Deutschland-Tour

Elfenwesen Laura Marling verzaubert und betört

Laura Marling, die Folk-Sensation des Jahres, erwärmt die Herzen im Berliner Postbahnhof. Dabei wirkt sie wie ein schüchternes Mädchen.

Es soll schon vorgekommen sein, dass Laura Marling an der Tür zu ihrem eigenen Auftritt abgewiesen wurde. Das Konzert fand dann im Freien statt. Sie packte die Gitarre aus und sang, die Gäste strömten zu ihr auf die Straße. In den Postbahnhof haben die Türsteher sie eingelassen. Laura Marling tritt ans Mikrofon, ein Elfenwesen mit strohblondem Haar, einem Fledermauspulli, einer Gitarre, die an ihr so riesig aussieht wie ein Kontrabass, und einer glockenhellen Stimme.

21 Jahre ist die Britin alt, sie wirkt entschieden jünger. Schüchtern schaut sie in den überfüllten Saal. Die Leute rasen und die kleine Halle bebt, als sei eine Legende wiederauferstanden, und das trifft auf Laura Marling sogar zu, wenn man so will.

Sie bringt den Folk zurück. Nicht als Behauptung und mit Vorsilben wie Anti-, Freak- und Nu-Folk. Sie singt „I Was Just A Card“, und darin geht es um die Liebe und den Morgenhimmel, um die Trennung und die Dämmerung. So schlicht und schön.

Sie mochte Bob Dylan mehr als Robbie Williams

Die fünfköpfige Band spielt Mandoline, Banjo, Cello und Klavier, ein kleines Schlagzeug, Flügelhorn und Standbass. Keine allzu abseitigen Instrumente wie die herkömmlichen Hipsterbands mit ihren Tröten und Computerspielkonsolen auf der Bühne.

Laura Marling schart zurückhaltende Musiker um sich und keine filzbärtigen Käuze mit Ebay-Gitarren und grotesken Hüten. Sie singt einfach ihre Lieder mit geschlossenen Augen und hat nichts dagegen, wenn sie klingt wie Joni Mitchell oder Sandy Denny auf den Platten aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern.

Sie selbst kam 1990 auf die Welt, in Eversley, einem Dorf zwischen London und Bristol. Laura Marlings Vater unterhielt ein Landstudio für Musiker, die sich nach Abgeschiedenheit und Ruhe sehnten, und sie hörte gern die Knisterplatten ihres Vaters. Auf der Schule in der nächstgelegenen Stadt galt sie als Außenseiterin, weil sie Bob Dylan mehr mochte als Robbie Williams .

Mit 18 nahm sie ihr erstes Album auf

In der Freizeit fertigte sie eigene Stücke zur Gitarre an. Sie nahm die Lieder auf Kassetten auf, ihre gelungensten vertraute sie sozialen Netzwerken wie Myspace an. Sie sang sich durch die Vorprogramme von Studentenstars wie Adam Green. Im Fernsehen trat sie in einer Talentshow auf und zupfte sich im Spice-Girls-T-Shirt durch ein Lied, das klang, als sei es am Kamin seit den Normannenkriegen überliefert worden.

Sie war 17, und es schien, als hütete sie ein historisches Geheimnis. In West-London trat sie einem Zirkel junger Folkloristen bei, die, angeregt vom Freak-Folk, Gruppen gründeten wie Noah & The Whale und Mumford & Sons. Mit 18 setzte sie sich von der Szene ab, vertonte die Beziehungen zu Sängern der Boheme, und nahm ihr erstes Album auf. Sie singt daraus „My Manic & I“, es geht um überspannte junge Männer in der Großstadt und um Lauras Flucht davor.

Wenn Marling sich verplappert, lacht sie über sich

Man würde gern, an diesem Abend noch, sein Bündel schnüren und die Stadt verlassen, Bäume hegen oder Schafe hüten, ohne sich von angestrengten neuen Folksongs oder Zeitschriften wie „Landlust“ vorschreiben zu lassen, wie. Das ist die Kunst bei Laura Marling: Sie singt Lieder, die wie Kunstgewerbe wirken könnten, wie gesungene Antiquitäten für den zivilisationsmüden Zeitgeist.

Dass die Lieder mehr sind, liegt an ihnen selbst und daran, wie sie Laura Marling vorträgt, als Persönlichkeit. Vor allem, wenn die Band für einige Songs verschwindet und sie schutzlos auf der Bühne stehen lässt. Sie kann über sich lachen, wenn sie sich zu schnell begleitet und verhaspelt.

Sie stimmt umständlich ihre Gitarre. Sie sagt deutsche Sätze auf, die sie gelernt hat. Sie verplappert sich, wenn sie erörtern möchte, was „Flicker And Fail“ mit ihrem Vater und mit iTunes, dem Musikkaufhaus im Internet, zu tun hat. Und dann singt sie so ein analoges Lied, als wüsste sie etwas, dass sie auf keinen Fall verraten dürfe. Eine Frau, die sich zu alt fühlt für das Mädchen, dass man in ihr sieht.

Weitere Auftritte: 16.11 Frankfurt, 17.11 Brüssel, 18.11. Den Haag