Berliner Kulturstaatssekretär

André Schmitz' Droge ist Max Raabe

Die Berliner Kultur wird in den nächsten fünf Jahren wieder von André Schmitz politisch begleitet. Morgenpost Online sprach mit dem alten und neuen Kulturstaatssekretär über die Berliner Clubszene, seinen Musikgeschmack und den Bibliotheksneubau.

Foto: Amin Akhtar

Er macht’s noch einmal: Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) kümmert sich auch in den nächsten fünf Jahren um die Kultur. Das weiß er erst seit wenigen Tagen, nachdem er bei seinem Chef Klaus Wowereit nachgefragt hat. Der Regierende Bürgermeister ist formal in dieser Legislaturperiode für Kultur zuständig, weil es in Berlin keinen eigenständigen Senator dafür gibt. Über die kulturpolitischen Vorhaben der neuen rot-schwarzen Regierung sprach Stefan Kirschner mit André Schmitz.

Morgenpost Online: Herr Schmitz, Ihr Koalitionspartner will die Clubkultur stärken. Ziehen Sie jetzt gemeinsam mit Michael Braun, dem früheren kulturpolitischen Sprecher der CDU, durch die Clubs, um die Szene kennenzulernen?

André Schmitz: Das würde lustig. Der kann mir bestimmt noch was zeigen.

Morgenpost Online: Welche Locations bevorzugen Sie?

André Schmitz: Ach, wissen Sie, das lasse ich mir lieber von meinen Patenkindern erzählen. Ich suche Clubs eigentlich nicht mehr auf, obwohl ich schon neugierig wäre… Und so eine Erkundungstour mit Michael Braun, der jetzt Justizsenator ist und wahrscheinlich gar keine Zeit hat, da habe ich doch ein bisschen Angst, dass wir beide etwas scheel angeguckt werden, wir sind ja nicht mehr 20 oder 30…

Morgenpost Online: Wo liegen denn die kulturellen Vorlieben des Kulturstaatssekretärs?

André Schmitz: Wie ein guter Papa hat er alle Kinder gleichermaßen lieb. Das Schöne an dem Job ist ja, dass man mit vielen verschiedenen Dingen in Berührung kommt. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich vom Theater und der Oper komme.

Morgenpost Online: Wenn Sie sich zu Hause entspannen wollen, welche CD legen Sie ein?

André Schmitz: Max Raabes „Küssen kann man nicht alleine“. Das ist im Moment meine private Droge, die sich sicher auch in zahlreichen meiner Weihnachtsgeschenkpakete wiederfinden wird.

Morgenpost Online: Ein Geschenk haben Sie ja schon von der CDU bekommen: die Kunsthalle.

André Schmitz: Der Regierende Bürgermeister und ich haben beide erstaunt geschaut, als unser neuer Koalitionspartner mit diesem Projekt kam. Aber wir haben uns natürlich nicht verweigert. Wir stehen dazu, auch wenn der erste Versuch in der vergangenen Legislaturperiode gescheitert ist. Deshalb haben wir uns darüber verständigt, dass wir einen Dialog über die Zukunft der Bildenden Kunst führen wollen. Das ist mir wichtig. Und dann hat der Koalitionspartner gesagt, dass es in der Stadt viele Menschen gibt, die dieses Projekt mit privatem Geld unterstützen wollen. So ist die Kunsthalle in die Koalitionsvereinbarung gekommen. Aber sie steht sicher nicht an erster Stelle der kulturpolitischen Prioritätenliste.

Morgenpost Online: Was steht ganz oben?

André Schmitz: Das Top-Projekt ist sicher der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld.

Morgenpost Online: Auch vom finanziellen Volumen her: 250 bis 270 Millionen Euro sind im Gespräch.

André Schmitz: Natürlich braucht so ein großes Bauprojekt eine seriöse Vorbereitung, aber der erste Spatenstich soll auf jeden Fall noch in dieser Legislaturperiode erfolgen.

Morgenpost Online: Alles andere als ein spektakulärer Architekturentwurf wäre enttäuschend. Die Bibliothek könnte ein neues Wahrzeichen werden.

André Schmitz: Das sehe ich auch so. Wenn die Stadt für so viel Geld baut, dann muss ein anspruchsvoller Bau herauskommen.

Morgenpost Online: Für dieses Großprojekt müssen andere Einrichtungen verzichten: Die Stiftung Stadtmuseum aufs Marinehaus, und das neue Probenzentrum für das Deutsche Theater liegt erst mal auf Eis.

André Schmitz: Beide Projekte sind nur geschoben, nicht gestrichen. Aber darüber würde ich gern nochmal reden …

Morgenpost Online: Mit Michael Müller, dem neuen Stadtentwicklungssenator?

André Schmitz: Ich kenne ihn schon lange, die ganze Familie ist sehr kulturinteressiert. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm bei den vielen Großprojekten.

Morgenpost Online: Und diese Senatsverwaltung brauchen Sie auch bei der angestrebten Sicherung von Orten für die Kunst.

André Schmitz: Ja, vor allem in den Innenstadtbereichen greift ein Verdrängungsmechanismus, der für die Clubs, aber auch für die Kunst- und Theaterszene insgesamt problematisch ist. Das wird eines der großen Themen der nächsten Jahre.

Morgenpost Online: Der Regisseur Sebastian Baumgarten sagt, die Stadt werde für Künstler unattraktiver, viele zögen weg.

André Schmitz: Ich höre immer das Gegenteil. Der Run der Künstler auf Berlin hält an. Das sagt auch der jüngste Kulturklimaindex.

Morgenpost Online: Der Direktor der Opernstiftung geht nach Hamburg, die Leiterin des Ballhauses Naunynstraße nach Wien, Armin Petras nach Stuttgart…

André Schmitz: Aber ich bitte Sie: Wenn Petras als Intendant des Maxim-Gorki-Theaters das Staatstheater in Stuttgart übernehmen kann, dann ist doch klar, dass er das deutlich bessere Angebot annimmt. Wenn man mir die Stelle des Kulturstaatsministers im Bund anbieten würde, dann würde ich mit Wowereit reden und fragen, ob er mich vorzeitig aus meinem Amt entlässt. Und wahrscheinlich hätte er Verständnis. Ich würde aber nicht den Regierenden dann noch beschimpfen.

Morgenpost Online: Es gab ja wohl Kommunikationsprobleme, das Gespräch fand zu spät statt.

André Schmitz: Ich hätte ihn gern gehalten. Aber grundsätzlich ist das nicht schlimm und alles andere als eine Ohrfeige für die Berliner Kulturpolitik, wenn Künstler, die wir geholt oder wie Shermin Langhoff quasi entdeckt haben, hier so erfolgreich sind, dass sie woanders nachgefragt werden.

Morgenpost Online: So wie Volksbühnen-Chef Frank Castorf, der den „Ring“ in Bayreuth 2013 inszenieren soll.

André Schmitz: Das ist doch toll, dass dafür ein Berliner Intendant gefragt wird. Höhere Weihen kann man doch nicht bekommen.

Morgenpost Online: So ein Engagement ist zeitintensiv. Kann er sich da noch um die Volksbühne kümmern?

André Schmitz: Das schafft der Frank, da mache ich mir gar keine Sorgen.

Morgenpost Online: Sein Vertrag läuft im Sommer 2013 aus. Verlängerung oder Neuanfang?

André Schmitz: Wollten wir nicht noch ein Foto machen?

Morgenpost Online: Sie müssten doch bald mit Castorf sprechen? Herr Schmitz, Sie wollen jetzt Ihren Standardsatz sagen?

André Schmitz: Gern: Vertragsverhandlungen führe ich grundsätzlich nicht über die Zeitung