Berliner Spaziergang

H.P. Baxxter - der konservative Rebell

Morgenpost Online trifft Menschen, die etwas bewegen. Dieses Mal: ein Spaziergang mit H.P. Baxxter, Frontmann der Techno-Band Scooter. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke.

Dieser Spaziergang wird wohl keiner werden, ich habe direkt vor dem Treffen Augentropfen vom Arzt bekommen. Es ist Abend und stockdunkel draußen, jede Straßenlaterne brennt wie ein Blitz. Fotografiert wurde schon nachmittags, ohne mich. Es gibt jetzt also zwei Möglichkeiten: Entweder ich hake mich bei meinem Spaziergangspartner unter, und wir gehen wie ein Paar durch den Wald, oder wir bleiben einfach da, wo wir sind: im „Schlosshotel im Grunewald“.

Letztere Variante gefällt mir besser, denn, abgesehen davon, dass ich nichts sehe, hat mein Gegenüber nicht den Ruf eines Typen zum Ankuscheln: Es ist H.P. Baxxter, Sänger der Techno-Band Scooter.

Im wahren Leben heißt H.P. Baxxter Hans-Peter Geerdes. Den Spitznamen H.P. („Äitsch-Pi“) gab ihm ein Chemielehrer zu Schulzeiten. In der Hotelbar (glücklicherweise schummrig) lässt er sich in einen der schweren Sessel fallen, bestellt Baileys auf Eis und zündet sich eine Zigarette an. Er sieht tatsächlich eher aus wie ein H.P. als ein Hans-Peter. Er trägt enge zerschlissene Jeans, einen Ohrring, Augenbrauen-Piercing und seine unverkennbare Frisur, diese weißblond gefärbten Stoppelhaare. Er ist ziemlich braun und dünner als erwartet, fast ein bisschen knochig.

Dass wir nun doch nicht spazieren gehen, ist ihm ganz recht. Er hätte wohl ohnehin keine große Lust dazu gehabt, denn er kommt gerade aus dem Wellnessbereich und möchte da auch so schnell wie möglich wieder hin. „Richtig spazieren gehe ich in Berlin eher selten“, sagt er. „Wenn, dann aber gleich hier im Grunewald.“ Sein Zuhause ist eigentlich Hamburg, aber Berlin und dieses Hotel sind so etwas wie sein zweiter Wohnsitz.

Im Hintergrund läuft Swingmusik, der Barmann poliert Gläser, jemand raucht Zigarre. Einerseits wirkt H.P. fremd zwischen all dem Stuck, dem Fischgrätparkett, den schweren Vorhängen und edlen Hölzern. Andererseits passt er genau hierher. Vielleicht liegt es daran, dass man ihn hier kennt und auch wie einen Stammgast behandelt, den Herrn Geerdes, den Rockstar. Seit Jahren steigen er und seine Entourage oft mehrmals im Jahr in dem hübschen Boutiquehotel ab.

1999 habe er zum ersten Mal hier übernachtet, erzählt er und lässt den Blick von der Bar zur Lobby wandern. Mit den jeweils neuen Inhabern sei das Haus modernisiert worden. „Anfangs war ich da ein bisschen skeptisch“, sagt er. „Ich mag das hier so, wie es ist, ich finde, dieser Stil hat etwas Zeitloses.“ Gebucht wird immer dieselbe Suite, seit zwölf Jahren. „Irgendwann war die plötzlich mausgrau gestrichen. Das fand ich echt gewöhnungsbedürftig.“ Er lacht. Es klingt heiser und verliert sich in einem Husten. Morgens war er noch in Kiew, eigentlich ist er dauernd unterwegs. Aber wenn er irgendwo ist, mag er Beständigkeit. „Zum Glück haben sie hier insgesamt wenig verändert.“

Ausgestopfte Tiere zu Hause

Auf seine eigene Art ist H.P., nennen wir ihn jetzt einfach mal so, wie ihn alle nennen, konservativ. „Das wird ja oft verwechselt mit altmodisch“, sagt er. „Wenn die Leute hören, dass man Antiquitäten oder ausgestopfte Tiere an der Wand hat, finden das viele spießig. Aber das finde ich nicht. Klassisch ist das. So wie die Einrichtung hier im Hotel.“ Auch zu Hause in Hamburg habe er englisches Mobiliar und Tierpräparate. Ein Konzertveranstalter aus Namibia habe ihm mal einen Antilopenkopf mitgebracht. Er lacht. Der Kopf hänge jetzt im Treppenhaus seines Hauses im Duvenstedter Brook, einem Wäldchen im Nordosten Hamburgs. „Ich fand das ganz schön und habe mir dann noch ein Gnu und ein Löwenfell mit Kopf dazugeholt.“ Alles alte Sachen – „ich würde es nicht unterstützen, dass die Tiere extra dafür abgeknallt werden, das sind keine Trophäen, ich finde die einfach nur schön“.

H.P. ist jetzt 45 Jahre alt. Seit bald zwei Jahrzehnten ist er mit Scooter international gefragt, mehr als 30 Millionen Platten und CDs hat die Band mittlerweile verkauft. Scooter gilt mit mehr als 20 Top-Ten-Hits in den offiziellen Media-Control-Single-Charts als eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands. H.P. Baxxter heizt als Frontmann in ganz Europa ein. Das Erfolgsrezept scheint einfach: ein „Itz, itz, itz“-Rhythmus und darauf eine leicht zu merkende Zeile wie „Hyper Hyper“, „Move your ass“, „Break it up“, „Jigga Jigga“ oder „Shake that“. H.P. ist der Einheizer der Großraumdiscos und Mehrzweckarenen. Man weiß gar nicht mehr, was zuerst da war: das Stadiongebrüll „Döt-döt-döt-di-di-döt-döt-döt“ oder der gleichlautende Schlachtruf. Nicht schön, aber schön laut.

Bevor es ihn in diese laute Welt zog, lebte er das Leben eines Jungen vom norddeutschen Dorf. Genauer: einer ostfriesischen Kreisstadt. Hans-Peter Geerdes wurde im niedersächsischen Leer an der holländischen Grenze geboren und wuchs in einem Vorort der 34.000-Einwohner-Stadt auf. Mit einer Kirche schräg gegenüber und einem Feld hinter dem Haus. Er habe eigentlich nur draußen gespielt als Kind, „da war ganz viel Platz, das fanden wir natürlich toll“, erinnert er sich. „Wir haben ein Baumhaus gebaut aus alten Brettern und einen Schuppen.“ Schon mit acht, neun Jahren habe er dort mit Freunden „Rockband“ gespielt. Nachmittags gab es zu Hause Tee – „das macht man ja so bei uns in Ostfriesland“. Das Stichwort. Also: Sein bester Ostfriesenwitz? Er kichert. „Ich kenne nur diese steinalten Witze aus den 70ern oder so. Weil, irgendwann waren die ja nicht mehr so angesagt. Warum streuen Ostfriesen immer Pfeffer und Salz auf den Fernseher?“ Den kenne ich. „Damit das Bild schärfer wird.“ – „Genau!“ Er prustet los, hustet, beruhigt sich mit einem Schluck Baileys und einer weiteren Zigarette. „Aber der hat ja echt so nen Bart!“ Er fängt sich wieder.

Als Jugendlicher sei die Musik wichtiger geworden. „Man ist dann zu Kumpels gegangen, jeder seine Singles unter dem Arm, und dann hat man die sich gegenseitig überspielt. Oder mit dem Kassettenrecorder Musik aus dem Radio aufgenommen.“ Sonntags war Familientag, mit den Eltern fuhren er und seine Schwester Britt in den Wald oder an die Küste. „Das hab ich als sehr schön in Erinnerung.“ Gehasst habe er Verwandtenbesuche, „weil da überhaupt nichts passierte. Da hörte man nur so die Uhr ticken, und die Zeit ging nicht rum.“ Seine Mutter habe das im Gegensatz zum Vater auch nicht gemocht und sei froh gewesen, wenn die Kinder irgendwann unruhig wurden.

Mit 14 spielte er in einer Schülerband E-Gitarre. „Da hab ich gemerkt: Das ist meine Welt!“ Die Eltern organisierten einen Übungsraum im Gemeindezentrum, wo er die Nachmittage verbrachte und Hardrock-Songs spielte. „Ich hab das immer sehr ernst genommen“, sagt er. „Wenn die anderen nicht zu den Proben kamen, was oft passierte, war ich total sauer.“ Ihm sei schnell klar geworden, dass er raus musste aus der Provinz, dorthin, wo es noch mehr Leute wie ihn gab, Leute, die professionell Musik machen wollten.

Nach dem Abitur zog er nach Hannover. Eigentlich habe er dort eine Ausbildung machen wollen, „um meine Eltern zu beruhigen, denn ich wollte ja sowieso nur Musik machen“. Er fand aber keinen Ausbildungsplatz und schrieb sich deshalb erst einmal für Jura an der Uni ein. „Physisch war ich da aber nur drei Wochen anwesend.“ Stattdessen jobbte er und spielte in einer Synthie-Pop-Band. Seine musikalischen Vorbilder waren damals New Wave-Größen wie The Cure und Depeche Mode. „Irgendwann war da die Luft raus, das hat keinen mehr wirklich interessiert.“ Auch Hannover hatte sich damit erledigt. Er ging nach Hamburg und arbeitete im Vertrieb eines Plattenlabels, dort lernte er die Musikrichtungen Acid House und Techno kennen. Und den späteren Manager von Scooter, Jens Thele. 1993 gründete H.P. zusammen mit ihm, Rick J. Jordan (eigentlich Hendrik Stedler) und seinem Cousin Ferris Bueller (eigentlich Sören Bühler) die Band The Loop, wenige Monate später wurde daraus Scooter. Im Mai 1994 erschien „Hyper Hyper“ und erreichte europaweit die Top 5. Es war eigentlich gerade die Zeit von Grunge und Hip-Hop – viele glaubten an ein One-Hit-Wonder, wurden aber eines Besseren belehrt.

So erfolgreich die Band, gemessen an Plattenverkäufen und Auszeichnungen, ist, so viel Gegenwind hatte Scooter von Beginn an. H.P. nimmt Kritik gelassen, er hat seine Schäfchen im Trockenen. Arbeitet viel, ist manche Woche jeden Tag in einer anderen Stadt, wird dafür aber gut bezahlt. Früher, sagt er, habe es mehr Leute gegeben, die zu ihm kamen und sagten: „Ey, Äitsch-Pi, deine Musik ist echt scheiße!“ „Das ist halt Geschmackssache“, findet er. Mit den Songs hält er es wie mit seiner Frisur oder dem Lieblingshotel: Warum ändern, was sich bewährt hat?

Sein Vater ist tot, aber selbst seine Mutter höre die Musik ihres Jungen ganz gerne. „Sie findet nicht alles gut, die ist da schon kritisch. Mama mag eigentlich die Sachen am liebsten, die so richtig losmarschieren, die richtig Energie haben. Sie sagt, dass sie sich manchmal morgens unsere Musik anmacht, zum Aufwachen. Oder wenn sie schlecht drauf ist.“ Er lacht. Seine Mutter ist jetzt 70 Jahre alt, aber wenn Scooter irgendwo in der Nähe von Hannover, wo sie wohnt, ein Konzert geben, dann kommt sie manchmal mit Freundinnen zur Show.

Mit 45 zweimal geschieden

Wenn H.P. in Norddeutschland ist, ist er nicht der 45 Jahre alte Rockstar. Dann ist er der, den alle von früher kennen. Er hat noch einige Freunde von damals, seine Familie sind vor allem die Mutter und seine Schwester. Er selbst ist zweimal geschieden, einen Kinderwunsch habe er „so konkret“ noch nicht gehabt. In den längeren Beziehungen sei es nie lange genug „rund gelaufen“. Dafür hat er eine Nichte und zwei Neffen. „Der Älteste ist gerade 18 geworden – da ist mir bewusst geworden, wie lange wir schon unterwegs sind.“ Zu Hause habe er ein altes Babyfoto von seinem Neffen mit einer „Hyper Hyper“-CD in der Hand. Er schüttelt den Kopf, als könne er es selbst kaum fassen.

Um sich nicht selbst irgendwann auf der Bühne zu langweilen, variieren Scooter ihre Songs immer mal, „frischen sie mit neuen Sounds auf“, wie H.P. das nennt. Ab und zu arbeiten sie auch mit anderen Künstlern zusammen, für das neue Album „The Big Mash Up“ zum Beispiel mit Schlagersängerin Vicky Leandros. Das hört sich dann so an: H.P. brüllt: „Right, right crew, is everyone in? Everybody in the place, it's time to spin …“ Dann hört man Vicky Leandros trällern: „Doux, doux l'amour est doux …“ Man kann davon halten, was man will – während andere Techno-Größen der Neunziger wie Marusha oder Westbam quasi in der Versenkung verschwunden sind, sind Scooter immer noch da.

Nach so langer Zeit nehme er vieles jetzt gelassener, sagt H.P. Weitermachen will er so lange, wie der Erfolg bleibt. „Könnte aber auch sein, dass ich von heute auf morgen sage: Nö, keine Lust mehr.“ Die Szene hat sich verändert, zuletzt prägte sie das Unglück auf der Loveparade 2010 in Duisburg, bei dem 21 Menschen starben und mehr als 500 zum Teil schwer verletzt wurden . Scooter waren damals nicht dabei, sie spielten in Belgien auf einem Festival. Er habe nie nachvollziehen können, „warum die Loveparade von Berlin in die Provinz verlegt wurde“, sagt H.P. „Die Loveparade war für mich schon damals gestorben.“

Berlin sei doch immer die Ausgehstadt gewesen, die Techno-Stadt. Mehrmals habe er mit dem Gedanken gespielt, ganz hierherzuziehen. „Hier passiert viel mehr, hier ist einfach ne andere Stimmung. Alles, was Kunst macht, alles, was kreativ ist, trifft sich in Berlin.“ Hamburg dagegen sei gesetzter. „Das gefällt mir natürlich sehr gut.“ Er grinst. Da ist er wieder, der verkappte Konservative. Vielleicht, sagt er, werde er es irgendwann tun. „Zum Glück sind wir ja sowieso oft hier.“ Bis dahin wird weiter in Berlin abgegangen und in Hamburg runtergekommen.

H.P. guckt auf die Uhr, der Wellnessbereich schließt gleich. Der Baileys ist leer, draußen ist es noch dunkler, falls das geht. Ich kann die Uhrzeit nicht erkennen, habe Pupillen wie Lakritztaler. Letzte Frage: Lieblingsschlachtruf? H.P. lacht und brüllt plötzlich: „Ihr seid ja alle wahnsinnig!“

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