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Fühlst du dich unverstanden, Helge Schneider?

Helge Schneider hat den Karl-Valentin-Preis verliehen bekommen, die Laudatio hält Alexander Kluge. Inzwischen gilt der Mann aus Mülheim an der Ruhr als Deutschlands größter Komiker. Ein Gespräch.

Foto: dapd

Helge Schneiders Tournee, die im Februar beginnt, soll zunächst einmal die letzte sein. Gerüchte, er habe ein Burnout-Syndrom, dementiert er aber. Helge Schneider (56) kommt frisch aus dem Urlaub, doch erholt wirkt er nicht. Sich mit ihm zu siezen ist schier unmöglich.

Morgenpost Online: Du hast gesagt, dass die kommende Tournee zunächst deine letzte sein wird. Was willst du denn stattdessen machen?

Helge Schneider: Zuerst mal will ich wieder einen Film drehen. Eine Art Western, aber mit Kommissar 00 Schneider in der Hauptrolle, das kommt rund 20 Jahre nach Texas und 00 Schneider gerade richtig.

Morgenpost Online: Arbeitet Ihr tatsächlich dann die Dialoge aus?

Helge Schneider: Nee, gar nicht. Nur so drei vielleicht. Erst mal machen wir ne Rahmenhandlung. Grob. Was könnte das sein?

Morgenpost Online: Das fragst Du mich?

Helge Schneider: Beim „Tatort“ ist die Rahmenhandlung, einer wird umgebracht und ein anderer hat das gesehen, und der sagt aber nichts. Dann kommen die Kommissare und finden die Leiche, und der Rest ergibt sich dann. Oder auch nicht.

Morgenpost Online: So in etwa ist euer erster Drehbuchentwurf?

Helge Schneider: Ja.

Morgenpost Online: Und wo entsteht dann die Komik?

Helge Schneider: Du kannst Komik eigentlich nicht beschreiben. Deshalb kann ein Drehbuch, was ich schreibe, nicht so lang sein. Daher treten dann Schwierigkeiten auf, so einen Film zu finanzieren. Mit Förderungen, zum Beispiel.

Morgenpost Online: Es ist schwer, Leute davon zu überzeugen?

Helge Schneider: Ja. Wenn man ein Drehbuch hat, das nur zehn Seiten lang ist, dann sagen sich die Leute, die da Geld reinstecken sollen, Land Nordrhein-Westfalen oder Filmförderung: „Nee, das muss er mal ausführlicher machen.“ Oder vom WDR: „Ja, das sagt uns jetzt nichts. Da muss der Herr Schneider noch mal deutlicher werden und die Pointe auch aufschreiben.“ Das ist, wenn die Leute keine Fantasie haben.

Morgenpost Online: Auch wenn Du zu denen kommst?

Helge Schneider: Ich hab schon die dollsten Sachen erlebt, wenn wir unsere Filme etwa an die FSK geschickt haben, die diese Prädikate vergeben.

Morgenpost Online: "Besonders wertvoll“ zum Beispiel.

Helge Schneider: Genau. Bei „Jazzclub“ etwa, wo Musik live gespielt und ohne Playback gearbeitet wurde, da hatte ich mir erhofft, dass die das berücksichtigen. Aber da kam dann nur zurück, der Herr Schneider stellt sich ja nur selbst dar. Welcher Komiker macht das nicht?

Morgenpost Online: Du fühlst dich unverstanden manchmal?

Helge Schneider: Nee. Ich dreh ja so einen Film für mich und für die Leute, die den gerne sehen, nicht um die Goldene Palme zu gewinnen. Es ist nur auffällig, wenn eine besondere Qualität überhaupt nicht erkannt wird. Wenn dann so ein ablehnendes Schreiben kommt bei so einem tollen Film wie „Jazzclub“, was einer der besten Filme der letzten neun Jahre ist.

Morgenpost Online: Ich muss gestehen, dass ich „Jazzclub“ nicht gesehen habe.

Helge Schneider: Du musst ihn sehen! Der hat zwar eine bestimmte Tristesse, aber da sind unheimlich lustige Sachen bei. Das ist genau wie bei meinen Büchern. Es gibt Leute, die schreiben da in den höchsten Tönen drüber, was ich schon übertrieben finde manchmal, und es gibt Leute, die wollen das nicht verstehen. Wie damals Reich-Ranicki, der das Buch nicht gelesen hat, „Zieh dich aus, du alte Hippe“.

Morgenpost Online: Du warst damals bei „Gottschalks Hausparty“ mit ihm.

Helge Schneider: Ja. Das war mein erster Kriminalroman, und der ist eigentlich nicht so schlecht. Der nimmt die Versuche anderer Autoren auf die Schippe, was besonders Spannendes herzustellen, was aber nie gelingt, weil es immer spießig und platt ist. Oder oft. Und selbst der damals! Der müsste sich ja eigentlich fair um Literatur bemühen. Aber wenn du so bist wie ich, dann bekommst du von solchen Leuten nur Gegenwind. Aber das macht ja nichts.

Morgenpost Online: Du bekommst doch Anerkennung. Jetzt den Karl-Valentin-Preis, die Laudatio hält Alexander Kluge. Komiker verehren dich auch.

Helge Schneider: Was ich eigentlich öfter erfahre als Zuspruch für meine Comedy ist Beifall für den philosophischen Aspekt dahinter. Das ist dann aber Zufall. Ich bin eigentlich ein Zufallsgenerator, das heißt, ich mache irgendwas, wo ich selber nachher so ein Aha-Erlebnis habe, wenn einer mich darüber aufklärt, was ich eigentlich aussagen wollte.

Morgenpost Online: Dass solche Dinge so intellektuell interpretiert werden, ist dann schon seltsam.

Helge Schneider: Ja. Das war aber immer schon so. Die Intellektuellen habe auch Boxen ganz intelligent umschrieben. Warum man boxt, und wer boxt und wie die boxen und so. Zum Beispiel Mohammed Ali: Egal, was der gemacht hat, da wurde unheimlich viel reininterpretiert. Das ist ja ein großer Philosoph, ein Kämpfer für die Rechte der Armen. Und der brauchte nur einen Satz zu sagen, den man erst einmal gar nicht versteht, und trotzdem konnte man da etwas hineininterpretieren, was ein bisschen weiter geht.

Morgenpost Online: Bewunderung ist das. Die Leute sagen sich: Wir sind so verkopft, wir können so etwas gar nicht mehr, aber da ist jemand, der kann diese analytische Herangehensweise von sich wegschieben kann.

Helge Schneider: Ich war aber auch immer einer, der alles, was in der Öffentlichkeit als besonders gut angesehen war, was mit viel Respekt und Ehrfurcht behandelt wurde, auch bis zur Kirche – ich war immer jemand, der all das geerdet hat, der immer gesagt hat: Ja, der liebe Gott zum Beispiel, der ist nicht im Himmel, der läuft hier rum. Ich war jemand, der sich nicht hat erschrecken lassen, vom Gymnasiumsdirektor zum Beispiel auch.

Morgenpost Online: Ist es für dich besonders reizvoll, gerade an die heiligen Kühe zu gehen? Dem Papst zum Beispiel zu sagen, im Grunde bist du ja doch ein alter Mann.

Helge Schneider: Soweit gehe ich gar nicht. Ich sag nur, der Papst ist auch ein Mensch, der war auch ein Kind, wir sind alle so geboren und kommen alle aus Familien. Und für mich ist der Papst deshalb keine Respektsperson.

Morgenpost Online: Tatsächlich nicht?

Helge Schneider: Nee. Überhaupt nicht. Ich kenn ihn nicht, aber ich würde mich mit ihm genauso unterhalten wie mit dir. Ich bin nicht der Typ, der sagen würde: „Oh, Papst, ich bin eine kleine Wurst und lege mein Schicksal in deine Hände.“ Ich lehne auch Sachen ab, die in solche Richtungen gehen. Ich bin ein normaler Mensch, und das ist, was bei meiner Arbeit immer durchscheint, was man nicht erklären muss. Deshalb habe ich auch viele Fans, die sich so wieder erkennen wollen. Im Umgang mit der Arbeit zum Beispiel.

Morgenpost Online: Und mit den Chefs.

Helge Schneider: Mit der Arbeitswelt eben, für die ich auch Verständnis habe. Ich hab ja selbst gearbeitet und arbeite immer noch. Ich hab Verständnis für Leute, die sagen: „Ich hab keine Lust zu arbeiten.“ Aber ich habe kein Verständnis für Leute, die deshalb zu weit gehen, die, weil sie zu faul sind, versuchen, ohne Arbeit Geld zu verdienen, indem sie einfach nur Geld vermehren. Ich habe ein Herz für den Handwerker, der kann ruhig mal sagen; „Boah, ich bleib heut Zuhause.“

Morgenpost Online: Und gerade der kann es nicht.

Helge Schneider: Genau. Ich hab die Freiheit, und deshalb hab ich auch ein Herz dafür. Ich sehe mich eigentlich auch als Handwerker.

Morgenpost Online: Die meisten Menschen müssen Kompromisse machen. Die müssen sagen: „Ach, da kommt wieder mein blöder Chef an, jetzt muss ich katzbuckeln vor dem.“

Helge Schneider: Das stimmt. Ich hab das Glück, das ich das nicht muss. Ich finde es aber nicht verwerflich, wenn jemand, um seine Familie durchzubringen, zum Amt geht und da mal katzbuckelt. Das ist durchaus legitim, das macht man dann. Ich finde nur verwerflich, dass Leute dazu gezwungen werden. Wenn die Gesellschaft diese Leute zwingt.

Morgenpost Online: Gesellschaft, wer ist denn das? Es sind doch immer einzelne.

Helge Schneider: Nein, nein, es ist schon Gesellschaft. Zum Beispiel „Geiz ist geil“. Die Tendenz ist da: Sparen, sparen, wenig zahlen. Immer! Egal, was es wirklich gekostet hat, versucht man einfach, weniger dafür zu geben. Sonderangebot – man versteht das, aber muss das sein, das die Leute nur noch danach gehen, was billig ist?

Morgenpost Online: Die meisten machen Kompromisse, dabei müssten sie aber wie du eigentlich wahnsinnig konsequent sein.

Helge Schneider: Ich habe nie wahnsinnig konsequent mein Ding gemacht. Für mich war das immer Spielerei. Vielleicht krieg ich auch wieder Spaß daran, als Gärtner zu arbeiten. Wenn ich davon meine Familie ernähren könnte, wäre ich zufrieden.

Morgenpost Online: Das wird schwer heute.

Helge Schneider: Da kann man nur sagen, Hut ab, wenn jemand eine Handwerkslehre macht, und sich in jungen Jahren schon vorgestellt hat, „Ich möchte Schuster werden“. Und wenn er dabei kreativ ist natürlich und nicht nur Plastiksohlen anbringt, sondern richtig Schuhe herstellt.

Morgenpost Online: Das ist jetzt aber ein bisschen Sozialkitsch! Auch unter Handwerkern gibt es schlechte Menschen.

Helge Schneider: Mit Handwerker meinte ich auch Menschen, die in unserer Gesellschaft einen Beruf ausüben, die das für andere Menschen machen, die sich darüber freuen und dafür bezahlen.

Morgenpost Online: Hm.

Helge Schneider: Früher hat man immer gesagt: Du musst einen ordentlichen Beruf erlernen. Aber wer kümmert sich denn heute noch darum, dass Jugendliche einen Beruf finden? Da kommen wir wieder zurück auf „Geiz ist geil“: Wenig Geld ausgeben, viel verdienen und dafür wenig machen. Das meine ich damit, wenn ich sage ich habe den Hut ab vor Handwerkern. Damit ist nicht nur der gemeint, der mit Hammer und Nägel arbeitet, das kann ein Sozialarbeiter sein oder ein Pfarrer. Schlimm sind wirklich Leute wie Monsanto.

Morgenpost Online: Die Hersteller von Genmais?

Helge Schneider: Das ist kriminell. Dass ganze Völker ausgelöscht werden, weil manche Leute ihr Monopol durchsetzen. Schlimm ist auch der Voyeurismus im Fernsehen. Angefangen mit „Deutschland sucht den Superstar“ über Dschungelcamp und Frauentausch.

Morgenpost Online: Dschungelcamp ist doch eigentlich ein harmloser Spaß. DSDS ist böse, okay. Oder Heidi Klum, die den Mädchen sagt, sie dürfen nicht mehr essen.

Helge Schneider: Das finde ich eigentlich auch nicht so schlimm. Schlimm sind die Formate, in denen Leute, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, ihre Haut zu Markte tragen und dadurch einen Effekt schaffen, dass viele andere denken: Mensch, ich bin doch auch so bemitleidenswert, ich könnte da auch mitmachen. Ich lass mich auch von denen operieren, da krieg ich 3000 Mark. „Extrem schön“ ist so eine Sendung.

Morgenpost Online: Warum macht jemand bei so etwas mit?

Helge Schneider: Manche machen wahrscheinlich auch nicht mehr gerne mit, haben aber einen Vertrag unterschrieben. Ich hab ja sowieso eine Aversion gegen Fernsehen. Ich trete nicht oft im Fernsehen auf. Es kommt auch auf die Sendung an.