Filmprojekte

Warum Daniel Brühl nicht heulen will

Im Ausland dreht Daniel Brühl gerade einen Film nach dem anderen und steht kurz vor seinem Hollywood-Einstand. Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über Misserfolge, die Herausforderung, einen Helden zu spielen und seine Rückkehr zum deutschen Film.

Foto: dpa / dpa/DPA

Seit einem Jahr hat Daniel Brühl nicht mehr in Deutschland gedreht. Aber er ist aktiver denn je. In Frankreich und Spanien hat er fünf Filme in Folge gedreht. Und jetzt steht sein Hollywood-Einstand bevor. Kommt der in Barcelona geborene, aber in Köln aufgewachsene Schauspieler dem deutschen Kino abhanden? Darüber hat Morgenpost Online mit dem Schauspieler gesprochen. Und dafür genau den richtigen Termin gewählt. Just am Tag des Gesprächs wurde Brühl für den Science-fiction-Film „Eva“ für einen Goya, Spaniens Oscar, nominiert.

Morgenpost Online: Erst mal herzlichen Glückwunsch zur Nominierung.

Daniel Brühl: Vielen Dank. Ich werde den Goya nicht kriegen, schließlich ist Antonio Banderas für den Almodovar-Film nominiert. Aber ich bin trotzdem sehr stolz darauf. Zumal ich nun schon zum zweiten Mal für einen Goya nominiert wurde.

Morgenpost Online: Gehen Sie dem deutschen Kino gerade verloren?

Brühl: Sagen wir: Es ist einfach so, dass mich das Kino in gewissen Ländern derzeit mehr interessiert. Seit dem Erfolg von „Keinohrhasen“ dreht man in Deutschland gerade wieder ganz viele Komödien. Daran sind viele Kollegen, die ich sehr schätze, beteiligt, und ich freue mich über den Erfolg des deutschen Kinos. Aber auf den Zug mag ich nicht aufspringen, in dieser Ecke sehe ich mich nicht mehr so. Und wirklich schade und bedenklich finde ich, dass alles andere immer schwieriger wird. Das führte vor zwei, drei Jahren zu einer echten Frustration bei mir, ich dachte, hier ist kein Platz für dich. Aber man darf nicht immer rumlamentieren, man muss dann halt selbst aktiv werden. Und mein Schritt war eben, versuch's woanders.

Morgenpost Online: Am Donnerstag startet der spanische Horrorfilm „Intruders“, da spielen Sie eine vergleichsweise kleine Rolle. Sie lassen sich zu so etwas herab?

Brühl: Ach, ich mochte einfach das Experiment. Ich mag Horror und Psychothriller. Und Genrekino ist etwas, was dem deutschen Film wirklich fehlt.

Morgenpost Online: Am 5. April folgt der französische Film „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ Und dann haben Sie noch drei weitere spanische Filme gedreht.

Brühl: Und das Spannende war, dass das noch mal ein völliger Neubeginn ist. In Spanien musste ich mich ja erst etablieren, musste klarmachen, dass ich auch als Spanier durchgehe und die Sprache beherrsche. Deshalb freut mich so eine Goya-Nominierung extrem, weil mich das dort weiter festigt. Je weiter der Rahmen gesteckt ist, desto besser für mich; gerade in Zeiten, wo es immer weniger gute Filme gibt.

Morgenpost Online: Arbeiten Sie auch deshalb gern im Ausland, weil Sie da nicht so festgelegt sind? Bei allem Erfolg von „Good Bye, Lenin!“ wurden Sie im deutschen Film danach auf den lieben Sohn reduziert.

Brühl: Leider wahr. In Spanien sind die Leute wirklich nicht so voreingenommen. Ich bin echt stolz auf „Lenin!“ Die Erfolgswelle nimmt man ja gerne mit, auch im Ausland. Aber ich habe halt auch „Das weiße Rauschen“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“ gemacht. Manchmal beschleicht einen dann schon so ein Gefühl, dass man in eine Schublade gepresst wird. Irgendwann will man einfach nicht mehr mit saurer Gurke begrüßt oder vor einem Trabi fotografiert werden. Ich gebe mir wirklich Mühe, Filme zu machen, die etwas transportieren, die nicht extrem blöde sind, das muss man doch auch mal honorieren. Aber da gab es eine Phase, da hat man sich richtig auf mich eingeschossen, wenn ein Film nicht gleich ein Kassenhit war.

Morgenpost Online: Muss Daniel Brühl im deutschen Kino immer Erfolg garantieren? „Der ganz große Traum“ und „Die kommenden Tage“ sind ja nicht so gelaufen wie erhofft…

Brühl: Genau. Ich bin aber nicht einer, der sich dann in die Ecke stellt und heult. Ich habe daraus Konsequenzen gezogen. Und will auch weiter gezielt im Ausland arbeiten. Ich habe auch gelernt, jetzt im Alter, dass es gut ist, zu entspannen und darauf zu bauen, dass gute Dinge geschehen.

Morgenpost Online: Aus Deutschland kommen keine Angebote?

Brühl: Im letzten Jahr kam mal über sechs Monate tatsächlich gar nichts. Also nichts, was für mich in Frage gekommen wäre. Ich bin ja schon Deutscher, ich will hier auch arbeiten. Aber ich muss nicht mehr alles machen. Vor ein paar Jahren wäre ich noch durchgedreht. Da musste ich immer weiter arbeiten, um beschäftigt zu sein. Kollegen haben mich beruhigt, dass es immer mal Löcher gibt. Aber ich hatte da so eine nervöse Art und dachte jedes Mal, jetzt ist es vorbei. Jetzt habe ich mal eine Weile gar nichts gemacht. Und eine Woche später kam ein Anruf aus London.

Morgenpost Online: Und Sie hatten Ihr erstes Hollywood-Engagement. In Ron Howards „Rush“.

Brühl: Ich hätte mir echt in den Arsch gebissen, wenn ich bei irgendetwas anderem halbherzig zugesagt hätte und dann nicht frei gewesen wäre. Das ist mir auch eine Lehre. Dass es manchmal vielleicht besser ist, einfach mal nichts zu tun. Ich habe – aus Angst, nichts zu tun zu haben – genug Filme gemacht habe, die ich im Nachhinein vielleicht besser nicht gemacht hätte.

Morgenpost Online: Und jetzt spielen Sie Niki Lauda in einem Formel-1-Blockbuster.

Brühl: Und ich musste echt lachen, als die Anfrage kam. Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Und als ich dann doch zum Casting nach London flog, schlug mir aus der Hotelsuite so eine Oscar-Schwade entgegen. Ron Howard mit seinem Basecap, der Drehbuchautor Peter Morgan, der tolle Kameramann von „Slumdog Millionär“. Da brauchte ich erst mal ein, zwei Earl Greys, um mich zu beruhigen.

Morgenpost Online: Nicht zu vergessen die Herausforderung, eine lebende Legende zu spielen.

Brühl: Wobei ich mit Niki Lauda echt Glück habe. Bei unserem ersten Treffen in Wien meinte er noch, nimm erst mal nur Handgepäck mit, für den Fall, dass das gar nicht klappt zwischen uns. Aber ich blieb ein, zwei Nächte. Und dann sagte er, wenn du Lust hast, mit mir zum Grand Prix nach Brasilien zu fliegen – er flog! –, dann gib bescheid. Und da bin ich natürlich mit.

Morgenpost Online: Danach arbeiten Sie dann doch mal wieder bei uns: Zehn Jahre nach „Good Bye, Lenin!“ drehen Sie wieder mit Wolfgang Becker: „Ich und Kaminski“. Es ist nach „Lenin!“ überhaupt Beckers erster Film.

Brühl: Ja, Wolfgang hat ein etwas barockes Tempo. Dabei habe ich ihn immer getrieben. Aber die Vorstellung, wieder zusammen zu arbeiten, ist einfach großartig. Und das Schöne ist, dass meine Rolle in „Kaminski“ wirklich gar nichts mit der aus „Lenin!“ zu tun hat. Sie ist das genaue Gegenteil. Danach wird garantiert keiner mehr wie bisher sagen: Sie waren aber ein netter Kerl. Wolfgang ist über die Jahre wirklich ein ganz enger Freund geworden

Morgenpost Online: Auch wenn Sie damals während der Dreharbeiten so viel Stress miteinander hatten?

Brühl: „Lenin!“ war alles andere als ein Spaziergang. Wenn Wolfgang nicht so viel größer wäre, hätte ich ihn oft am liebsten an die Wand geklatscht. Auch bei „Kaminski“ werden wieder die Fetzen fliegen. Aber das ist eines der wenigen Projekte, da hätte kommen können, was wolle: Für Wolfgang hätte ich sogar „Rush“ sausen lassen.

Morgenpost Online: Im Februar feiert Ihre Tapas-Bar in Kreuzberg Einjähriges. Ist das auch eine Möglichkeit, Löcher zu füllen, wenn mal keine Angebote kommen?

Brühl: Absolut. Die Gastronomie erfüllt mich sehr. Es ist ein schöner Ausgleich. Ich überlege schon, ob ich jetzt nicht in Barcelona eine Bar Kreuzberg aufmachen soll.