Puppenspieler

René Marik entführt den Kasper nach Afghanistan

Im Admiralspalast kaspert sich Puppenspieler René Marik durch sein Bühneprogramm und versucht vergeblich, unpolitisch zu sein. Dabei findet beim "KasperPop" nicht nur ein sprachgestörter Maulwurf seinen Seelenfrieden.

Foto: Serious Fun/Quatsch Comedy Club

Der Maulwurf friert. Er gräbt sich durch die Erde nach Afghanistan, wo er behaglich in der Sonne steht, das Kofferradio aufdreht und sich ein Getränk genehmigt. Nie hat man ihn glücklicher gesehen, diesen kleinen Maulwurf, in dem René Mariks rechte Hand steckt: Seh- und sprachgestört geht er am Stock durchs Leben, unverstanden und verhängnisvoll verliebt in seine Barbie.

In Afghanistan findet er seinen Seelenfrieden. Bis die Talibanraketen ihm das Schirmchen aus dem Cocktail sprengen. Er verwandelt sich in einen pelzigen Rambo, greift zur Waffe und verteidigt seine Freiheit und die aller deutschen Handpuppen am Hindukusch beim „KasperPop“ von René Marik.

Das ist keine Kleinkunst mehr, auch wenn es immer noch so aussieht: Auf der Bühne steht der schwarze Paravent des Puppenspielers. An der Heimorgel sitzt ein Begleiter in zu enger Discokleidung. Marik selbst tritt auf als „Don Mercedes Moped“ mit zurückgeschmiertem Haar.

Er kaspert sich durch sein Programm, als stünde er noch immer in der Bar Jeder Vernunft und nicht am ersten von drei Abenden im ausverkauften Admiralspalast. Es fing an, wie es meistens heute anfängt: Sein bedauernswerter Maulwurf tauchte auf bei YouTube, und drei Jahre später wühlte er sich bereits durch die Mehrzweckhallen und durch RTL. Die letzte Tour hieß „Autschn!“, Marik hatte sein Geschöpf den Freitod wählen lassen, auf der Autobahn.

Jetzt ist der Maulwurf wieder da, in allen Reinkarnationen: Von der liebeswunden Kreatur bis zum verzagten „Supermaulwurfn“. Sein Puppenspieler weist alles Politische weit von sich. René Marik singt ein Lied als René Marik zur Gitarre über Katastrophen und die Krise.

Dann erklärt er, kein Kabarettist zu sein, was er mit einem schlechten Merkelwitz beweist. Dafür hat er seine Figuren: Falkenhorst, einen blasierten Frosch. Den Eisbären Kalle als Berliner Eingeborenen. Den Glatzenkasper, der die Welt verachtet und die Menschen; der den Gästen im Foyer in einer „Hassbox“ zur Verfügung steht, um ihrem Ärger Luft zu machen und sich für ein Bühnenvideo verewigen zu lassen. Es gibt auch zwei politikverdrossene Putzlappen. Der eine sagt: „Ach, die Parteien sind ja heutzutage alle gleich.“ „Wem sagen Sie das?“, fragt der andere. „Weiß nicht“, sagt er erste.

René Marik hat an der Ernst-Busch-Hochschule Puppenspiel studiert und mit dem Schauspieler und Sänger Rainald Grebe in einer WG gewohnt. Die Vorgeschichte spielt im Friedrichshain der frühen Neunziger, in Punkbands und besetzten Häusern.

Marik trägt das A des Anarchisten auf dem Unterarm, da wo der Maulwurf aufhört. Er lässt seinen Glatzenkasper durch die Medienlandschaft geistern, als Börsianer und als Bösewicht mit Kühlturm des Atomkraftwerks. Die Putzlappen versuchen zu ergründen, wer Faschist sein darf. Aber die Leute im Gestühl lachen nicht auf im Einverständnis, niemand nickt. Man juchzt und kichert, weil die Puppen lustig sind und lebensnah.

Die Politik greift ins Private ein wie lange nicht, und deshalb hat das Kabarett dazu nichts mehr zu sagen. Durch die Hintertür der Comedy treten wieder die Puppenspieler. Manche reden mit den Bäuchen, andere bewegen Ungeheuer. René Marik bringt es als soziale Übung auf die Bühne. „Seid ihr alle da?“ – „Jaaaaa!“ Das gute alte Ideal der Partizipation, der Teilhabe. Der Maulwurf ist der Held. Nicht der sich jedem überlegen fühlende Frosch, auch nicht der pampige Eisbär, und erst recht nicht schwadronierende Lappen und ein Kasper, der den Menschen grundsätzlich für schlecht hält.

Alle seufzen, wenn der Maulwurf scheitert. Er versagt als Zauberlehrling und als blinder Minnesänger. Er versteht E.T. nicht, und den Papst hält er für Rotkäppchen. Am Schluss stirbt er an Durst und Hunger – nur aus Höflichkeit, weil eine Winkekatze ihm so ausdauernd und freundlich zuwinkt. „KasperPop“ regt die Erwachsenen wieder zur Empathie an. „Die ganze Welt ist ein Themenpark, der an unseren Seelen nagt“, singt René Marik.