Premiere in Berlin

Rainald Grebe kann sich einfach nicht entscheiden

Berlin spricht über die bevorstehende Abgeordnetenhauswahl im September. Rainald Grebe geht das nicht weit genug. In seinem neuen Stück am Maxim Gorki Theater inzeniert der Schauspieler und Regisseur seinen eigenen Berliner Wahlkampf.

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Rainald Grebe hat eine Reise in den Berliner Wahlkampf unternommen und ein wildes Potpourri daraus mitgebracht. Auf die Bühne des Maxim Gorki Theaters schaffen es Reden der Spitzenkandidaten, kleinkarierte Anwohnerinitiativen, das Beste aus 865 Interviews mit Bürgern und sogar noch ein Besuch im Kanzleramt. „Und? Ich habe jetzt ein paar Informationen, aber was fange ich damit an?“, hat Grebe sich im Vorfeld gefragt. Das hätten bei der Premiere des Stücks am Mittwochabend auch viele Zuschauer gerne gewusst.

Die Bühne ist Grebes Wahlkampfzentrale in einer Berliner Kellerwohnung, wo er zwischen verrosteten Rohren und alten Elektrogeräten daran arbeitet, politisch Stellung beziehen zu können. Sabine Waibel, Wilhelm Eilers, Hans Krüger und Grebe, der auch Regie führt, spielen dafür den Wahlkampf in skurriler Weise nach oder regen sich über ihn auf.

„Kein Mensch dieser Stadt verdient eine so unwürdige Regierung. Schämt Euch!“, schimpft etwa Waibel. Die vier haben Ende Mai eine Sitzung im Abgeordnetenhaus besucht und sind empört darüber, dass die Politiker dort vor allem damit beschäftigt sind, E-Mails zu lesen und in Zeitschiften wie der „Super Illu“ zu blättern. Parlamentspräsident Walter Momper sei schließlich in den Saal gekommen – aber nicht, um die Anwesenden zur Räson zu rufen, sondern um sich eine Praline von der SPD-Fraktion zu holen.

Der Lied-Kabarettist, Schauspieler und diplomierte Puppenspieler Grebe hat schon den „Ausweg aus der Spaßgesellschaft“ besungen, einen „Protestsong“ gegen die ökologische Avantgarde im Prenzlauer Berg gedichtet oder die Stadt in „Berlin, Halleluja Berlin“ hochleben lassen. Politisches Kabarett hingegen machte der 40-Jährige, der in der Nähe von Köln aufwuchs und seit vielen Jahren in Berlin lebt, bisher nicht.

Das soll sich nun ändern: Der Abend ist mit „Völker schaut auf diese Stadt“ überschrieben, in Anlehnung an eine Rede des ehemaligen Regierenden Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter. Doch statt wie damals mit großen Themen – Reuter sprach zur Berliner Luftbrücke 1948 – befasst sich die Berliner Politik nach Grebes Ansicht heute nur mit unbedeutenden Lokalproblemen: Dem Umbau der Kastanienallee, Hygiene-Smileys und Flugrouten.

Dementsprechend heißt der Untertitel: „Berlin wählt und Rainald Grebe kann sich nicht entscheiden“. Denn auch nach all den Recherchen und Interviews, bei denen Grebe von dem Journalisten Lucas Vogelsang unterstützt wurde, weiß Grebe nicht, wen er wählen soll. Vielleicht ist ihm das auch nicht so wichtig. „Da ist so ein Gefühl, Berlin regiert sich von alleine“, schrieb Grebe im Magazin der „Berliner Zeitung“.

Zweieinhalb Stunden wartet das Publikum darauf, dass Grebe zwischen all den Politik-Schnipseln endlich anhebt und eine seiner Hymnen singt. Schließlich setzte er sich doch noch ans Klavier, auch das ein oder andere Lied wurde geträllert. Doch Grebes starrer Blick mit den weit aufgerissenen Augen, mit dem er bei seinen Liederabenden immer zu seiner beißenden Kritik ansetzt und über die Lebensstile der Latte-Macchiato-Trinker und Manufactum-Katalog-Leser spottet, blieb leider aus.