Premiere

Rainald Grebe macht sich nackig

In seinem neuen Programm lässt Rainald Grebe im übertragenen Sinn die Hosen runter: Er lässt sein Publikum an seiner Jugend teilhaben - mit Pickeln und Partykeller.

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Nackt sein scheint unter lustigen Menschen gerade furchtbar in zu sein. Nachdem Kurt Krömer kürzlich blank zog und das dann konsequenterweise „Der nackte Wahnsinn“ nannte, kommt jetzt der Kabarettist Rainald Grebe mit seinem neuen Programm daher. Es heißt „Das Rainald Grebe Konzert“, und im Gegensatz zu Krömer hat das bei Grebe sogar eine Berechtigung. Ganz ohne Band, nur er alleine, na klar, der Flügel ist auch wieder dabei, aber ansonsten ist er wirklich nackt, im übertragenen Sinne natürlich.

Grebe zeigt Bilder aus seiner Jugend. Verpickelt spielt er im fichtenholzvertäfelten Partykeller der Eltern Blockflöte, sitzt er mit genau so viel Akne am Klavier und freut sich auch mit 16 noch über seinen Vater in der Verkleidung des Nikolaus. "Das Rainald Grebe Konzert“ ist ein melancholisches Familienalbum, bei dem man trotzdem lachen muss, man kennt es ja selbst, die Geborgenheit der bürgerlichen Spießigkeit, die erst viel später eigentlich ganz schön erscheint.

Wenn einer blinkende Hasenohren auf dem Kopf trägt, kann er nur albern aussehen. Rainald Grebe trägt also diesen seltsamen Kopfschmuck und läuft auf der linken Seite des Parketts auf und ab. Seinen Oberkörper bedeckt ein beiges Hemd, darüber ein graues Jackett und unten herum schlackert so ein Zwischending aus Jogging- und Anzughose. Im linken Arm hält eine große Pet-Flasche wie ein Neugeborenes. Das Plastikding liegt in diesem Dreieck, das Ellenbogen und Oberarm formen, nur den Kopf muss man nicht stützten, ist eben doch kein Kind.

Das Kind Rainald wuchs in Frechen auf. Das ist eine ziemlich durchschnittlich langweilige Kleinstadt bei Köln. Die größten Sehenswürdigkeiten sind ein Wasserturm und irgendwas mit Braunkohle. Der Islamist Pierre Vogel kommt auch von dort. Grebes Vater war einer, der sich schämte, kein Latein zu können, schließlich das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachmachte. Er schaffte es bis zum Professor für Bibliothekswissenschaften.

Und irgendwo zwischen Dorf, Kleinstadt und aufgestiegenem Bildungsbürgertum wuchs also dieser Rainald Grebe auf, der heute vierzig ist und bei seinen Shows immerzu musiziert. Das macht er meist am Klavier, dem bildungsbürgerlichsten Instrument überhaupt und er macht das mit einem Humor, der es zwar nicht ins Olympiastadion schafft, dafür haben seine Gäste aber auch keine Muster oder Geburtsdaten in den Hals tätowiert.

Grebe bekommt dafür Kabarettpreise, Kleinkunstpreise oder den Prix Pantheon, ist ja auch ganz ok. In die Wuhlheide letztes Jahr kamen trotzdem 14.000.

Die Einleitung, zugegeben, die ist ein bisschen holprig. Weil er den Weg zum Badezimmer vor Unordnung nicht mehr gefunden haben will, er sei ja Messi, habe Grebe beschlossen alles wegzuwerfen. CDs, Schallplatten, Bücher, Fotoalben, alles muss raus, soll aber vorher noch digitalisiert werden. „Sein Leben auf einem Stick“, nennt Grebe das.

Mit der Hand klappt er das Jackett auf, so wie ein Straßenhändler, der unter dem Mantel gefälschte Rolex-Uhren verkauft, und da hängen dann bestimmt 15 USB-Sticks nebeneinander, die sein ganzes Leben abbilden. Die ersten zwanzig Jahre aber, die seien „ein toter Winkel“. Für sich und das Publikum erinnert sich der Kabarettist noch einmal daran.

Er spielt also Songs über seine Heimatstadt, erzählt von seinem ersten Mal. Weil er aber Kabarettist ist, geht alles ein bisschen ruhiger zu. Am Flügel zieht er sich ein Kondom über den Kopf und beginnt zu spielen. Sie war 15, er siebzehn und ihre Eltern waren nicht da. In den Instrumentalpassagen zwischen den Versen pustet er durch die Nase Luft in das Gummi, das am Höhepunkt des Songs platzt.

Grebe ist kein Pointen-Prescher, der sich auf Genital-Humor verlässt und dabei von links nach rechts rennt. Sein größter Gag sind seine Augen. An wichtigen Stellen drückt er die Augäpfel richtig doll heraus Er bewegt sich ungelenk, fast steif, beim Reden hat er diese Verrenkungsgestik, die auch Christian Rach so komisch macht. Grebe ist kein Hüpf-, kein Schrei-Comedian. Er erzählt lieber davon, dass Billy Joel 1986 sein größter Held war oder sinniert über Hobbykeller. Das sei die Aufarbeitung einer Generation von Eltern, die im Luftschutzbunker ausharren musste und zur Kompensation wird dann eben dort gesoffen und furchtbarer Schlager gehört. Zum Beweis zeigt er dazu Fotos aus dem Familienalbum: Grebe mit einem ausgewaschenen. grauen „Athens-Marathon-Shirt“ am Klavier, die Akne im Gesicht blinkt wie eine rote Lichterkette, der Vater seltsam verkleidet mit einer Muskete in der Hand, die Putzfrau vor den spießigen Tellern die im Treppenhaus an der Wand hängen.

Ganz am Ende, es ist die dritte Zugabe, und Grebes drittes Glas Wein, da verspielt er sich, und vergisst den Text bei einem Lied über seinen Zivildienst in der Psychiatrie. Inzwischen trägt er auch Filzpantoffeln und nicht mehr die schicken Schnabelschuhe vom Anfang. Das ist dann so, als ob man bei einer Familienfeier um halb eins, kurz bevor alle ordentlich angeschickert in die Betten fallen, noch einmal alles steigern will. Am nächsten Morgen weiß man gar nichts mehr davon und hat nur die richtig guten Momente im Kopf. Familie ist ja eigentlich ganz schön.