Dokumentation

Ein schräger Blick auf die bedrohte Festung Europa

Die Doku "Abendland" zeigt Europa aus originellen Perspekitven: Von Sargverbrennungen als Fließbandarbeit bis zu Wutbürger-Happenings im Wendland.

Wenn von Europa als „Abendland“ die Rede ist, weiß man, wohin der Hase läuft. Auch wenn das Wort „Untergang“ aus der Mode gekommen ist, steht doch der Kulturpessimismus sofort mit im Raum.

Und wenn in den ersten Szenen von Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm ein mit Nachtsichtgerät ausgestatteter Wagen durch stille Landschaften fährt und der Fahrer die Ereignislosigkeit in eine anonyme Zentrale durchgibt, begreift man sogleich, dass man sich am Rand von Europa aufhält, und dass es im Folgenden auch darum gehen wird, dass sich hier eine Zivilisation abschottet, beziehungsweise bedroht fühlt.

Zu Besuch beim Oktoberfest

Was diese Zivilisation ausmacht, davon zeichnet Geyrhalter ein Bild. Aufnahmen aus einer Neonatologiestation in Graz, wo liebevoll und auf höchstem technischen Stand Frühgeburten gepflegt werden, lösen sich ab mit Aufnahmen vom Münchner Oktoberfest , wo eine Palette gebratener Hähnchen durch ein vollbesetztes Bierzelt getragen wird.

Man bekommt einen kurzen Einblick in eine Debatte im europäischen Parlament , wo sich ein Abgeordneter darüber beklagt, dass die Sprache seines Landes nicht unter den offiziellen Sprachen vertreten ist. In einem Roma-Camp in Italien wird gerade dessen Auflösung und der Umzug der Familien organisiert.

Eine Mitarbeiterin einer holländischen Telefonseelsorge versucht einfühlsam ihr Gegenüber zum Sprechen zu bringen. Szenen aus einem Krematorium zeigen das Sargverbrennen als eine Art Fließbandarbeit. Und im Wendland treffen sich Polizisten und Demonstranten nächtens zu einer Art Protesthappening.

Der Film endet mit einem Grenzzaun

Kommentarlos schneidet Geyrhalter das alles hintereinander; was dazu zu sagen wäre, formt sich wie allein im Kopf des Zuschauers: Leben und Sterben, Lieben (es gibt tatsächlich Sexszenen aus einem tschechischen Erotikclub), Altern und Feiern ist bestens organisiert und überwacht in der „Festung Europa“.

Aber der große Aufwand, der von viel Technik und mit viel Nachtarbeit betrieben wird, kann eben nur für die, die „drin“ sind, geleistet werden. Am Ende stehen deshalb die Aufnahmen eines langen Grenzzauns. Einerseits liefert Geyrhalter ein faszinierendes Porträt moderner gesellschaftlicher Funktionsweisen, andererseits aber macht er es sich mit der implizierten Zivilisationskritik auch zu einfach.