Premiere in Berlin

"Ein Traum, dass Hollywood sich was traut"

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Zander

In Stieg Larssons neuem Film "Verblendung" spielt er einen investigativen Reporter, und dennoch lässt ihn die Rolle als 007-Star James Bond nicht los. Im Gespräch mit Morgenpost Online erklärt Daniel Craig, wie er über die Affäre von Bundespräsident Wulff denkt und was ein Reporter alles darf.

Daniel Craig muss sich warm anziehen. Derzeit dreht er am neuen, seinem dritten Bond-Film „Skyfall“. Ab nächster Woche ist er aber erst mal in „Verblendung“ zu sehen, den er am Donnerstag bei der Deutschland-Premiere am Potsdamer Platz in Berlin vorgestellt hat. Es ist die Neuverfilmung vom ersten der drei äußerst erfolgreichen „Millennium“-Thriller von Stieg Larsson.

Erst vor zwei Jahren gab es eine schwedische Version mit Michael Niqvist als investigativem Reporter, der von einem mächtigen Konzern diskreditiert wird. Auch die US-Version von David Fincher („Se7en“, „Fight Club“) wurde im kalten Norden Schwedens gedreht. Und jetzt muss sich der britische Star nicht nur den dauernden Vergleich mit früheren 007-Darstellern anhören, was ihn sichtlich ermüdet, jetzt muss er sich auch noch den „Verblendungs“-Vergleich gefallen lassen. Peter Zander traf den 43-Jährigen vor seinem Gang über den Roten Teppich im Hotel Adlon.

Berliner Morgenpost: Herr Craig, erst 007 und jetzt die Millennium-Trilogie. Sind Sie ein Serientäter?

Daniel Craig: Ich gehe nicht auf die Jagd nach Serien. So zielstrebig geh ich nicht vor. Und wer weiß, ob das eine Serie wird. Noch ist gar nicht klar, ob das zweite und dritte Buch auch verfilmt werden.

Berliner Morgenpost: Haben Sie den Vertrag nicht schon unterschrieben?

Daniel Craig: Unterschrieben ja. Wenn „Verblendung“ erfolgreich ist, werden wohl auch die anderen beiden „Millennium“-Bände verfilmt. Aber ob sie’s tun? Ich habe das nicht zu entscheiden. Ich kann nur so viel sagen: Ich würde es lieben, wieder dabei zu sein.

Berliner Morgenpost: Was reizte Sie an dieser Rolle?

Daniel Craig: Ich hab mal richtig Dialog, nicht nur One-liner… (lacht) Nein, die Herausforderung war, Grauzonen auszuloten. Ich spiele einen idealistischen, investigativen Journalist, der gegen Kriminalität und Korruption kämpft und von dieser Seite beschädigt wird. Am Anfang des Films ist seine Karriere ruiniert; er weiß nicht, was er jetzt machen soll. Außerdem ist er ein Frauenheld, ein Raucher, Trinker, und ein schlechter Vater. Da hatte ich viel zu tun.

Berliner Morgenpost: Ist das eine Art Anti-Bond: Sie haben keine Gadgets zur Hilfe, nicht Sie erwählen das Mädchen, sondern das Mädchen Sie – und die Actionszenen gehören auch ihr…?

Daniel Craig: Oje. Wenn Sie das so schreiben wollen, bitte, tun Sie’s. Ich kann Leute nicht davon abhalten, ständig zu vergleichen. Aber das ist nicht die Art, wie ich über meine Arbeit nachdenke.

Berliner Morgenpost: Sie hadern mit Ihrem 007-Status. Aber die Erwartungshaltung des Publikums können Sie doch nicht ganz ignorieren.

Daniel Craig: Keine Ahnung, was das Publikum von mir erwartet. Ist doch müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich bekomme ein Skript und versuche, es wahrhaftig rüberzubringen. Ich will mit dem Regisseur arbeiten und seine Visionen umsetzen. Ich kann nicht auch noch darüber nachdenken, was die Leute von mir denken. Oder auf welche Weise ich gehen soll.

Berliner Morgenpost: Fanden Sie das als Kind nicht komisch, wenn Sean Connery zwischen seinen Bond-Filmen etwas anderes drehte.

Daniel Craig: Das hat mich nie gestört. Bei Connery schon gleich gar nicht. Connery hat zwischen seinen Bond-Filmen auch andere Sachen gemacht, einen Hitchcock sogar. Seine Präsenz war das Wichtigste, nicht dass er Bond war. Sehen Sie, ich habe vor Bond auch schon 20 Jahre lang Filme gedreht. Meine Karriere lässt sich nicht darauf reduzieren. Und ich bin froh, dass ich nebenbei auch andere Sachen machen kann.

Berliner Morgenpost: Was hat Sie denn am meisten fasziniert an dem „Verblendungs“-Angebot?

Daniel Craig: Dass David Fincher mich angerufen hat und einen Film mit mir machen wollte. Ich bin ein großer Fan von ihm. Das war wie beim „Paten“: ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.

Berliner Morgenpost: Selbst wenn es den Film schon gibt? Und der gerade mal zwei Jahre alt ist?

Daniel Craig: Wir haben kein Remake gemacht. Wir haben das Buch noch mal verfilmt. Ich habe den schwedischen Film auch gar nicht erst gesehen, damit ich mir meinen eigenen Blick nicht verstelle. Nein, das Wesentliche ist doch Folgendes: Hier hat sich ein Hollywoodstudio einer Geschichte angenommen, die von Missbrauch handelt, Missbrauch von Macht, Missbrauch von Frauen. Und das wird auch gezeigt. Was für Erwachsene also. Remake hin oder her – die Tatsache, dass sie das machen, dass sie sich das trauen, dass sie David Fincher erlauben, dass alles zu zeigen – das ist doch ein Traum. Ein Traum, wenn Hollywood sich wieder ein bisschen anschubst und echte Filme produziert.

Berliner Morgenpost: Was sind „echte Filmen“?

Daniel Craig: Solche, mit denen ich aufgewachsen bin. So was wie „Der Pate“ oder „Serpico“. Das war große Unterhaltung, die hatten aber auch eine Botschaft. Beides auf einmal, das ist machbar. Nur findet man das heute leider nur noch sehr selten. Die trauen sich doch kaum noch was. Diese ganze Remake-Diskussion finde ich deshalb völlig irrelevant. Das sind zwei Verfilmungen, die können beide bestehen.

Berliner Morgenpost: Was glauben Sie, hat „Verblendung“ Oscar-Chancen oder ist er dafür zu sehr „Erwachsenenfilm“?

Daniel Craig: Also, David sagt immer, für den Oscar ist da ist zu viel Vergewaltigung drin. Aber – wer weiß?

Berliner Morgenpost: Sie spielen einen investigativen Journalisten, dessen Mittel nicht immer legal sind. Das lässt an den Murdoch-Abhörskandal vor kurzem denken. Haben Sie sich selbst je als Opfer der Presse empfunden?

Daniel Craig: Ich glaube, Opfer wäre das falsche Wort. Opfer sind die Dowlers, bei denen man sich in die Mailbox ihrer Tochter gehackt hat. Aber es ist ein schmaler Grat. Und da gibt es gerade eine ziemliche Diskussion bei uns. Das thematisiert ja auch der Film: Wo ist der moralische Kompass? Darf man sich bei Kriminellen in den Computer hacken, um sie zu überführen? Wenn ein Typ kriminell ist. Wenn er öffentliche Gelder veruntreut. Oder wenn Mister Präsident die „Bild“-Zeitung anruft und unter Druck setzt.

Berliner Morgenpost: Oh, Sie verfolgen die Debatte um unseren Bundespräsidenten?

Daniel Craig: Nicht wirklich. Bis gestern wusste ich nicht mal, dass es bei Euch einen Präsidenten gibt. Ich dachte, Ihr habt einen Kanzler. Welche Funktion hat der denn?

Berliner Morgenpost: Eine repräsentative. Ist sozusagen unsere Queen.

Daniel Craig: Okay. Nein, die Frage ist doch: Ist es wichtig, dass die Presse herauskriegt, zu welchem Zeitpunkt ein Promi aufs Klo geht? Mir ist das schnurz, aber ich bin ja angeblich ein Promi, also selbst betroffen. Wenn ein investigativer Journalist aber etwas Kriminelles aufdeckt, das ist etwas anderes. Ob er dabei auch kriminell handeln darf, das muss man sicher diskutieren.

Berliner Morgenpost: Bräuchten wir mehr Journalisten von dem Schlag, den Sie spielen?

Daniel Craig: Ja, das glaube ich schon. In Russland haben Journalisten ihr Leben verloren, nur weil sie die Wahrheit herausbekommen wollten, weil sie die Korruption bekämpft haben, weil sie ihre Meinung geäußert haben. Das finde ich unglaublich. Das sind Helden für mich. Ich könnte so was nicht. Dafür wäre ich nicht mutig genug.