Das Jahr ist eigentlich schon um, doch urplötzlich schießt ein lustiger Australier mit seinem Verblüffungshit "Somebody that I used to know" um die Ecke. Er heißt Wouter de Backer, nennt sich Gotye, ist 31 Jahre alt, sehr lockig und überaus freundlich. Ein Gespräch mit dem Klangtüftler über sein aktuelles Album "Making Mirrors".

Morgenpost Online : Wouter, wollen wir zunächst bitte klären, was es mit Ihrem Namen für eine Bewandtnis hat?

Gotye : Gern. Aber wollen Sie nicht erst mal ein Stückchen Schokolade? Die hat meine Freundin hier im Hotelzimmer vergessen. Sie ist auch Musikerin, spielt Folk, ist spazieren gegangen. Jetzt esse ich ihre Schokolade hier auf.

Morgenpost Online : "Somebody that I used to know" ist ein trauriges Trennungslied. Haben Sie sich mit Ihrer Freundin denn wieder versöhnt?

Gotye : Nein, nein. "Somebody" behandelt meine vorherige Beziehung, die in die Brüche ging. Stimmt, das Lied ist entstanden, als ich verzweifelt und traurig war, und doch hat es für mich auch eine trotzige, hoffnungsvolle Komponente. Ich glaubte immer daran, dass das Leben weitergeht, und ich habe ja auch Recht gehabt.

Morgenpost Online : Den Namen wollten Sie erläutern.

Gotye : Richtig. Also: Gotye wird Gautier ausgesprochen, das ist die wallonische Variante meines flämischen Vornamens Wouter. Als ich zwei Jahre alt war, emigrierten meine Eltern von Brügge nach Melbourne. Sie leben dort auf einem Hof, dessen Scheune ich mir jetzt zum Studio ausgebaut habe. In Australien nennen mich alle Wally, das ist am Einfachsten.

Morgenpost Online : Ihre Musik ist ungewöhnlich, eine klare Einordnung kaum möglich.

Gotye : Das ist beabsichtigt. Ich liebe sehr viele unterschiedliche Arten von Musik. Die Entscheidung zugunsten eines spezifischen Stils würde mir schwerfallen, deshalb unterlasse ich sie. Es sind zudem wirklich widersprüchliche Wünsche und Ansprüche, die ich an meine Musik habe. Ich finde Joni Mitchell, ihren ruhigen Stil und ihre persönlichen Texte toll. Der andere Teil von mir wiederum steht auf komplexe Produktionen und Dance Music.

Morgenpost Online : Stimmt es, dass Drew Barrymore ganz verrückt nach Ihren Songs ist?

Gotye : So ist es. Sie hat meine Single "Learnalilgivinanlovin’" gleich in mehreren ihrer Filme eingesetzt. Auch Katy Perry hört meine Lieder gern, auf ihrer Tour hat sie immer "Somebody that I used to know" gespielt, bevor sie auf die Bühne kam. Diese Dinge sprechen sich herum, gerade im Internet. Seit Neuestem verkaufe ich überall in der Welt Downloads, obwohl mein Album dort noch gar nicht erschienen ist.

Morgenpost Online : Ihre Lieder nehmen Sie aber althergebrachte Weise auf?

Gotye : Ja, ich will nicht zu zeitgemäß klingen. Mir ist ein kantiger, eckiger Sound wichtig, organisch muss es sein. Für "Eyes wide open" bin ich sogar in die Wüste gezogen. Den Bass nahm ich am "Winton Musical Fence", einer riesigen Installation aus mit Zaunpfählen verbundenen Metallseilen mitten im Outback, 300 Kilometer von der nächsten nennenswerten Ortschaft entfernt, auf. Das war ein echtes Abenteuer. Wir haben von dem Ausflug einen Film gedreht, den kann man sich im Netz anschauen.

Morgenpost Online : "Making Mirrors" ist ein detailverliebtes Album.

Gotye : Mein Gott, ja, das ist wahr. Die Arbeit hat zweieinhalb Jahre gedauert, und ich wollte gar nicht, dass sie aufhört. Die größte Befriedigung erlebe ich, während ich an einem Song bastele. Ist er fertig, fällt es mir schwer, die anfängliche Begeisterung zu halten. Am liebsten mag ich die Lieder, die ich schnell fertig bekomme, denn dann bleibe ich näher dran an meiner Ausgangseuphorie. "Somebody that I used to know" habe ich sehr schnell geschrieben. Lange gedauert hat es nur, bis ich mit Kimbra aus Neuseeland die passende Co-Sängerin gefunden hatte.

Morgenpost Online : Mögen Sie Ihre eigene Stimme?

Gotye : Es wird besser. Ich singe nur gerne, wenn ich meine Stimme wirklich klar dabei hören kann. Wenn es ruhig ist im Club.

Morgenpost Online : Sie leben mit Ihrer Freundin in Melbourne, haben sich aber auf der außerhalb gelegenen Farm Ihrer Eltern ein Studio gebaut. Warum gerade dort?

Gotye : Ich wollte einen Ort, an dem ich ewig an den Tracks weiterschrauben kann. Denn diese Wissenschaft, Elemente zusammenzusetzen, zu schichten, wieder auseinanderzubauen, Geräusche, Instrumente einzubauen, die macht mich einfach nur glücklich. Sie dürfen mich gerne als Nerd bezeichnen, das ist ein Kompliment.

Morgenpost Online : Wie geht ein Nerd wie Sie damit um, Popstar zu werden?

Gotye : Das war ein Gewöhnungsprozess. In Australien haben sie schon mein zweites Album "Like drawing Blood" vor drei Jahren hoch und runter gespielt. Erst kannten wenige Menschen mein Gesicht, dann viele. Glücklicherweise sind alle, die mich auf der Straße treffen, wirklich lieb zu mir. Weder als Mensch noch als Musiker bin ich jemand, der Aggressionen hervorruft.

Morgenpost Online : Wie kommerziell ist Ihre Musik?

Gotye : Ich mache Popmusik, aber es ist eben keine Popmusik im Sinne einer Kylie Minogue. Sondern etwas abwegige, nicht so offensichtliche Popmusik. Mein Ziel ist es, hochwertigen Klangpop mit intellektuellem Anstrich zu verfassen – zu dem man trotzdem noch tanzen kann. Ich denke, ich eifere in erster Linie Peter Gabriel und Kate Bush nach.

Konzerte: 21.2. Berlin, 24.2. Hamburg, 25.2. Köln, 26.2. München