Ruhestand

Joachim Sartorius verlässt die Berliner Festspiele

Eine Ära geht zu Ende. Nach elf Jahren räumt der Chef der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, sein Büro. Er hatte es nicht immer leicht, alle Erwartungen zu erfüllen. Eine Bilanz.

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Seine Festival-Eröffnungsreden mit den Publikumsschmeicheleien, von denen man nie so richtig wusste, ob da nicht doch ein Hauch von Ironie mitschwebte, sind ebenso berühmt wie seine ruhige, unaufgeregte Art zu sprechen: Eine Bühne wird Joachim Sartorius ab Jahresende fehlen, denn der Chef der Berliner Festspiele geht nach elf Jahren in den Ruhestand.

Sartorius freut sich darauf, seine „Feder in ein Tintenfass zu tauchen.“ Als Festspiele-Leiter „war es für mich immer sehr schwierig, Zeit zu finden für das, was ich sonst noch tun wollte: schreiben, übersetzen, herausgeben.“ Der 65-Jährige hat schon Verträge mit zwei Verlagen abgeschlossen und auch seine Reisen werden künftig einen anderen Charakter haben: weniger zielgerichtet.

Radikale Entwicklungen

Als Joachim Sartorius sein Amt vor elf Jahren antrat und Ulrich Eckhardt beerbte, der 28 Jahre lang Intendant war, kündigte Sartorius deutliche Veränderungen an. Einen Paradigmenwechsel nennt man so etwas gern. Er sehe den Auftrag darin, „das kulturell Beste der Welt in Berlin zu sammeln“. Berlin müsse sich als Hauptstadt und als Metropole in Europa kulturell profilieren. Als Hauptakzent müssten „innovative, radikale, zeitgenössische Entwicklungen“ aufgezeigt werden.

Ein Jahrzehnt später – und mittlerweile unter dem finanziellen Schirm des Bundes, denn das Land Berlin hatte sich am Anfang der Ära Sartorius zurückgezogen, klingt die Bilanz etwas ernüchternder: „Wir sind die Festspiele des Bundes in der Hauptstadt, das löst Erwartungen aus.“ Aber der „Spagat zwischen dem Schwierigen, dem Sperrigen und dem Spektakulären“ sei zumindest in der zweiten Hälfte der Amtszeit gelungen. Am Anfang, das klingt sartoriusgemäß mehr zwischen den Zeilen an, musste er einiges an Kritik einstecken. Zu wenig Repräsentatives, kaum Glanz. Er fuhr dann zweigleisig, lud prominente Künstler wie Robert Lepage, Isabell Huppert oder Pina Bausch ein – und füllte damit das Festspielhaus mit seinen über 1000 Plätzen. Das Experimentelle wurde durch große Namen salonfähig gemacht oder auf der Seitenbühne präsentiert, denn es „ist langweilig, immer nur diese großen Namen zu bringen.“ Zumal „unsere eigenen Leidenschaften in die Richtung Entdeckungen gehen.“

Das Konzept ging auf, die Kritik, auch die grundsätzliche, die selbst vor dem Theatertreffen nicht halt machte, verstummte. Mittlerweile kommt selbst Kulturstaatsminister Bernd Neumann zur Eröffnung der Leistungsschau der deutschsprachigen Bühnen, auch wenn er keinen Hehl daraus macht, dass er sich als filmaffiner Mensch unter so vielen Theaterleuten nicht gerade heimisch fühlt.

Und der Bund hat sich in diesem Jahr mit einem zweistelligen Millionenbetrag zu den Festspielen bekannt: Das Haus an der Schaperstraße, die frühere Freie Volksbühne, wurde ebenso saniert wie der Martin-Gropius-Bau in Kreuzberg.

Der ist finanziell dürftig ausgestattet, mitunter können Ausstellungen nur realisiert werden, wenn der Hauptstadtkulturfonds das Vorhaben mit viel Geld unterstützt – was regelmäßig und völlig zu Recht kritisiert wird, weil eigentlich innovative Projekte und keine Bundesinstitutionen unterstützt werden sollen. Ob Joachim Sartorius' entsprechender Hinweis samt tiefem Blick in die Augen von Neumann bei der letzten Aufsichtsratssitzung, bei der Sartorius verabschiedet wurde, etwas nutzen wird? Schließlich schafft es der Kulturstaatsminister seit Jahren, seinen Etat allen Krisen und Sparrunden zum Trotz stetig zu erhöhen.

Eigene Akzente, neuer Charakter

Sartorius hat nicht alles neu gemacht, aber eigene Akzente gesetzt, den Charakter der Festspiele verändert. Die alten Festwochen wurden aufgelöst, zwei neue Festivals sind daraus entstanden. Das Musikfest, bei dem die großen Klangkörper dieser Welt in Berlin gastieren und die Spielzeit Europa, die internationalen Tanz- und Theaterproduktionen eine Bühne bietet. Für die neuen Klänge wurde das Festival MaerzMusik gegründet. Und das Theatertreffen wurde internationaler. Nicht bei den eingeladenen Stücken (ein englischsprachiges Mini-Musical war die Ausnahme), sondern bei den Gästen. Der Anteil der ausländischen Besucher liegt laut Sartorius bei 15 bis 20 Prozent und bei der Einführung von Übertiteln bei Theateraufführungen gehörten die Festspiele zu den Pionieren in Berlin.

Dass „Osteuropa keinen Sexappeal für die Berliner hat“, das kann sich Sartorius nicht erklären, denn eigentlich müsste es ja allein wegen der geographischen Lage ein Interesse an der östlichen Kultur geben. Die hält sich aber in Grenzen, entsprechende Veranstaltungen beispielsweise beim Literaturfest waren schlechter besucht als solche, bei denen es um Arabien oder Kalifornien ging.

Bis Ende dieser Woche hat der Festspielchef Zeit, sein Büro im Haus an der Schaperstraße zu räumen. Es ist ein sehr heller Raum mit viel Glas – man denkt mit Grausen an die Energiebilanz, aber bei der Sanierung wurde der Verwaltungstrakt ausgenommen. Eigentlich lief Sartorius' Vertrag schon vor einem Jahr aus, aber Neumann wollte ihn noch ein bisschen behalten. Was auch daran lag, dass noch ein Nachfolger gefunden werden musste. Sartorius hat sich nach eigenen Angaben nicht in die Kandidatensuche eingeschaltet, aber vehement für einen Generationswechsel plädiert.

In diesem Punkt hat Neumann ihn erhört. Der neue heißt Thomas Oberender, wurde 1966 in Jena geboren und leitete zuletzt die Schauspielsparte der Salzburger Festspiele. Am 2. Januar bezieht er sein Büro bei den Festspielen.

Von Joachim Sartorius wird man weiterhin etwas hören – wahrscheinlich keine Ansprache mehr ans hochverehrte Publikum des Festspielhauses. Warten wir auf die Verlage.