskar Lafontaine so: "Edel und gut" müsse ein Bundespräsident sein, Wulffs Nähe zur Wirtschaft sei dafür doch "leicht übertrieben". Das war kaum ein Angriff, wie man ihn von Lafontaine hätte erwarten können, der sich nach der Auflösung des Saarländischen Landtags mitten im Wahlkampf befindet.
"Big Business" sieht anders aus
In dieses Bild passte, dass der wohl spannendste Gast des Abends über die Vorwürfe an Wulff und dessen Sprecher nur müde lächeln konnte. "Kein seriöser Lobbyist würde solch ein Event heute noch machen", urteilte der als Politikberater und freiberuflicher Lobbyist vorgestellte Karl Jurka mit Blick auf den Nord-Süd-Dialog.
Diese Veranstaltung sei doch eher "provinziell", so Jurka, der laut eigener Aussage 650 Euro pro Stunde damit verdient, bei Politikern für die Interessen seiner Klienten einzutreten. "Lobbyismus ist ein professioneller Vorgang, und der, der mehr Geld hat, kann sich mehr kaufen", sagte Jurka – "Big Business" sieht anders aus, war die Botschaft.
Zum großen Geschäft fand Illners Sendung leider erst spät und dann nur auf Nebenschauplätzen: Mövenpick habe sich ein Gesetz gekauft, behauptete Lafontaine und spielte damit auf die Steuererleichterung für Hoteliers an, welche die FDP zu Beginn der Legislatur von Schwarz-Gelb verabschiedet hatte. Keine weiteren Kommentare.
Erst gegen Ende der Sendung führte die Redaktion von Illner selbst mit einem Einspieler zwei weitere Fälle ein, die man hätte tiefer diskutieren können. Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der "Genosse der Bosse" (Illner), war einer davon. ARD-Journalist Christoph Lütgert erinnerte daran, dass der Unternehmer Carsten Maschmeyer einst Schröders Kanzlerkandidatur förderte und 650.000 Euro in eine Anzeigenkampagne investierte.
Beziehung zwischen Merkel und Ackermann
Unter Schröders Regierung kam dann die private Rentenversicherung, von deren Einführung Maschmeyers Finanzdienstleister AWD stark profitiert hätte. Er müsse allerdings vorsichtig sein mit seinen Äußerungen, so Lütgert, Schröder habe "gute Anwälte". Lobbyist Jurka tat all das als "Verschwörungstheorie" ab, soviel Einfluss hätten Lobbyisten dann doch nicht. Genau hier wäre es interessant geworden.
Ein anderer Fall: Die Beziehung zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann. Merkel hatte Ackermann zu dessen 60. Geburtstag eine Party im Kanzleramt organisiert, die schon damals auf einige Kritik traf. "Ackermann ist der erfolgreichste Lobbyist der letzten Zeit", wetterte Lafontaine, die Einladung ins Kanzleramt sei für ihn geradezu ein "Zeichen der Transparenz" gewesen. "Niemand hat die Politik mehr bestimmt als Ackermann."
Diese kurz abgehandelten Fälle illustrierten die Sackgasse, in die sich Illner mit ihrem Titel manövriert hatte: Die Causa Wulff gewinnt ihre Brisanz durch das Amt des Bundespräsidenten, und nicht, weil der Verdacht besteht, da habe jemand Politik für einige wenige gemacht.
Auch wenn das in den Fällen Mövenpick, Maschmeyer und Ackermann ebenso wenig stimmen mag – die Affäre um Wulff und Glaeseker hat doch ein deutlich anderes Niveau: "Wir diskutieren jetzt im Landtag darüber, wie viele Papierservietten gesponsert wurden. Bisher habe ich nicht einen Punkt gefunden, der handfest ist", urteilte Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring (CDU).
Illustre Reihe von Halbwahrheiten
Einen äußerst vehementen Verteidigter hatte Wulff in dem Drogerieunternehmer Dirk Roßmann: "Wenn man einen Menschen niedermacht für etwas, dass er überhaupt nicht gemacht hat, ist das eine Sauerei!" Roßmann vermutete eine "Kampagne" einiger Medien, die lieber Joachim Gauck als Bundespräsidenten gesehen hätten: "Da war eine Intention da, dem Wulff was ans Zeug zu flicken!"
Roßmann ereiferte sich derart, dass Illner entschied, vom Tisch zu gehen und dem Stern-Journalisten und Wulff-Ermittler Hans-Martin Tillack die Chance zu geben, auf die Medienschelte zu reagieren. "Wir haben seit 13. Dezember Tausende von Zeilen veröffentlich – uns hat bisher keiner einen Fehler nachgewiesen", sagte Tillack.
Ganz anders Wulff: Die Reihe der Halbwahrheiten setze sich fort, Wulff selbst habe entgegen seiner Aussage sehr wohl Sponsoren für den Nord-Süd-Dialog geworben. "Die Glaubwürdigkeit ist das Problem von Wulff, nicht von den Medien."
Wohlgemerkt, die Glaubwürdigkeit. Von Steuererleichterungen für Partyveranstalter oder Ähnlichem war keine Rede. Das Verhältnis von Politik und Wirtschaft mag zu eng sein in Deutschland, oder auch nicht – nach Illners Sendung wissen wir darüber kaum mehr. Nur so viel: "Verwulfft" ist die Republik in diesem Sinne nicht.
![Maybrit Illner moderiert zum 500. Mal ihre ZDF-Talkshow am Donnerstag (17.11.2011) in Berlin. Seit dem 14. Oktober 1999 ist Illner wŲchentlich mit ihrer Talkshow zu sehen. Foto: JŲrg Carstensen dpa/lbn [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ] Maybrit Illner moderiert zum 500. Mal ihre ZDF-Talkshow am Donnerstag (17.11.2011) in Berlin. Seit dem 14. Oktober 1999 ist Illner wŲchentlich mit ihrer Talkshow zu sehen. Foto: JŲrg Carstensen dpa/lbn [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]](https://img.sparknews.funkemedien.de/105908878/105908878_1423549209_v16_9_1200.jpeg)



